Warten ist ein komplexer Vorgang

Männer sagen, dass sie in ihrem Leben Jahre mit Warten auf Frauen vertrödeln. Völlig zu Unrecht
Männer haben es ja mit der Statistik. Immer müssen sie alles ausrechnen. Dann reiben sie uns irgendwelche Zahlen unter die Nase und gucken vorwurfsvoll.
Zeit ist das Feuer, in dem wir brennen, sagt Mister Spock von der „Enterprise“. Auch ein Mann, aber Halb-Vulkanier. Ein Erdenmann, glaubt man seinen Beschwerden, verbrennt im Warten auf die Frau.
In Großbritannien haben sie ausgerechnet, dass ein Mann in seinem Leben ein Jahr damit verbringt, auf Frauen zu warten. Davon angeblich allein 22 Wochen vor Umkleidekabinen.
Ich möchte wirklich mal wissen, was das soll. Beweisen, dass sie in Mathe besser sind? Uns ein schlechtes Gewissen machen, weil wir ihre wertvolle Zeit vertrödeln? Offensichtlich haben sie ja immer noch genug davon. Unsereiner jedenfalls hat für solche albernen Rechnereien keine Zeit.
Außerdem stimmen sie nicht. Jedenfalls nicht so. Aus ihren komplexen Zusammenhängen gerissen, ohne Berücksichtigung von Ursache und Wirkung führen solche Aussagen zu gefährlichen Verzerrungen.
Eine Frau würde nie auf die Idee kommen, kleinkrämerisch auszurechnen, wie viele Jahre ihres Lebens sie zum Beispiel darauf wartet, dass er mal das Klo putzt. Eine Frau versteht sehr gut, dass einem solchen Entschluss eine lange Phase des Zweifelns, des Abwägens und des inneren Kampfes mit Selbst- und Fremdbildern vorangeht. Außerdem ist es gefährlich, er könnte sich verletzen, hineinfallen oder giftige Chlordämpfe einatmen.
Eine Frau hat zum Warten eben ein ganzheitliches Verhältnis.
Das geht schon mit der korrekten Definition des Begriffs los. Wenn ein Mann ihn ausspricht, klingt das so passiv, so uninspiriert.
Eine Frau betrachtet zum Beispiel die Zeit vor einer Umkleidekabine, wenn er da drin ist, als komplexe Herausforderung. Sie läuft zwischen Kabine und Kleiderständern hin und her, trägt ihm Hosen hinein und andere hinaus. Sie begutachtet, berät mit dem Fachpersonal, beruhigt ihn, ermuntert, überredet, dämpft Aggressionen, versprüht Optimismus.
Da schrumpfen 22 Wochen zu Minuten. Das hat nichts mit Esoterik zu tun, sondern ist wissenschaftlich bewiesen. Zeit ist ein relativer Begriff. Es war schließlich ein Mann, der herausgefunden hat, dass sich die Zeit in bestimmten Räumen krümmen kann. Konfektionsabteilungen und Schuhgeschäfte sind solche Räume.
Autos, vor allem wenn der Motor schon läuft, sind es übrigens nicht. Das wiederum ist ein Fall bewusster Tatsachenfälschung. Angeblich soll ein Mann ebenfalls Wochen darin vergeuden, indem er wartet, bis sie sich schnell noch die Schuhe umgezogen, die Lippen geschminkt oder den Herd ausgeschaltet hat. Es sind, das wird jede Frau bestätigen, tatsächlich immer nur zwei Minuten. Eine Frau hat das im Gefühl.
Sie soll übrigens ihrerseits – noch so ein Vorwurf – in ihrem Leben 76 Tage in ihrer Handtasche kramen. Er muss daneben stehen und warten. Aber liebe Männer, wonach kramen wir denn? Nach dem Lippenstift? Das haben wir ja schon in den zwei Minuten zu Hause erledigt. Nein, wir kramen nach seinem Schlüssel, seinem Kugelschreiber, seinem Telefon. Er nimmt ja keine Tasche mit. Diese 76 Tage Warten gehen nun wirklich nicht auf uns.
Aber Frauen sind nicht nachtragend. Im Gegenteil. Manchmal lassen wir Männer nämlich mit Absicht warten, weil wir es gut mit ihnen meinen.
Bei einer Verabredung zum Beispiel. Natürlich könnten wir pünktlich sein. Aber ein Mann muss seinem Jagdinstinkt folgen. Eine Verabredung, eine kluge Frau weiß das, ist für ihn nur halb so schön, ohne das Gefühl vorher belagert und erobert zu haben. Nur deshalb stehen wir in zugigen Ecken herum, ruinieren im Nieselregen die Frisur und warten, bis die angemessenen 15 bis 30 Minuten verstrichen sind.
Oder wenn wir sie zum Einkaufen mitnehmen. Glauben sie wirklich, es macht Spaß, Schuhe auszusuchen während er mit leidendem Gesicht daneben sitzt? Wir tun es trotzdem, aus Verantwortungsgefühl, aus selbstloser Sorge. Wir sehen, wie gestresst er ist, wir spüren das drohende Burnout. Er hat keine Zeit, um mal in sich zu gehen, die eigene Mitte zu finden, nicht über die schmelzenden Pole, die eingebrochenen Finanzmärkte nachgrübeln zu müssen. Wenn wir sie vor den Umkleidekabinen sitzen lassen, ist das unser Beitrag zu seiner Entschleunigung.
Irgendwann werden das die Männer schätzen lernen. Dann werden sie Danke sagen, statt uns mit fragwürdigen Statistiken zu ärgern.
Wir können warten.

Elena Rauch in Thüringer Allgemeine

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