26 STAR TRACKS (Star Trek)

Ein ABC der Unendlichkeit

(Alter) „Star Trek“ ist eine historische Religion. Das meint verschiedenes. Erstens entwickelt sich alles, von der Kanon-schaffenden Serie über Filme zum Merchandising, in einem Raum der virtuellen Historizität. Es ist weder zeitlos (wie die Geschehnisse in Entenhausen) noch werden die Gestalten (wie bei „Batman“) immer wieder neu erfunden. Zeitlichkeit und Kontinuität, das Datum der Logbuch-Eintragung, die fünfjährige Missionsdauer, die Ultimaten und Erinnerungen: Nichts ist, wie es ist, alles ist geworden in „Star Trek“. Und eines wird aus dem anderen.

Zweitens kann man den Figuren beim Altwerden zusehen. Und die Darsteller von „Star Trek“ scheinen ein besonderes Talent zum Altwerden zu haben. Wie sich Zeit ereignet in den Gesichtern von Kirk, Spock, McCoy, Sulu, Scotty und Uhura (und wie sie es so viel weniger tut in denen ihrer Nachfolger)! Das ist schon ab Staffel 2 zu sehen, dass die Maskenbildner gegen die Zeit keine Chance haben werden. Es ist kein kontinuierliches Älterwerden wie wir es bei Marschall Matt Dillon in „Gunsmoke“ sehen; der Griff zur Pistole ist immer noch schnell, macht aber mehr Mühe. Es ist ein Älterwerden in Schüben der Erkenntnis und der Selbsterkenntnis (und, sehr realistisch, in der Verweigerung von beidem).

Drittens ist „Star Trek“ zugleich kontinuierlicher Kommentar [ad#ad_startrek1] zur Zeitgeschichte und Ausdruck einer bestimmten Schöpfungszeit, der sechziger Jahre mit ihren seltsamen Ideen, es könnte alles anders, besser werden. Noch bis in die letzte Verästelung, bis in die Superprodukte von heute, noch in die Parodien weht dieser, nun ja „Zeitgeist“.  Zeitgeist ist der wahre Treibstoff des Raumschiffs Enterprise. Damals glaubte man noch, dass Uniformen weniger böse sind, wenn sie schön bunt werden. „Star Trek“ ist immer einerseits heute und andrerseits Sixties.

Viertens hat jeder, ob Trekkie oder ironischer Beobachter von Ferne, seine persönliche „Star Trek“-Geschichte, die, je nach Alter, biographische, familiäre und archäologische Züge aufweist.

Fünftens sind die Reisen des Raumschiffs Enterprise nicht solche in einen unendlich suggestiven Raum, sondern eine in die verschiedensten Epochen der eigenen Vergangenheit. Mal geht es um Barbaren, die sich zu schnell entwickeln, mal spielt ein ganzer Planet Chicago, dann ist Römerzeit, und wieder ein anderes mal landet man bei den Nazis. Die Enterprise erbeutet Geschichte in handlichen Portionen. Man reist in Genre-Geschichte und Geschichtsgenres. Immer ist die Zukunft schon Geschichte.

(Beam Me Up, Scotty) Die phantastische Technologie in „Star Trek“ ist auf das notwendigste reduziert. Barockes Schwelgen in meta-maschinellen Lustträumen à la „Perry Rhodan“, ist hier fremd. Hier ist alles nützlich und vernünftig. Man kann beamen, man hat einen Warp-Antrieb, man kann mit Fasern schießen oder betäuben, „Pille“ heilt, ganz ohne Maschinenmedizin meistens, die seltsamsten Krankheiten. Und das ist es. Der Rest sind Ideen. Noch „Data“ später, der elektronisch-organische Pinocchio, der so gern ein echter Mensch wäre, leidet nicht an der körperlichen Groteske des Mischwesens, sondern an der Idee der Seele. Das „Holodeck“ als dreidimensionale Illusionsmaschine ist zwar Verlockung und Gefahr, aber nie geht hier etwas Irreversibles schief im Verhältnis von Traum und Wirklichkeit. „Star Trek“ ist eine Religion der Vernünftigen. Technologie wird benutzt, weder gefürchtet noch angebetet. (Und dass diese Philosophie sich auch produktionstechnisch auszahlt, macht die Sache um so kompakter: Technologie, die von sich behauptet, auf den Effekt gar nicht groß aus zu sein, wirkt natürlich auch so schnell nicht lächerlich.)

(Character Actors) Es gibt drei Hauptfiguren, ein halbes Dutzend reguläre Nebenfiguren und Gast-Auftritte in „Star Trek“. Der Rest ist Statisterie, was bei dem behauptet familiären Zusammenhalt auf der Enterprise, die den Leuten mehr oder weniger zur Heimat wird, ein wenig eigenartig anmutet. Denken wir an einen Film von John Ford: Noch der Typ, der da ganz hinten an einem Tisch im Saloon sitzt, ist so interessant, dass wir uns nicht wundern würden, wenn jemand (mit der Kamera meinetwegen) damit begönne, seine Geschichte zu erzählen. Etwas ganz ähnliches gilt sogar für Dinge. Bei „Star Trek“ hört die Menschenwahrnehmung dagegen ziemlich abrupt in der Halbnah-Einstellung auf. Natürlich ist das einerseits Serien-Gewohnheit; zwischen Star, Regular, Gast und Statisterie wird hier stets eine Wahrnehmungs- und Interessentiefe erzeugt, die eine perfekte Balance von Mitfühlen und Gleichgültigkeit wiedergibt, Fernsehen eben. (Wenn das ganze, wie bei „Star Trek“ dann auch in einem „großen Film“ auf der Leinwand wiederholt, gibt es einem zu denken.) Bei „Star Trek“ ist die Wahrnehmungstiefe, Charaktere betreffend, identisch mit der Diskurstiefe. (Bei Ford, um im Beispiel zu bleiben, fängt die Wahrnehmung erst an, wo der Diskurs aufhört.)

(Doomsday) Science Fiction ist, sagt Susan Sontag, nichts anderes als „Katastrophenphantasie“. Mit anderen Worten handelt es sich um „Erlösungsphantasie“, eine ziemlich fundamentale Religion der Schuld und Sühne. Kirk will kein Erlöser sein, und seine Begleiter bestärken ihn dabei, auch in den unendlichen Tiefen des Alls eher nach einem anständig gebratenen Steak als nach Erlösung zu suchen. Lieber ist er eine Art kosmischer Moderator. Ein Allesversteher, der aber nicht alles mit sich machen lässt. Daher wird aus „Star Trek“ das Paradoxon einer „konstruktiven Science Fiction“. Langweiler im Weltall, im schlimmsten Fall. Natürlich treiben die Hornschädel der Klingonen allerlei Unfug, und auch sonst gibt es hier und da Bedrohungen, auch hier müssen Katastrophen abgewandt werden. Aber in aller Regel geht es um Katastrophen in der Geschichte und nicht aus ihrem Jenseits, und es geht um Katastrophen im System und nicht für es; man ist unterwegs, um seine Lernfähigkeit unter Beweis zu stellen. Es ist die Katastrophe in Walter Benjamins Sinn, die hier eingetreten ist: Dass immer alles so weiter geht.

(Empire/Empirie) Angeblich ist die Enterprise ein Forschungsschiff (so wie angeblich Wale zu Forschungszwecken getötet werden). Seine Mission besteht wahlweise in der Erzeugung eines Mythos oder in purem Nonsense: Männerbund und Emanzipation, Imperialismus und Demokratie, Militarismus und Zivilgesellschaft, Rassismus und Multikultur, Ausdehnung und Schrumpfung, Kolonialismus und Selbstbeschränkung, Fortschritt und Nostalgie. Die Leute von der Enterprise tragen die Schuldlast der Sozialdemokratie (und verwandter Systeme von Denken und Denkverboten) in den Weltraum. Kein Wunder, dass sie nie zur Ruhe kommen, dass sie nie zur Ruhe kommen wollen können.

(Fabeln) „Star Trek“ ist eine Enzyklopädie der Science Fiction-Themen, man kann auch sagen eine Recycling-Maschine, was nicht nur damit zusammenhängt, dass viele Drehbuch-Autoren ihre literarischen Ideen (und gerne auch einmal die ihrer Kollegen) verarbeiteten. (Nur zum Beispiel: Richard Matheson, Robert Bloch, Theodore Sturgeon, Harlan Ellison, Norman Spinrad…) Diese Form der Wiederaufbereitung hat einen positiven und einen negativen Aspekt. Der positive Aspekt liegt in der Entspanntheit, mit der die Motive behandelt werden, die ihre Bewährungsproben schon hinter sich haben. Man begegnet den plots wie alten Bekannten und hat seinen Spaß daran, zu beobachten, wie sie ins Trek-Universum integriert wurden. Zu den negativen Aspekten freilich gehört es, dass „Star Trek“ immer schon als Ausverkauf und Resteverwertung erschien, als postmortem-Effekt, Staubschweif eines untergehenden Planeten namens „Science Fiction“. Es war alles gesagt, was mit den Mitteln des Genres zu sagen war (und wer noch mehr zu sagen hatte, musste die Grenzen des Genres überschreiten), und „Star Trek“ sagte es auf behutsame Weise noch einmal für Leute, die keine Lust haben, zehn idiotische SF-Bücher zu lesen, bevor einem das elfte einigermaßen passabel erschien. „Star Trek“ ist ein Filter für „passable“ Ideen.

(Die Gabe) Es geht darum, dass das Raumschiff Enterprise etwas holen muss, da draußen, aber man weiß nicht genau, was. Und es geht darum, dass das Raumschiff Enterprise etwas bringen muss, aber man weiß erst recht nicht genau, was das sein könnte. So muss das Problem erfunden werden. Es täuscht unter anderem darüber hinweg, dass es nichts auszutauschen gibt.

(High Colour) „Star Trek“ kommt ursprünglich in den Malbuch-Farben der Frühzeit des Buntfernsehens. Sie „knallig“ zu nennen wäre eine Untertreibung. Das hat technische und konventionelle Gründe, gewiss. Trotzdem, die Beruhigung der „Star Trek“-Farbpallette konnte nie durch die leichte Verbesserung der Tricktechnik wettgemacht werden. (Interessanterweise glichen sich die Rollkragen-Uniformen der „alten“ Enterprise-Mannschaft im gedeckten Rot einander an, während sich die „Next Generation“ in differenziert-bunte Kleidungsstück präsentierte, von denen niemand recht zu sagen weiß, wie man da hinein und vor allem wieder heraus kommt.) Kirk, Spock und McCoy waren, bevor ihre Lider schwer von Verantwortung und Erdenjahren wurden, in einem psychedelischen Kosmos unterwegs. (Übrigens spielten einige Folgen ziemlich direkt mit Drogenerfahrungen, und umgekehrt gibt es Substanzen, die sich ausgezeichnet mit alten „Star Trek“-Folgen vertragen.)

(Ich und „Star Trek“) Das ist eine andere Geschichte.

(Jugend) In der Regel gibt es in der Pop-Kultur zwei Arten von Helden. Der eine ist der, der ich sein will. Der andere ist der, dem ich folgen will (wie ein Geliebter, ein kleiner Bruder, ein Jünger, ein bescheidener Freund). Alles, was sich dazwischen abspielt, die Übergänge und Initiationen, nennen wir Jugend. Niemand hat eine Ahnung, was Jugend ist. Es ist wohl eine Empfindung, Dinge zum ersten mal und autonom zu erleben. (Deswegen waren Menschen, die reisen, prinzipiell jung, auch wenn sie „Old“ Shatterhand hießen.)

Leicht ist es für ein Kind zu träumen, erwachsen zu sein. Etwas schwerer ist es für einen Erwachsenen zu träumen, ein Kind zu sein. Am schwersten ist es für ein Kind zu träumen, ein Kind zu sein. (Und schweigen wir von der Unmöglichkeit, dass ein Erwachsener sich als Erwachsener zu träumen wagt: Der Traum, in dem das Kind nicht beteiligt ist, kann nur der schiere Wahn sein.)

Deshalb gibt es diese Un-Räume, den Westen, die Wüste, den Kosmos, das Meer, den Dschungel. Hier ist keineswegs alles möglich. Aber „Jugend“, die so tut, als sei sie in einem sinnvollen Verhältnis aus Kindheit und Erwachsensein zusammen gesetzt. Und genau das ist der Raum für „Star Trek“. Ein von Erwachsenen aufgeräumtes Kinderzimmer, ein von Kindern verwüstetes Arbeitszimmer, je nachdem. Und zwischendurch: das Empfinden einer Jugend, die ungefähr so wiedergefunden wird wie die Zeit bei Marcel Proust.

Auf der Brücke herrschen die Erwachsenen, aber kaum wird man irgendwo hin gebeamt, beginnen wieder die unterschiedlichsten Phasen von Kindheit und Jugend. Insbesondere für Kirk hat das auch einen heftig sexuellen Aspekt. Er begegnet nicht nur Frauen (oder so was), wie man als junger männlicher Jugendlicher Frauen begegnet ist, er begegnet auch Frauen, wie Jugendliche Frauen im neunzehnten Jahrhundert begegnet sind. (Früher war vielleicht nicht alles besser, der Sex war es auf jeden Fall, prinzipiell.) Später wird die weibliche Kommandantin mit dem besorgten Gesichtsausdruck und der Betonfrisur versuchen müssen, das Mütterliche mit dem Abenteuer Jugend zu versöhnen. Man sieht es ihr an, dass das noch schwerer ist als es für Weltraum-Beamte ist, wieder Huckleberry Finn und Tom Sawyer zu werden.

(Kirk, Spock & Pille) Es ist hinlänglich bekannt, dass die drei von der Brücke das ideale Gespann kapitalistisch-demokratisch-bürgerlicher Problemlösungen bilden: Der Mann der Tat, der Rationalist, der Humanist. Eins: Aktion. Zwei: Re-Aktion. Drei: Reflexion. Die drei ergänzen und kontrollieren sich (und ihre Nachfolger bilden nur neue Zusammensetzungen dieses Ur-Dreiecks der „modernen“ Gesellschaft). Man müsste darin gar nicht so viel quatschen (nein, Quatsch, das Quatschen ist Wesen dieses Gesellschaftskerns) um zu begreifen: Man ist zu vielem fähig, aber nicht zur Selbstüberschreitung. Genau um die aber geht es in der „großen“ Science Fiction, in den Filmen von Stanley Kubrick oder Andrej Tarkosvskij, in den Büchern von Philip K. Dick. Das Projekt, den Weltraum zu einem historisch-vernünftigen Raum zu machen, schlägt nun voll auf seine Protagonisten zurück. Daher müssen sie, wollen sie nicht einer furchtbaren Enthropie zum Opfer fallen, immer wieder einmal den Verstand, die Erinnerung oder die Seele verlieren, müssen parasitär befallen, umgedreht oder besessen werden, müssen sterben und wiederauferstehen, sich mental vermischen, sie müssen, kurz gesagt, romantisch aufgelöst werden, und ihr perfektes semiotisches System muss den Parasiten anziehen, um sich in der Immunisierung gegen ihn, noch perfekter zu machen (und zugleich melancholischer, nicht nur weil sie eben keine „ewig jungen Helden“ sind).

(Lebensformen) Wenn einem gesagt wird, dass alles möglich sei, merkt man schnell, wie wenig möglich ist. Stellen Sie sich vor, Sie dürften Schöpfer spielen, sich Lebensformen einfallen lassen, wie es ihnen beliebt. Und was fällt Ihnen ein? Ich meine jenseits von spitzen Ohren, Bepelzung oder Organen, die außerhalb statt innerhalb der körperlichen Grundform wirken. Wir mixen Mensch und Maschine, Mensch und Tier, Körper und Geist, denken uns lebende Planeten oder Miniwelten aus, lassen alte Götterbilder zu „gewöhnlichen“ Wesen werden. Undsoweiter. Statt zu mixen können wir auch spalten. Alien heißt: Entweder ein ganzes aus disparaten Teilen oder Teile ohne ein ganzes, oder ein ganzes, das keine Teile hat. Ziemlich aussichtslos ist das Unterfangen, sich ein Lebewesen auszudenken, das vorher nicht schon tausenden von anderen Menschen eingefallen ist. Scheiß-Phantasie! Scheiß-Semantik!  Interessant wird das alles erst, indem es seine Bedeutung in der eigenen Geschichte erhält. Wenn es Teil des Helden und Teil von mir ist. Der Gedanke, dass es ein Fremdes nicht geben kann, weil nur erkannt werden kann, was Teil von mir ist, das ist nicht gerade neu. Aber Kirk, Spock und McCoy begegnen überhaupt keinen Wesen (fremden schon gar nicht), sie begegnen ausschließlich theatralischen Anordnungen zur Erprobung von Wahrnehmung, Erkenntnis und Interesse. Sie begegnen gewissermaßen ikonographischen Empfangsbescheinigungen. Botschaft erhalten. Das Problem ist daher weniger der fremde als ihr eigener Körper. Ebenso wie man ihre Abenteuer als Rückstürze in die Körperlichkeit definieren könnte, ließe sich von der Antiquiertheit der Körper sprechen. Übrigens: Was immer die Zukunft an Gutem bringen wird, bequeme Kleidung gehört offensichtlich nicht dazu.

(Masculin-feminin) Menschen, die mit ihrer eigenen Körperlichkeit so große Schwierigkeiten haben, dass sie sie am besten in einer Art gigantischer Taschenlampe mit Seitenausleger ausdrücken, an deren Oberseite ein glänzender Superteller befestigt ist, die wahlweise gleitet, rauscht, eingesogen, durchgeschüttelt (Ha! Welche Freude diese Szenen zu sehen, wo eine Weltraumexplosion durch Kommandostuhlwackeln ausgedrückt wird!), mitgenommen und ausgespuckt wird. An Bord geht es puritanisch züchtig zu, von der dazu passenden Kleidung war ja schon die Rede, aber der Weltraum ist eine einzige große Sauerei.

Und bevor wir zu den Besinnungsaufsatzthemen „Das Frauenbild in ‚Star Trek’“ und „Emanzipation als Spin-Off“ kommen, schreiben wir besser eine Queer-Geschichte der Serien: Ich weiß nicht, ob Gott würfelt, die Götter von „Star Trek“ tun es bestimmt, und zwar am liebsten mit Sex & Gender, oder genauer gesagt: mit Zeichen.

(New frontier) „Ours is a moving frontier“, das ist das Credo nicht nur des amerikanischen Westens. Nur in dieser sich bewegenden Grenze können sich Ausdehnung und Erfahrung mischen. In der US-amerikanischen Geschichte (also in der amerikanischen Erzählung) gibt es drei wiederkehrende Phasen. Die Erschöpfung an einem Feind, die bigotte Reduktion und die Entdeckung einer new frontier. Der Western, je älter er wurde, desto mehr, zeigte, dass eine moving frontier nicht nur ein Mythos ist, sondern vor allem eine Schimäre. „Star Trek“ ist Western genug, um auch diese Erfahrung zuzulassen: Eine bewegliche Grenze kann man eben nicht überschreiten, man schiebt sie nur vor sich her. Das macht einen ganz verrückt.

(Organ & Organisation) Kirk, Spock und McCoy, sowie alle, die ihnen Enterprise-mäßig folgten, haben so viel Charisma wie Käsebrote mit Schnittlauch. Und das ist auch gut so. Schließlich sind es Helden für eine Gesellschaft, die, nach allem was wir von ihr so gelegentlich erfahren von Folge zu Folge, eigentlich keine Helden mehr brauchen kann. Man hat einen Raum für Frieden und Fortschritt geschaffen, in dem sich, anders als in „Star Wars“ kein uralter Schuld-Zusammenhang mehr fortpflanzt. Womit nicht gesagt sein soll, es herrsche purer amerikanischer Pragmatismus. Es ist eine Gesellschaft, die augenscheinlich bemerkenswert verfasst und kräftig geordnet ist. Sie ist im übrigen so langweilig, dass ein fünfjähriger Aufenthalt im Raumschiff wie eine Erlösung wirkt.

(Pädagogik im All) „Star Trek“-Folgen sind morality plays (und wenn sie ganz gut drauf sind, erlauben sich die Drehbuch-Autoren auch eine Beimengung von „comedy of manners“). Enterprise-Mitglieder ringen nur einerseits mit der Lösung eines Problems, vor allem aber ringen sie um eine Haltung. Wer mit „Star Trek“ denken gelernt hat, wählt Mitte-links, liest eine anständige Zeitung, ist gut in seinem Beruf, glaubt aber, dass es im Leben noch etwas anderes gibt als Karriere, mag Tiere, akzeptiert Abtreibungen (obwohl er persönlich eher dagegen ist), ist religiös und kulturell tolerant (immer vorausgesetzt, die anderen sind es auch), hat nicht nur Überzeugungen sondern auch Fragen und ist im großen und ganzen mit sich und der Welt zufrieden. Muss ja. Solche sozialdemokratische Bürgerlichkeit ist doch ganz okay, oder? Für „Star Trek“ und „Star Trek“-Denken muss sich niemand schämen, auf dem Weg vom Kinderzimmer zum Ortsverein (und zurück). Doch unser Problem bleibt: Das Weltall ist voller Absichten, Metaphern und zu ziehenden Lehren. Das Weltall ist das einwandfreie Bilderbuch wohlmeinender Götter, über das die braven Kinder schon ein ganz klein wenig hinaus sind. Und weil wir immer schon ein wenig über „Star Trek“ hinaus waren, schauen wir so zärtlich zurück. „Star Trek“ verzeihen wir jede Dummheit. So wie es uns das Ein-wenig-weiter-sein verzeiht.

(Quellen) Die Erzählweise von „Star Trek“ ist dem serialisierten Western entnommen; insbesondere „Wagon Train“ (1957 – 1965) diente als Vorbild, episodische Abenteuer um einen der Planwagen-Züge auf dem Weg nach Westen, den Indianer, Banditen, wilde Tiere, verrückte Quacksalber und einsame Cowboys kreuzten. Jede Folge beschäftigte sich mit einem Menschen und einem Problem. Und wie bei „Star Trek“ war es immer ein verkleidetes Problem der Gegenwart. Mehrfach kehren die „Enterprise“-Leute auch in den Westen zurück (und später ist der Wilde Westen ein beliebtes Erlebnisfeld im Holodeck), einmal wird Spock Medizinmann auf einem Planeten der Indianer, ein anderes mal werden sie in den „Gunfight am OK Corral“ verwickelt. Die Zukunft von „Star Trek“ ist eine Art, die Vergangenheit des Western für die Gegenwart nutzbar zu machen. Aber wir dürfen auch an Shakespeare, „Krieg und Frieden“, Sherlock Holmes und Edgar Allen Poe denken, an Darwin, Marx und Freud, an die Gebrüder Grimm, Carlo Goldoni, Hans Christian Anderson und, logisch, immer wieder an „Der Zauberer von Oz“. An den Zauber der Entzauberung. Die Enterprise könnte auch heißen: „There is no place like home“.

(Roddenberry) Eugene Wesley Roddenberry, geboren 1921 in El Paso, Texas, Mechaniker, Bomberpilot, Science Fiction-Fan, Pilot bei Pan Am, rettete sieben Passagiere nach einem Absturz vor syrischen Banditen, Motorradstreifenpolizist in Los Angeles, Drogenfahnder, PR-Agent und Redenschreiber für den Polizeipräsidenten, erst daneben dann hauptberuflich Drehbuch-Autor für das Fernsehen: „Dragnet“, „Have Gun Will Travel“ „Naked City“. Warum zur Hölle will jemand, der so mit Wirklichkeit aufgeladen ist, ausgerechnet Science Fiction machen? Weil Wirklichkeit, so Roddenberry, damals im amerikanischen Fernsehen nicht vorkam. „Star Trek“ war seine Art, den Apparat zu überlisten, seine Art von Krieg, Rassismus, Manipulation und, sehr häufig, der Herrschaft schierer Dummheit zu erzählen. „Star Trek“ erzählt auf diese Weise von der Wirklichkeit als Unfähigkeit von ihr zu erzählen. Deshalb hat man insbesondere in den ersten Staffeln auch of das Gefühl, einem ungeheuren Herumgedruckse, Um-den-heißen-Brei-Herumgerede, Herumgeeire zuzuschauen und –zuhören. „Star Trek“ ist Politik für eine Kultur, in der das Politische eigentlich verboten ist. Insbesondere Roddenberrys eigene Drehbücher (als Produzent und Mastermind hinter der Serie hatte er sich das Recht vorbehalten, immer wieder auch eigene Scripts zu realisieren, davon abgesehen unterzog er auch die Bücher seiner Autoren gelegentlich heftigem rewriting) sind wundervolle Bearbeitungen außenpolitischer Ratlosigkeit, egal ob es um die ewige Auseinandersetzung zwischen „Yangs“ und „Khoms“ geht, oder um die Frage (in der Folge „A Private Little War“), ob die Enterprise-Leute auf einem „Barbaren-Planeten“ die Gegner jenes Stammes, der von den Klingonen mit Waffen versorgt wurde, um die Herrschaft an sich zu reißen, ihrerseits aufrüsten sollten. Eine eindeutige Lösung findet der plot übrigens nicht. Dafür sind wieder mal die Frauen an allem schuld.

(Star Wars) Es gilt als ausgemacht: „Star Wars“ ist die schwere, dunkle, mystische und im großen und ganzen reaktionäre Ausformung des visuellen Endlos-Science Fiction-Märchens, „Star Trek“ die leichte, helle, rationale und im großen und ganzen progressistische Ausformung. Alle Pop-Mythologie scheint sich seit geraumer Zeit in solchen Dopplungen zu entwickeln, parallel zum Bürgertum und ihrer, nun ja, Jugend.

(Trekkies) Eine der nettesten und ungefährlichsten Formen popkultureller Besessenheit. Aber auch seltsam: Eine wirklichkeitsflüchtige Verkleidung in der flüchtigen Wirklichkeitsverkleidung.

(Utopie) Flieg mal hin, schau es dir an, und seid nett zueinander.

(Visualisierung) Ein einfaches Modell der Science Fiction geht so: Die literarische Form des Genres hat sich immer weiter entwickelt, raffiniert, modernisiert. Sie hat einen Bereich erobert, in dem sie mehr Literatur als Science Fiction ist, komplett mit Avantgarde, Jahrhundertwerken, Doktorarbeiten und Seminaren. Demgegenüber ist die Visualisierung immer eine Banalisierung gewesen. Leute, die sich „Amazing Stories“ wegen der Titelbilder mit den Bikinimädchen und den glubschäugigen Monstern gekauft haben, haben zwar das ökonomische Überleben des Genres gesichert aber ansonsten keine Ahnung. Science Fiction Filme sind was für Matinees, Autokinos und Nachtvorstellungen. Der „Sense of Wonder“ entwickelt sich im Kopf, nicht in den Bildern, nicht in Comics, Illustrationen, Serials à la „Flash Gordon“. Der ärgste Feind des Westerns ist das Wort, seine Helden wollen reines Bild werden, sie leben nur als Bild. Es ist die Aufhebung der nie gewesenen Vergangenheit. Das Bild aber ist der ärgste Feind der Phantastik. Es ist das Wort, das dem Bild in die Zukunft voraus eilt. Bis das Bild beginnt, selber zu denken; dann wird es gefährlich, auch in der Science Fiction, bei Kubrick und Tarkovskij, später dann in der Science Fiction noir. Der Widerspruch zwischen Text und Bild verschärft sich dadurch indes nur. Das phantastische Bild ist entweder zu viel oder zu wenig für das Genre (sieht man einmal von einer kurzen Phase des diskursiv-kritischen Science Fiction-Films in den Sechzigern ab, „Jahr 2025“, „Planet der Affen“, „Rollerball“ oder „Phase IV“, in denen die visuelle Technik ganz in den Dienst des plots gestellt wurde, ein filmhistorisch unwiederholbarer Moment des audiovisuell-literarischen Akkords).

„Star Trek“ ist ein Kompromiss. „Star Trek“ ist nicht phantastischer Film sondern bebildeter Text. Nur um des Textes willen verzeihen wir „Star Trek“ die visuelle Kleinkariertheit (die Farben am Anfang, wie gesagt, die nehmen wir davon aus). Das ist gar keine Frage von Technik und Budget allein. Es ist das Konzept von Bildern, die auf gar keinen Fall mehr enthalten als ihre Bedeutung. Die Bilder in „Star Trek“ sind vollständig und mehr oder weniger eindeutig: lesbar.

(Wissenschaft) Es gibt keine kindischen Maschinen in „Star Trek“, keine Pieps-Roboter und andere imaginary friends; alles was „Super“ ist, einschließlich der Super-Wissenschaft, gehört eher in den Bereich der Probleme als der Lösungen. Man sagt, Science Fiction sei die Schilderung der menschlichen Lösung von menschlichen Problemen, die ohne Wissenschaft und Technologie gar nicht entstanden wären. Eben dieses trägt die Enterprise schwer mit ins All: Jede Lösung erzeugt mindestens zwei Probleme. So entsteht eine Kunst des Vermeidens. Im Star Trek-Universum selber würde man wohl von „verantwortungsbewusstem Umgang“ mit der Wissenschaft sprechen. Man ist jedenfalls nicht mehr so hemmungslos, das All (also „die Welt“) zum Experimentierfeld und Meta-Labor zu degradieren. Irgendwie hätte die Enterprise gern die Schöpfung bewahrt, und an Bord hätte man am liebsten, die Zukunft fände gar nicht erst statt. Man ist unterwegs wie Lederstrumpf in den Wäldern, mit dem unglücklichen Bewusstsein, selbst im Versuch der Bewahrung Teil des Untergangs zu sein. Aber auf die Erde zurückkehren kann man auch nicht. Nicht einmal im Traum.

Stephen Hawkin war einmal echt im Holodeck.

(X) marks the spot. Was sucht die Enterprise in Wahrheit? Gott ist es jedenfalls nicht (wie sich in „The Final Frontier“ zeigt: Gott – oder „die Entität“ ist so banal, dass es völlig wurscht ist, ob man daran glaubt oder nicht). Aber es ist auch nicht einfach nur der Schatz.  Die Beute. Und anders als in „Star Wars“ befindet man sich auch nicht in einem ewigen Krieg (auch wenn der immer um die Ecke sieht); der Weltraum muss vermessen, benannt, geordnet werden. Die Enterprise sammelt Wissen in lexikalischer Form. Sie ist auf Akkumulationsfahrt. Sie ist das Bürgertum im All. Verloren.

(You Can’t Take it With You) Manchmal will uns scheinen, die Enterprise sei ein fliegender Sarg mit den Gespenstern längst Verstorbener. Wissen Sie, was einen guten „Star Trek“-Schauspieler ausmacht? Er oder sie muss traurig schauen können. Manchmal auch entsetzt, manchmal, wenn eine Ruhe ist, auch milde lächeln. Aber meistens traurig.

(Zweifel) Es schien uns das Wunderbare an den Enterprise-Mitgliedern, dass sie zweifeln konnten. Welch ein Fortschritt! So sahen wir „Erwachsene“ in ihnen. Inklusive des Wissens, dass der Zweifel vor der Tat nicht bewahren kann. Kirk muss zweifelnd handeln (und Spock zitiert Shakespeare dazu). Man machte uns nicht weis, dass es genügen kann, dass einer zweifelt und der andere handelt (und der dritte den Zweifel an der Tat und die Tat am Zweifel korrigiert). Nein, für Erwachsene ist die Sache immer komplizierter; man wird sich übrigens mit Vorläufigem arrangieren.

Aber erwachsene Helden sind ein Widerspruch in sich. Deshalb ist jede Episode von „Star Trek“ und allen Weiterungen auch ein Versuch von Menschen, noch einmal Kind zu sein. Jeder fremde Planet, jedes fremde Wesen, jedes seltsame Phänomen ist nichts anderes als ein Wirbel aus der Kindheit. Und eine Klage des Verlusts.


Autor: Georg Seeßlen

Text veröffentlicht in SPEX #322 September/Oktober 2009






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