Ausstellung

ÜBER WUT – ON RAGE

Haus der Kulturen der Welt, Berlin
14.03. bis 09.05.2010

Wenn das Kino ein „rêve exterieur“ ist, wie Jean-Luc Godard sagt, ein projizierter, veräußerter Traum, dann geht es darin, ganz nach Sigmund Freuds Traumlehre, vor allem um Begehren und Angst. Aber es gibt Empfindungen, die noch fundamentaler sind, und dazu gehört die eine, die zugleich Motor und Verderben der Geschichte ist: der Zorn. Er übersetzt sich in der Praxis des Lebens in die kleinere Form der Wut, ohne den Rückbezug zu seiner biblischen, archaischen und mythischen Form zu verlieren. Die Wut kennt ihre konkreten Objekte: Es gibt eine Wut über den verlorenen Groschen, die Wut über eine Kränkung oder eine Ungerechtigkeit, die Wut, allgemein gesprochen, über Verlust und Versagen. Der Zorn indes ist universal, er betrifft ein Ganzes, die Schöpfung vielleicht, die Geschichte, die Ordnung. Daher ist er der Verzweiflung sehr verwandt.

Wenn man es genau nimmt, handelt die Mehrzahl aller Filme ebenso von Wut wie von Zorn. Die einfachste filmische Variante ist der Wunsch nach Rache, der im besten Fall (nämlich in den klassischen Genre-Mythen vom Western über das Melodrama bis zum Cops- und Gangsterdrama) aus einem Gerechtigkeitssinn entsteht. Es geht um Aktion und Reaktion, und fertig ist eine Kino-Geschichte, setzt man einige Retardierungen, baut ein paar Umwege und Erkenntnisse ein. Die große Unruhe, die durch das Unrecht erzeugt wurde, und die sich in Wut verwandelt hat, ist am Ende – unter Opfern, gewiss – überwunden. „Erwachsen“ wird das Kino, wo es erkennt, dass das so einfach nicht ist. Die Wut geht über ihre Ursachen hinaus, sie trifft das falsche Objekt, sie wird von falschen Kräften, von Suggestionen und Manipulationen benutzt, und am Ende hat sie vielleicht die schlimmste Art von Wut erzeugt: die Wut auf sich selbst.

Deshalb kann das Kino zwei nur scheinbar voneinander getrennte Prozesse einleiten (sehen wir vom Kindertraum ab, in dem die Wut für einen Ausgleich zwischen Gerechtigkeit und Recht, zwischen Ordnung und Herrschaft, zwischen Liebe und Macht etc. sorgt): Es kann die Wut „dekonstruieren“, ihre Elemente, ihre Geschichte, ihre Bedingungen, ihre Beziehung zu anderen Empfindungen darstellen. Oder es kann sie auf den Ur-Zorn des Menschen zurückführen, der sich selbst von der Welt getrennt sieht, von den Göttern oder von der Natur verlassen.

Was machen Wut und Zorn mit Menschen? Kein Medium kann diese Frage so genau beantworten wie das Kino. Denn sie sind weder etwas, das im Subjekt begraben ist (es sei denn wir sprächen im Foucaultschen Sinne von Wahnsinn), noch in der Welt und ihrer mangelhaften Ordnung liegt. Sie entstehen erst durch das Missverhältnis und Missverständnis zwischen beidem. Die Wut ist die Erkenntnis, dass „ICH“ und „die Welt“ nicht eines sind. Diese Erkenntnis enthält die Einstellung der Kamera, die nur in Beziehung setzen kann, was sie vorher getrennt hat.

Natürlich gibt es auch sehr pragmatische Fragen nach der Wut: Wo ist sie gut und nützlich, ja überlebensnotwendig, um unerträgliche Verhältnisse zu verändern? Und wo ist sie gefährlich und (selbst)zerstörerisch? Wie könnte das Paradies aussehen, aus dem wir vertrieben wurden, ein Zustand ohne Wut und Zorn? Ist es vielleicht die Blochsche Heimat? Oder doch nur ein Zustand unendlicher Langeweile für soziale Roboter? Das Kino, als große Erzählmaschine, versucht, der Wut einen Sinn zu geben, und es erkennt, dass ihm dabei Grenzen gesetzt sind.


Autor: Georg Seeßlen

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