À Chabrol

Aus den Filmen von Claude Chabrol hat man nie etwas lernen können im Sinne von Besser-Erkennen, Besser-Machen oder Verändern-Wollen. Je weiter man ins Innenleben des bürgerlichen Subjekts gelangte in seinen Bildern und ihren Widersprüchen, desto inniger verwoben sich vor unseren Augen Genuss und Terror der Intimität. Okay, deshalb konnte man doch etwas besser erkennen: wie sehr auch das Private Inszenierung ist. Oder wie privat, wie sexuell, um genauer zu sein, Macht, Politik und Ökonomie sind. Chabrols Filme spielen auf einer Linie zwischen Ficken und Herrschen.

Wenn Zärtlichkeit und Abscheu genau so groß sind. Wenn der Impuls zur intimen Annäherung genau so groß ist wie der zur Distanz. Wenn der kalte Blick heiß und der heiße Blick kalt wird, und immer so weiter. Wenn man keinen Unterschied zwischen dem Ungeheuerlichen und der Leichtigkeit macht. Wenn man die Struktur des bürgerlichen Alltagslebens sieht, und zugleich, dass alle Bürger auf und in ihr leben, und sie nie vollständig erfüllen. Dann ist man im Chabrolischen.

Eigentlich ist Initimität nichts anderes als ein Illusion. Distanz aber auch. Diese Teilung des bürgerlichen Lebens in einen Innen- und einen Außenraum ist nichts anderes als Inszenierung, und es hilft nur Inszenierung wo Inszenierung herrscht. Chabrols Filme spielen am Umkehrpunkt dieser Inszenierung; indem er die Geheimnisse des Bürger entlarvt, zeigt er, dass es gar keine gibt. Das Verbrechen ist nicht der Katastrophen- sondern der Normalfall des bürgerlichen Lebens, innen und außen. Die Inszenierung ist das Verbrechen, und das Verbrechen ist die Inszenierung. Und wenn man genau daran verzweifeln möchte, mehr denn je?

Dann hilft nur eine Kunst, die sich selbst sehr ernst nimmt und überhaupt nicht. Und gutes Essen. Gutes Essen hilft in so einem Fall.

Text: Georg Seeßlen

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