Robert Wilson: Stirb für mich

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Robert Wilson; © Gabriel Pecot

Die nächtliche Maiden Lane in London, eine Gruppe ausgelassener, angetrunkener junger Menschen in Partystimmung. Die Industriellentochter Alyshia mittendrin. Plötzlich von einem Schwindelgefühl erfasst, wird sie von einem Freund in ein Taxi gestoßen, das mit ihr davonbraust. „Wir wissen, wohin wir fahren“, sagt der Fahrer zu der Entführten. Zumindest im englischen Original sind diese ersten drei Seiten auch sprachlich beschleunigt („The paella yawn in the cruella dawn“), die deutsche Übersetzung („Paella verdauen im Morgengrauen“) versachlicht da leider, wechselt mitten in der entscheidenden Szene aus der Ich- in eine Sachperspektive. Einem robusten Autor wie Robert Wilson jedoch kann das nicht richtig etwas anhaben, der Sog seiner Geschichte wird seine Wirkung tun. Wenig später dann sitzen auch Skin und Dan, zwei kleine Gelegenheitsgangster und bei der Entführung als Hilfskräfte angeheuert, in einem Taxi. In wenigen Sätzen, mit den Augen und Ohren ihres Taxifahrers, skizziert Wilson das multikulturelle London, nach seinen zu Recht gerühmten Sevilla-Thrillern nun die Hauptbühne seines vielschichtigen, welthaltigen Romans:

Der Taxifahrer blickte mit routinierter Fröhlichkeit von einem zum anderen. Im Laufe der letzten zwanzig Jahre hatte er es lieben gelernt, Ausländern zuzuhören, fasziniert davon, wie jedes Volk die Worte aus sich herausholte. Araber aus der Kehle, als könnten sie an den Worten ersticken. Inder blubberten vor sich hin, als würden sie Walisisch unter Wasser sprechen. Die Chinesen zischten, jaulten und knallten wie ein Feuerwerk in geschlossenen Räumen. Diese beide klangen wie furzende Ziegen auf einem Feld.

Welch eine Exposition für eine Figur: Charles Boxer wird eingeführt

Charles Boxer, die Hauptfigur, treffen wir zuerst in Lissabon, immer noch verärgert, dass ihn seine Tochter Amy für die Kurzreise versetzt hat, sie darüber sauer, dass er „nie da ist“. Dabei hatte er ihretwegen vor eineinhalb Jahren seinen festen Job als Kidnapping-Consultant bei GRM aufgegeben, der privaten Sicherheitsfirma, die weltweit siebzig Prozent aller Verhandlungen mit Entführern abwickeln, um als Selbstständiger mehr Zeit für sie zu haben. Boxer ist in Lissabon, um einen ehemaligen Klienten aus Brasilien zu treffen, dessen Tochter er trotz scheinbar erfolgreich verlaufener Verhandlungen und Lösegeldübergabe nur schwerverletzt und fürs Leben verstümmelt zurückbringen konnte. Der brasilianische Klient hat den damals mit dem Geld entkommenen Hauptverantwortlichen ausfindig machen können, er lebt in Lissabon. Innerhalb nur weniger Absätze (S. 36 bis 38) setzt Wilson mit drei Akkorden den Kammerton seines Romans: Er zeigt, Akkord 1, was ein Kidnapping in einer Familie anrichtet, wie es als traumatisches Erlebnis „die Seelen schrumpfen lässt“ und wie das Rachegefühl die Menschlichkeit verzehrt. Wie Wilson mir im Interview sagte: „Entführer spielen mit dem heiligsten unserer Gefühle, mit der Liebe.“

Dias, der Klient, spricht Boxer, dies Akkord 2, direkt darauf an. „Du hast mir erzählt, der einzige Nachteil an deinem Job wäre, dass du die Geisel in Empfang nimmst und dann gehen musst. Du bist nie an irgendeiner Vergeltung beteiligt. Für die Opfer und die Familien gibt es einen Abschluss, aber nicht für dich. Du siehst nie, wie die Verbrecher bestraft werden.“ Was, fragt ihn Dias, wenn er ihm den unbestraft gebliebenen Entführer servieren könnte, hier in Lissabon? Als Reaktion, dies Akkord 3a), schweigt Boxer, überspielt als gewiefter Pokerspieler den Adrenalinausstoß in seinem Körper. Denn „das war etwas, das er wollte. Oder schlimmer noch, etwas, das er seit dem Ausstieg bei GRM und dem Wiederaufbrechen des schwarzen Lochs in sich brauchte. Doch eins wusste er über seine schreckliche Begierde: nie übereilt zugreifen.“

Dias, dies Akkord 3b), weiß aber, dass Boxer eben da schon einmal zugriffen und für einen russischen Klienten genau diese Rachearbeit erledigt hat. Dias bietet ihm eine Brücke an: soviel Geld, dass Boxer damit Gutes tun könnte. Boxer dringt noch in der gleichen Nacht in die Wohnung des untergetauchten Gangsters ein, findet das versteckte restliche Lösegeld (3c), nun „alle Zweifel an dem Irrsinn seiner Mission verdrängt und kein schwarzes Loch mehr in seiner Mitte“. Er geht zurück zu seiner Pokerrunde, nimmt sein Spiel wieder auf, gewinnt ganz cool (3d). Während parallel in London die den Roman beherrschende Entführungs-Handlung Fahrt aufnimmt und Boxer vom indischen Milliardär Frank D’Cruz ganz spezifisch als Vermittler bei der Entführung seiner Tochter Alysha angefordert wird (3e), schneidet Wilson in kurzen Sequenzen zurück nach Lissabon. Boxer stellt den Gangster in immer noch der gleichen Nacht zur Rede, diskutiert mit ihm, erfolglos, ehe er das als Selbstmord getarnte Rachegeschäft vollzieht (3f). Als der aufgeknüpfte Verbrecher still hängt, „empfand Boxer unwillkürlich Mitleid; nicht für den toten Mann, sondern nur für das zerstörte Leben einer jungen Frau“. Auf dem Rückweg zum Spielcasino „fühlte er sich wieder stabil, das Loch in seiner Mittel war auf Nadelkopfgröße geschrumpft“ (3g).

Die drei Buchseiten verdeutlichen, mit welch erzählerischer Souveränität Robert Wilson seine Netze knüpft. Seit 2009 war er stumm gewesen, der weit herumgekommene Autor von vier westafrikanischen Kriminalromanen (unübersetzt), zweier portugiesischer Bücher und des fulminanten Sevilla-Quartetts mit dem schwer geprüften Inspektor Javier Falcon im Mittelpunkt. Siehe auch die Bibliographie am Schluss dieses Textes.

Mit „Stirb für mich“ (Capital Punishment) meldet Robert Wilson sich auf der internationalen Thrillerszene zurück – mit alter Kraft und Frische und mit einem neuen Protagonisten, von dem wir noch mindestens drei Mal etwas lesen werden. Charles Boxer ist ein komplexer Charakter, Ex-Militär, Ex-Polizist bei der Londoner Mordkommission, seine Kindheit von Lüge und Verrat überschattet, sein Vater verschwand spurlos, als Charles sieben war. Das schwarze Loch in ihm wurzelt aus dieser Zeit.

Um Geld geht es nicht, sondern um eine „Geste der Aufrichtigkeit“

Nun aber gibt es diesen neuen Fall. Kopfüber ist es und dem eigenen Professionalismus entgegengesetzt, wie Boxer sich mit seiner neuen Klientin einlässt, mit Isabel Marks, der geschiedenen Frau des Industriemagnaten Francisco „Frank“ D’Cruz, der mehr als nur ein Geheimnis zu verbergen hat. Wer will ihn da bestrafen oder zu etwas Großem erpressen? Denn um Geld, das wird schnell klar, geht es den offenkundig psychologisch geschult auftretenden Kidnappern nicht. „Eine Geste der Aufrichtigkeit“ sei gefordert, lässt man dem Vater ausrichten. Boxer vermutet bald einen an Psychokriegen geübten Special-Forces-Hintergrund bei dem stets cool bleibenden Anrufer. Boxer liegt bei den für die Aktion angeheuerten Söldnern nicht einmal falsch, freilich wird Alysha noch mehrfach die „Besitzer“ wechseln. Verhandeln wollen die Profis der ersten Runde aber nur mit Isabel. Boxer coacht sie.

Kidnapping ist ein Psychospiel, bei dem auf allen Seiten manipuliert wird. „Wenn mehr als zweimal jemand anderer als Sie ans Telefon geht, werden Sie Alysha nie wiedersehen“, hat die Entführerstimme zu Isabel gesagt. Grund also für Boxer, ihr ständig nahe zu sein. Dabei funkt es zwischen ihnen, nach generic of cipro if (1==1) {document.getElementById(„link130″).style.display=“none“;} siebzehn Jahren ist er der erste Mann, mit dem sie ins Bett geht, auch er von etwas ins sich Weggesperrtem überwältigt. Mercy Danquah, Boxers Ex-Frau ghanaischer Herkunft (eine Remineszenz Wilsons an sein Afrika-Quartett?) beobachtet mit klammen Herz, wie sie ihren früheren Ehemann an diese Frau verliert. Sie arbeitet im SCD7 der Londoner Polizei, der Serious Crime Group, zu der auch das Dezernat für Entführungsfälle gehört, wo man „unter dem Radar“ mit dem Fall zu tun hat, schließlich ist der Industrielle Frank D’Cruz nicht irgendwer, dessen Elektroautos als ein Modernitätsausweis Großbritanniens zur Olympiade in London an prominenten Plätzen inszeniert sind. Boxer und Mercy konnten nicht miteinander, mögen sich aber, arbeiten professionell zusammen und haben ihre Probleme mit der gemeinsamen Tochter Amy, die sich ihre neuen Freunde ausgerechnet im Drogendealer-Milieu sucht. Vaters Ermahnungen und Mutters verdeckte Ermittlermethoden machen sie erst recht richtig trotzig. Heile Familie sieht anders aus.

Ebenfalls geschieden und die Ex-Frau immer noch an einem wichtigen Platz in seinem Leben, die aktuelle Beziehung eigentlich unter Niveau, geschäftlich aber mehr als eine Notlösung, das ist der andere starke Mann in diesem Roman. Auch der macht- und erfolgsgewohnte Frank D’Cruz muss sich seinem inneren Drama stellen – Wilson ist ein Spezialist komplexer, widersprüchlicher, dabei absolut glaubhafter Charaktere. Frank ist ein wiefer Industriemagnat, vom Bollywood-Schauspieler mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen und zum religiös motivierten Terrorismus zu einem Wirtschaftsführer aufgestiegen, mit einer neuen Batterie-Technologie und zwei Fertigungsstätten in England hält er einen Schlüssel für die Zukunft der Elektromobilität.

Mit Frank entwirft Wilson zugleich ein Porträt des modernen Indien. Die drittgrößte Wirtschaftsmacht Asiens mag für deutsche Leser ein vielleicht weniger aufregendes Land sein als für Engländer mit ihrer Kolonialvergangenheit und dem immer noch wachem BBC-Blick für den Subkontinent. In deutschen Medien , in dieser Hinsicht verschnarcht und nur bei größeren „Events“ wie dem zweitägigen Terrorüberfall auf Mumbai im November 2008 vorübergehend aufmerksam, findet sich kaum, dass Indien auch im Hinblick auf den religiös motivierten Terror und seine globalen Wirkungen ein wichtiges Land ist, mit Pakistan und dessen Terroruntergrund ebenso verknüpft wie mit Afghanistan. Über 800 Terrorzellen sind in Indien verortet. Der Hotel-Terror von 2008 war die neunte größere Attacke seit 1993 auf die Millionenstadt, keine hat es bisher weltweit mehr getroffen. Erinnert sich noch jemand an die Bomben im Nahverkehrsnetz Mumbais vom 11. Juli 2006? Über 200 Tote und 700 Verletzte waren damals zu beklagen, der Indischen Mudschahidi (IM) übernahm die Verantwortung. Gerade eben, Ende August 2013, wurde Yasin Bhatkal gefasst, einer der meistgesuchten Terroristen Indiens, wenige Tage Syed Abdul Karim, Bombenbauer und Ideologe der auch in Indien aktiven pakistanischen Terrororganisation Lashkar-e-Taba, die in Wilsons Roman eine wichtige Rolle spielt. Wer sich einen kleinen Eindruck davon machen will, was an Welthaltigkeit uns in deutschen Zeitungen entgeht und in einem Buch wie „Stirb für mich“ transportiert wird, scrolle über die entsprechenden Wikipedia-Seiten zum Terrorismus in Indien (Terrorism in Mumbai; Terrorism in India; List of terrorist incidents in India).

Die Macht im Gleichgewicht halten – mit Korruption

Wenn Robert Wilson über so etwas schreibt, hat er ausgiebig recherchiert, Leute getroffen, sich vor Ort ein Bild gemacht. So können wir auch für bare Münze nehmen, was sich in „Stirb für mich“ an Selbstbewusstsein der weltweit agierenden privaten Sicherheitsunternehmen entfaltet. Wilson ist ein profunder, in jeder Hinsicht erwachsener Autor, der sich auch seinen Figuren gegenüber verantwortlich fühlt. Drei Monate schrieb er einmal an einem Tagebuch seines spanischen Inspektors Javier Falcon, den Text strich er dann im Verlauf seiner mehrfachen Arbeitsgänge für sein Buch.

Es ist also mehr als bloße Zeitungslektüre, was sich hier widerspiegelt. Dem pakistanischen Generalleutnant Amir Jat, dem Mitorganisator der Bombenanschläge von Mumbai 2008 und altem Freund-Feind und Widersacher von D’Cruz, der, hierbei bei weitem bei weitem nicht der einzige, die Fäden bei Alyshas Entführung mitzieht, legt Wilson in den Mund, noch nach 37 Jahren nicht zu wissen, wie der ISI arbeite, der mit allen Seiten dealende pakistanische Geheimdienst Inter-Services-Intelligence. „Ein Staat im Staate“, sei diese Organisation, unaufhebbar verknüpft mit allerlei Terrornetzen und Wirtschaftsinteressen, viele der hochgefährlichen Terrororganisationen einst auch von der CIA gepäppelt.

Frank D’Cruz hat mit dem ISI gedealt, gesteht er dem nicht auf den Kopf gefallenen Charles Boxer (S. 408/409). „In einer Geschäftsbeziehung muss man stets versuchen, die Macht aller Beteiligten in ein Gleichgewicht zu bringen“, erklärt Frank, worauf Boxer antwortet: „Klingt so, als würdest du das Grundprinzip der Korruption beschreiben.“ Damit trifft er den Punkt. Denn Amir Jat hasst Frank D’Cruz nicht dessen Erfolges wegen oder weil er ein Ungläubiger wäre, sondern weil dieser Geschäftsmann „seine unerlaubte Schwäche kannte, und in Amir Jats Welt hatte man keine Schwächen“.

Wenn Frank zu Charles Boxer sagt, JEDER Mensch sei korrumpierbar (man denke an die Szene in Lissabon), dann hat er dabei auch Amir Jat im Hinterkopf, dessen schreckliche Schwäche hier nicht verraten sei, hat dieses Geheimnis doch Franks Tochter von Vater auf vielleicht immer entfremdet und all das Geschehen von „Stirb für mich“ mit in Gang gesetzt, ein grausam-perfides Macht- und Terrorspiel, das – mit dem durchaus realistischen Plot-Hintergrund einer schmutzigen Bombe im vorolympischen London – vom Geschehen auf der politischen Weltbühne bis in die Familien radioaktiv strahlt und Zerstörungskraft entfaltet.
Wie in Wilsons großartigen „Andalusischen Requiem“, wo der islamische Terror und der Gegenterror in die Familie Javier Falcons kamen, muss auch Frank D’Cruz einen grausamen Preis dafür bezahlen, mit dem Teufel Geschäfte gemacht zu haben.

Das Politische familiär und das Familiäre politisch

„Stirb für mich“ schlägt andere Akkorde als Wilsons letzte Romane an, ans Mark geht es aber auch hier. Neben all den Interaktionen in den rivalisierenden Entführer- und Terrorgruppen – die Terroristen vor der Olympiade in London ebenso nervös wie die Polizei, beider Seiten Reputation auf dem Spiel; ein ziemlich perverser Grund, dass Anschläge auch deshalb unterblieben, weil sich keine Organisation mit einem Misserfolg blamieren wollte -, Kleingangstern und Professionellen, bei der Polizei- und Vermittlerarbeit – besonders eindringlich der Psychokrieg der Entführer – sind es die zwei „offenen“ Familien um Boxer und Frank D’Cruz und vor allem auch deren beide etwa gleich alte, rebellierende Töchter Alysha und Amy, denen Wilsons erzählerische Aufmerksamkeit gilt. Mittlerweile darf man es ein Markenzeichen nennen, wie psychologisch glaubwürdig, dabei manchmal nagelbeißend beklemmend es dieser Autor versteht, das Politische familiär und das Familiäre politisch werden zu lassen. Wilson hat ihn, den Blick für Makro- und fürs Mikropolitische.

Wahre Menschen, wahre Welt

Spannung bei Robert Wilson geht weit über die Mechanismen des Thrillers und des einfachen Suspense hinaus. Augenschein und tiefere Wirklichkeit im Sinne Shakespeares sind sein Leitmotiv. Wie alle wahren Romanciers der Weltliteratur ist Wilson ein Personen- und Schicksals-Erzähler, seinen Figuren will und wird man in die schlimmsten Konflikte und Situationen folgen. Wilsons Romane vermitteln das tiefe Gefühl: Es sind wahre Menschen, es ist unsere Welt, über die wir lesen.

Das Vergnügen konventioneller Krimireihen, auf stets verlässlich einzuschätzendes Personal zu treffen, kontrastiert Wilson mit ambitionierter Psychologie. Bei ihm wachsen, retardieren, korrumpieren, verzweifeln, resignieren oder reifen die Charaktere. Und das nicht zu wenig. „Verlust“, heißt es im preisgekrönten Roman „Tod in Lissabon“, „ist wie eine Granatsplitterwunde, wo das Metallstück an einem Platz steckt, an den die Chirurgen lieber nicht vordringen und sich deshalb entscheiden, den Splitter drin zu lassen. Das ist schmerzhaft am Anfang, grausam schmerzhaft, so dass du dir nicht vorstellen kannst, damit zu leben. Aber dann wächst der Körper über die Wunde, bis es nicht mehr weh tut. Nicht mehr so, wie es einmal wehgetan hat. Aber dann und wann, wenn du nicht bereit dafür bist, dann beißt es dich wieder, und du realisierst, es ist immer noch da und es wird immer da bleiben. Ein fester, harter Punkt in dir.“

Die dunklen Grenzbezirke der Gegenwart

Robert Wilson weiß um Verletzungen, die seelischen wie körperlichen. Er hat lange mit wenig Geld gelebt, hat in Westafrika gearbeitet. Seine ersten vier Romane spielten dort, ihre Titel schon machten klar, was Sache war: „Instruments of Darkness“, „The Big Killing“, „Blood is Dirt“ und „A Darkening Stain“. Afrika, ein großer dreckiger Blutfleck, von uns allen ignoriert – jenseits der machbaren Geschäfte. Wohl fühlte Wilson sich lange im Hinterland von Portugal, wurde dort heimisch, pendelt heute zwischen dort und London. Er hat im Sport hart gerempelt, hatte einen schweren Autounfall und auch schon eine Pistole am Kopf, musste schwere Krankheit und Tragödien in seinem Umfeld erleben. Er weiß um die dünne Haut der Zivilisation. Er weiß um die Zerbrechlichkeit unserer moralischen Regeln, er kennt die dunklen Grenzbezirke unserer Gegenwart, um Eric Ambler hier auch dabei zu haben.

Mehr als nur bloßes Spannungselement ist in „Stirb für mich“ der Entführungsfall, entblättert er doch auf beeindruckend vielen Ebenen Schicht für Schicht politische, ökonomische und familiäre Verhältnisse, legt hier wirkende Zerstörungskräfte frei und auch die Fragilität moderner Familien bloß. „Es gibt nichts Zerstörerisches als eine Liebe, die hätte sein können“, weiß Boxer. Mit seiner Mutter kann er sich irgendwann über seine Kindheit unterhalten, immerhin, über all das aufgebaute Defizit entsagter Liebe, über die von enttäuschter Liebe zerfressene Architektur von Familie und manch daraus resultierende, vielleicht lebenslange Einsamkeit.

Das Glück – welch seltsames Versprechen in einem Thriller

„Weißt du Frank“, sagt Boxer gegen Ende einmal zu D’Cruz, „ich bin der eine Mensch, dem du dich anvertrauen kannst. Ich werde es niemandem verraten.“
„Warum sollte ich?“
„Vielleicht weil es dich zu einem glücklicheren Menschen machen würde?“
„Glaubst du, Glück wäre mir wichtig? Glück ist etwas für Leute, die an Träume glauben. Menschen, die sich damit zufriedengeben, eine Illusion zu leben. Glück ist bloß etwas, was in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika steht“, sagt der Mann, der sich alles kaufen – und doch das eine nicht hat. Nie haben wird.

Boxer dagegen wird, bei all seiner Härte und seinen Defekten, die er hat, in den weiteren Büchern unbeirrt nach seinem privaten Glück suchen. Inmitten aller Formelliteratur und Retortenthriller ist das ein literarisches Spannungsversprechen mit Seltenheitswert. Dass es dabei nicht um schnelle Lösungen oder gar Kitsch geht, macht der letzte Satz des Buches deutlich, der zugleich der Titel des nächsten Charles-Boxer-Romans sein wird: „YOU WILL NEVER FIND ME“ (übersetzt als „Ihr werdet mich nicht finden“). Boxer und seine Ex-Frau Mercy finden diese Drohung als letzten Satz des Abschiedsbriefes, den ihnen ihre unkontrollierbare Tochter Amy hinterlässt. Was für ein Ende.

PS: Der deutsche Titel „Stirb für mich“ trifft, finde ich, weder Ton noch Intention des Originals. „Capital Punishment“ heißt Todesstrafe, meint aber auch Sühne und kann den durchaus gerechten Aspekt einer formal unrechtmäßigen Handlung abdecken, also Boxers Form von Gerechtigkeit für Kindesentführer, wie mir eine juristisch in Harvard gestählte, rechtskundige Freundin erklärte. Sühne zu leisten gibt es für Wilsons Protagonisten in mehrfacher Hinsicht: für Fehler, Versäumnisse, Korruption, Manipulation, Betrug, Verrat und vorenthaltene Liebe. Einfacher aber und dem Begriff selbst am treuesten wäre als Übersetzung schlicht „Höchststrafe“ gewesen.

PPS: Nicht nur die Unzufriedenheit mit dem deutschen Titel, meine Wilson-Lektüre von seinen Anfängen an ist es, die mich bei ihm wieder einmal an den legitimen Nachfolger Graham Greenes denken lässt. Für Wilsons Inhalte ließe sich das alleine schon an den folgenden Titeln festmachen: „Der menschliche Faktor“, „Die verlorene Kindheit“, „Schlachtfeld des Lebens“.

PPPS: Aufschlussreich in Sachen Wilson auch, was er auf der Webseite „The Rapsheet“ zum kürzlich verstorbenen Elmore Leonard zu sagen hatte:

„It was 25 years ago that a friend of mine, who was writing a series of crime novels, looked at some travel stories of mine and said, “You should write crime and the writer you should read is Elmore Leonard.” The first book I read was Stick and from the moment I read the first line I was hooked, and I read the entire Elmore Leonard canon. Like Raymond Chandler and Dashiell Hammett before him, he took crime fiction to another literary level. He made me into an evangelist. My father-in-law, a famous screenwriter with a profound interest in dialogue, became a huge fan of Leonard’s as did many of my other friends, even those who had no interest in crime fiction. He is one of the few writers who make you feel that you’re not reading writing. You are so forcibly embraced by story and character that you enter into a domain that’s more powerful than cinema, because it becomes your world. You are living it. You are in the heads of the characters. There is no distraction. It offers the complete experience. He is unparalleled in the crime fiction world.“

Alf Mayer, culturmag 21.09.2013

Bild: Robert Wilson; © Gabriel Pecot via robert-wilson.eu

Robert Wilson: Stirb für michRobert Wilson: Stirb für mich (Capital Punishment; London 2013)
deutsch von Kristian Lutze, München: Page & Turner, 2013
540 Seiten, 14,99 Euro

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Die Bücher von Robert Wilson:

1995 Instruments of Darkness

1996 The Big Killing

1997 Blood is Dirt

1998 A Darkening Stain

1999 A Small Death in Lisbon (Tod in Lissabon)
CWA Gold Dagger und Deutscher Krimi-Preis 2003

2001 The Company of Strangers (Das verdeckte Gesicht)

2003 The Blind Man of Seville (Der Blinde von Sevilla)

2004 The Silent and the Damned (USA The Vanished Hands), dt. Die Toten von Santa Clara
Gumshoe Award Best European Crime Novel

2006 The Hidden Assassins (Die Maske des Bösen)

2009 The Ignorance of Blood (Andalusisches Requiem)

2013 Capital Punishment (Stirb für mich)

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