Imagine John Lennon’s childhood

John Lennon war der Hysteriker unter den Beatles. Und ohne seine Hysterie hätte es die Beatles so wenig gegeben wie ohne Paul McCartneys Gefälligkeit, George Harrisons Schüchternheit und Ringo Starrs gekränkte Ironie. Vielleicht war Beat-Musik überhaupt nichts anderes als eine hysterisierte, gefällige, schüchterne und gekränkt ironische Europäisierung des Rock’n’Roll. Dann kam der Blues dazu, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

„Nowhere Boy“ ist ein schöner, sehr englischer, sehr pastellfarbener Film über die Ursachen von John Lennons Hysterie. Die Familiengeschichte steht dabei im Vordergrund, was auch insofern kein Wunder ist, als der Film auf dem Buch von Julia Baird basiert, der Halbschwester von John Lennon: „Imagine This: Growing Up With My Brother John Lennon“. Es ist kein klassisches Künstler-Biopic, denn einerseits endet der Film, bevor die Geschichte der Beatles und John Lennons Aufstieg zum Metastar der sechziger Jahre beginnt, und zum anderen fokussiert er das Interesse so sehr auf das Psychodrama des Jungen zwischen zwei Müttern, dass der Film genau so gut die Jugend eines Rock’n’Roll-begeisterten Busfahrers wie die eines Beatle hätte erzählen können. Genauer gesagt: Es handelt sich um eine Rock’n’Roll-Phantasie über Mütter: „It’s allright Mama, I’m only bleeding“.

Liebevoll, manchmal schon ans Betuliche grenzend, fühlt sich die Regisseurin zu Beginn in die Stadt Liverpool und ins Innere eines typischen Vorstadt-Backsteinhauses der unteren Mittelschicht ein. John Lennon wächst hier in den fünfziger Jahren bei seiner Tante und seinem Onkel auf. Tante Mimi ist streng und kalt, Onkel George schenkt ihm eine Mundharmonika und albert mit ihm herum. Sie basteln einen zweiten Lautsprecher für das Radio in Johns Zimmer, und die beiden hören eine Comedy Show und trinken. Und dann stirbt der Onkel.

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filmkritiken 2010-13-300Georg Seeßlen: Filmkritiken 2010 – 2013
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getidan Verlag; ca. 169 Seiten; 6,59 EUR

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Mit Leidenschaft für den Film und mit Liebe zum Kino

52 Filmkritiken, geschrieben und veröffentlicht in den Jahren 2010 bis 2013, bieten Einblicke und Ansichten, vermitteln Zusammenhänge und Perspektiven.
Das Thema der Filmkritik ist das Filmesehen. Und Filmesehen ist eine Kunst. Und Georg Seeßlen versteht davon eine ganze Menge. Seine kompetente Übersetzung des audiovisuellen Mediums Film in Sprache ist tiefgründig, vielschichtig und bezieht aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen mit ein.
Gehen Sie mit Georg Seeßlen auf eine Reise in die Filmgeschichte. Eine Reise in Zeit und Raum.

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