Computer im Wandel der Kinogeschichte

LOL

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Wenn Lola (Miley Cyrus) in Lisa Azuelos’ neuer Kinokomödie „LOL (Laughing Out Loud)“, ab 31. Mai) mit ihren Freundinnen kommuniziert oder ein Date mit ihrem Freund vereinbart, dann schlägt die große Stunde der Mails, der Chats und der SMS. Denn iPhone und MacBook gehören zur Grundausstattung aller Highschool-Komödien des 21. Jahrhunderts, wie sie überhaupt zu den meisten zeitgenössischen Filmen gehören. Computer und Mobiltelefone aller Art sind auf der Leinwand so alltägliche Requisiten geworden wie der Fernseher im Wohnzimmer oder die Mikrowelle in der Küche der Filmhelden. Endlich, muss man sagen. Denn viele Jahrzehnte lang tat sich Hollywood schwer damit, die Computer als das anzusehen, was sie schon lange Zeit sind: normal.

In Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) war der Bordcomputer des Raumschiffs der heimliche Star des Films. HAL 9000 konnte sprechen, war verdammt melancholisch und wehrte sich dagegen, von den Menschen ausgeschaltet zu werden. Seine letzten Worte, die er mit Psychopathenstimme sprach, waren: „Ich habe Angst.” Auch in John Carpenters Science-Fiction-Hit „Dark Star“ (1974) war der Bordcomputer des Raumschiffs erstaunlich zickig. Allen vier Astronauten gelang es über zwei Jahrzehnte nicht, dem philosophierenden Rechner eine einmal programmierte Bombendetonation auszureden. Weiter unten auf der Erde, wo leistungsstarke Computer gern noch halbe Fabrikhallen füllten und beim ersten bemannten Flug zum Mond gute Dienste erwiesen, wurden Superrechner offenbar als bedrohliche Maschinen gesehen, die einen eigenen Willen hatten und nach der Weltherrschaft strebten. Einen heiteren Aspekt sah man in ihnen nur selten, so etwa in der Komödie „Superhirn in Tennisschuhen“ (1969), in der das gesammelte Wissen des Uni-Computers durch einen Stromschlag auf den trotteligen Studenten Dexter (Kurt Russell) überging.

In den 1980er Jahren hielten Homecomputer wie der Commodore C64 Einzug in die Teenager-Zimmer. Sie brachten „Pac Man” und „Space Invaders” mit sich, wurden zum modernen Spielzeug, zum besten Freund und raubten den Rechnern viel von ihrer furchteinflößenden Faszination. Hollywood reagierte prompt und verband die Keyboard- und Joystick-Erfahrungen der jungen Zielgruppe mit abenteuerlichen Spielhandlungen. In „Tron“ (1982) sucht ein Computerfreak Beweise gegen den betrügerischen Chef eines Medienkonzerns und findet sich voll digital in einem Computerspiel wieder. So übernahm der Rechner im ersten computeranimierten Kinofilm gleich selbst die Hauptrolle. In „War Games – Kriegsspiele“ (1983) dringt ein begabter Schüler von seinem Jugendzimmer aus in die Datennetze der Militärs ein und löst fast den dritten Weltkrieg aus, doch der Computer entpuppt sich als Kind der friedensbewegten 80er Jahre und schaltet das Atom-Kriegsspiel am Ende einfach ab.

In John Hughes’ Komödie „L.I.S.A. – Der helle Wahnsinn“ (1985) nutzen zwei pubertierende Nerds, die bei allen Mädchen abblitzen, ihre Programmierkünste, um am Computer die perfekte Sexbombe zu programmieren, die in Gestalt von Kelly LeBrock plötzlich real vor ihnen steht. Auch in den 90er Jahren zeigte die wachsende Gemeinde der gefürchteten und zugleich bewunderten „Hacker”, was man mit ein paar Tasten alles anstellen kann. Während im wahren Leben die ersten Bankkonten geräumt wurden, gelang es in Ian Softleys „Hackers“ (1995) einem elfjährigen Schüler, mehr als 1500 Computer in der Wall Street lahmzulegen und mit Unterstützung der internationalen Hackergemeinde den millionenschweren Betrug eines Konzerns aufzudecken.

2001: Odyssee im Weltraum

2001: Odyssee im Weltraum

In Thrillern wie Alan J. Pakulas „Die Akte“ (1993) leistete der Computer wertvolle Hilfe bei der Aufdeckung von Straftaten. Der Bildschirm erleuchtete nicht nur bildstark das Gesicht von Hauptdarstellerin Julia Roberts, sondern brachte der Jurastudentin auch im übertragenen Sinne Erleuchtung. In Irwin Winklers Hi-Tec-Thriller „Das Netz“ (1995) spielt Sandra Bullock die Computerexpertin Angela Bennett, die sich beruflich wie privat dem Internet verschrieben hat und kaum noch aus dem Haus geht. Sie lebt völlig isoliert, bestellt ihre Pizza über das Internet und arbeitet von zu Hause aus für das Software-Unternehmen „Cathedral”. Eines Tages erhält sie per Post eine mysteriöse Diskette (damals gab es so etwas noch), die ihr Zugriff auf Internetseiten mit geheimen Informationen verschafft. Kurz darauf stirbt ihr Kollege bei einem Flugzeugabsturz, es folgen weitere Morde und Anschläge, und Angela muss erkennen, dass ihre eigene Identität allmählich mit Hilfe von Computern ausgelöscht werden soll.

Mit stetig wachsenden Möglichkeiten der Telekommunikation und computergestützten Satellitenüberwachung blühten auch die Möglichkeiten der Kriminellen weiter auf, aber ebenso die Möglichkeiten der Ermittler. In Richard Donners Action-Thriller „Assassins – Die Killer“ (1995) sitzt Julian Moore als Emma „Electra” vorwiegend am Computer und steuert die Profikiller Sylvester Stallone und Antonio Banderas fern. In Tony Scotts „Der Staatsfeind Nr. 1“ (1998) muss Will Smith erkennen, wie leicht man dank Satelliten- und Computertechnik an jedem Ort der Welt zu finden ist – auch wenn man gar nichts Böses angestellt hat, sondern nur Opfer eines Missverständnisses geworden ist.

Gegen Ende des Jahrtausends schlug das Computer-Imperium noch einmal zurück. Im durchgestylten Science-Fiction-Thriller „Matrix“ (1999) und seinen beiden Fortsetzungen übernimmt ein Großrechner die Weltherrschaft und spielt Neo, Trinity und allen anderen Helden einen virtuellen Film aus Arbeit, Freizeit, Zufriedenheit und Unglück vor. Ungefähr zeitgleich bewies das Kino aber endlich auch, dass der Computer Liebesglück und Frühlingsgefühle schenken kann: In Nora Ephrons romantischer Komödie „E-M@il für Dich“ (1998), einem modernen Remake von Ernst Lubitschs „Rendezvous nach Ladenschluss“ (1940) schreiben sich Tom Hanks und Meg Ryan keine Briefe, sondern E-Mails. Nach 110 Minuten voller Missverständnisse wird aus den flirtenden Chattern „Ny 152” und „Shop-Girl” endlich ein reales Liebespaar.

Mission Impossible – Phantom Protokoll

Mission Impossible – Phantom Protokoll

Im 21. Jahrhundert gehört jeder Filmheld, der seinen Computer nicht aus dem Effeff beherrscht, zum alten Eisen. So kann auch Bruce Willis in Les Wisemans Actionfilm „Stirb langsam 4.0” (2007) seinen Fall nicht allein mit Waffen und Muskelkraft lösen, sondern ist auf die Hilfe eines jungen Hackers angewiesen, um den Cyberangriff des in Ungnade gefallenen Pentagon-Sicherheitsexperten Thomas Gabriel abzuwehren. Auch andere Superhelden wie IMF-Agent Ethan Hunt (Tom Cruise) können sich in Action-Thrillern wie „Mission Impossible – Phantom Protokoll“ (2011) nur noch dann in Gefahr begeben, wenn ihnen ein Brillen tragender Computerspezialist Rückendeckung gibt.

Mit seinem Filmdrama „The Social Network“ (2010) setzte David Fincher dem Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg ein vieldiskutiertes Denkmal. Obgleich die Faktentreue des Films nur bei circa 40 Prozent liegen soll, beweist das Oscar-prämierte Drehbuch, dass ein junger Programmierer eine packende Filmhandlung tragen kann und dass seine Vision, seine Erfindung und sein Geschäftsmodell das Leben und die Freizeit einer ganzen Generation neu definiert haben.

In „LOL (Laughing Out Loud)“ nutzen nun Lola und ihre Freunde alle Möglichkeiten der heutigen Technik genauso selbstverständlich, wie es die Helden und Mörder in „Scream  4“ (2011) oder sogar das klassische Ermittlerduo Sherlock Holmes und Dr. Watson in der gefeierten BBC-Miniserie „Die neuen Abenteuer des Sherlock Holmes” (2009) tun.

Michael Scholten

Bilder: Warner / Paramount / Constantin

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