Die Chinesin Chen Yang lebt und arbeitet in Berlin. In ihrem WiE-Institut zeigt sie Kunst aus Ost und West. Wenn sie nicht gerade chinesischen Beamten die Vorzüge des deutschen Kulturföderalismus schildert oder erklärt, was Kulturmanagement ist

Ein Glashaus mit drei Wänden, darauf die bunten Umrisse orthodoxer Kirchen. Diese Installation von Haralampi Oroschakoff hing bis vor kurzem in einem unscheinbaren Bürohaus in Berlin-Mitte. Oroschakoff hat hier die abstrahierte Form einer Ikonostase gebaut, die in byzantinischen Kirchen den Altarraum vom Mittelschiff trennt. Ihr Schöpfer, 1955 in Bulgarien geboren, ist von der Idee eines Ausgleichs zwischen der byzantinisch-orientalischen und der (west-)europäischen Kultur getrieben. Diese Dialogidee beseelt auch die Organisation, die Oroschakoff und sein Kunstwerk in ihrem kleinen Showroom ausgestellt hat. Das winzige Institut, das sich WiE-Kultur nennt, residiert seit einem Jahr in einem kleinen Gewerbegebiet direkt hinter dem Berliner Hauptbahnhof – W steht für Westen, E für East, Osten. In der Mitte steht ein ominöses kleines „i“.

Wer sich, von der Neugier getrieben, was es mit diesem Institut wohl auf sich hat, dorthin begibt, trifft auf Chen Yang, eine zierliche junge Frau mit schwarzem Pferdeschwanz. Sie empfängt den Besucher in einem alten Kabinett. Hölzerne Paneele bedecken die Wände in den drei Zimmern des Büros im Erdgeschoss. Ein paar wenige Designermöbel stehen in einem vornehmen alten Kaufmannskontor. Bis vor kurzem wurden auf dem Gelände Autovergaser hergestellt. Aber wie so viele der Unterkünfte in dem Kleingewerbegebiet, in dem noch ein paar Montagehallen dem Industriezeitalter die Treue halten, verwandelten sich auch diese Räume in den letzten Jahren zu White Cubes der immateriellen Arbeit. Längst zählt die Heidestraße, gleich hinter dem Hamburger Bahnhof gelegen, zu den Hotspots der Berliner Galerienszene.

Bevor alles verschwindet

Chen Yang ist eigentlich Kunst-Kuratorin, 1971 wurde sie in Schanghai geboren. Es war mehr der Zufall, der sie nach Deutschland geführt hat, als strategische Planung. Seit René Block, damals noch Direktor des Museum Fridericianum, sie 2000 zu einer Konferenz über Biennalen nach Kassel eingeladen hatte, kam ihre Kunstbetriebslaufbahn plötzlich ins Trudeln: Sie blieb ein paar Tage länger in Deutschland, sah sich die Ruine der Künste in Berlin-Dahlem an, bevor sie zum nächsten Symposium nach Kopenhagen weiterfuhr. „Ich war sofort angezogen von der Stadt“, schwärmt sie noch heute über ein für das Nachwende-Berlin typisches Aha-Erlebnis. Als sie ein paar Tage später in der Auguststraße Bauarbeitern dabei zusah, wie sie die graue, rissige Fassade eines alten Berliner Hauses hinter einem strahlend gelben Neuanstrich verschwinden ließen, fasste sie den spontanen Entschluss: „Ich muss hierher zurückkehren, bevor alles verschwunden ist.“

Zwischen diesem Entschluss und dem Schritt in die Selbständigkeit als Kulturvermittlerin lagen noch ein paar Jahre. 2002 war Chen Yang mit einem vom Institut für Auslandsbeziehungen vergebenen Forschungsstipendium bei den Berliner Kunst-Werken, wo sie deren Gründer Klaus Biesenbach und den damals noch aufstrebenden Aktionskünstler John Bock kennenlernte. Damals lernte die Frau, die von sich lachend behauptet, „kein Partymonster“ zu sein, dass „das Leben in Berlin eigentlich erst nach zehn Uhr abends beginnt“.

Bald darauf wechselte sie als Chefkuratorin ins neue Millennium-Museum in Peking. Dort betreute sie die Präsentation von Wim Wenders Fotoprojekt „Pictures from the surface of Earth“. Bei vielen Begegnungen während dieser Zeit stieß Chen Yang auf, wie hartnäckig Westeuropäer vage Ängste und politische Stereotype auf Asien projizierten: „Da lief etwas falsch. China wurde immer mit Korruption gleichgesetzt. Die Leute von BMW in China wussten besser, wie vielfältig meine Heimat ist. Daran wollte ich etwas ändern.“ Zusammen mit dem Berliner Rechtsanwalt Henning von Zanthier, einem Pionier in Sachen des deutsch-polnischen Austauschs, gründete Chen Yang ihr eigenes Ost-West-Projekt. Wie sehr sie dabei mit den Vorurteilen zu kämpfen hatte, die sie abbauen will, bekam sie am eigenen Leib zu spüren: Mehr als sechs Monate musste sie auf ihr Visum warten: „Die Behörden hatten wohl Angst, ich wollte hier noch ein chinesisches Lokal eröffnen.“

WiE, ihr institutionelles Kind, ist, so steht es auf der Klingel, eine „Kultur GmbH“. Die Formel klingt ungewohnt. Dahinter verbirgt sich der Versuch, das Notwendige mit dem Einträglichen zu verbinden. Ausstellungen wie die von Haralampi Oroschakoff sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs der Arbeit, die sich Chen Yang und zwei Mitarbeiter vorgenommen haben. „Ich verbringe viel mehr Zeit auf Symposien zu Politik, Geschichte und Ökonomie als in Galerien“, sagt die wissbegierige Frau, die jeden zweiten Satz mit der Formel „interesting idea“ beginnt. Dass man auch ohne das in Berlin unverzichtbare soziale Kapital des Nightclubbing etwas erreichen kann, zeigen ihre Projekte. Gerade hat sie einen Auftritt Berliner Galerien auf der Kunstmesse SH-Contemporary Anfang September in Schanghai initiiert und Sponsoren dafür aufgetrieben. Alle wollen jetzt an den prosperierenden Kunstmärkten in Südostasien partizipieren.

Chen Yang will aber nicht allein von West nach Ost vermitteln, sondern auch von Ost nach West. Sie berät die Regierung der chinesischen Provinz Jiangsu. Seit das Zentralkomitee der KP Chinas die wundersamen Kräfte der Kulturindustrie entdeckt hat und im vergangenen Jahr auf die politische Agenda hob, stürzt sich auch die Regierung der Boomregion am Jangtse-Delta auf das neue Wachstumsfeld. Für Chen Yang ist das die Stunde des kulturellen Wissenstransfers. Sie hat ein vierzehntägiges Curriculum für Fachleute aus der chinesischen Verwaltung, Kulturinstitutionen und den Medien entwickelt. Nun schildert sie chinesischen Beamten die Vorzüge des deutschen Kulturföderalismus, erklärt, was Kulturmanagement ist oder wie man eine private Stiftung gründet.

Kein Center-Center

Im deutschen Kulturverständnis schließen sich Kunst und Kommerz einander in der Regel strikt aus. Chen Yang sieht das schon deswegen pragmatischer, weil sie ihre gesamten Ersparnisse in ihre Kultur-GmbH gesteckt hat. Aber sie hat auch generell kaum Berührungsängste. Privatkunden sind ihr genauso wichtig wie die nichtkommerziellen Gespräche mit Experten aus allen Himmelsrichtungen. Mit Künstlern und Wissenschaftlern hat sie auf zwei „Kabinettsterminen“ in ihrem Büro in der Heidestraße die ewigen Streitthemen Multikultur und „Die Orientalische Frage“ erörtert. Wer sich mit der geschäftstüchtigen Kulturvermittlerin unterhält, erlebt eine hellwache, über die letzten Verästelungen der deutschen Diskurse bestens informierte Frau. Was also ist WiE-Kultur? „Weder Galerie noch Kunsthandel, auch keine Nonprofitorganisation“, sagt Chen Yang. „Es ist auch kein Center-Center, sondern ein Anlaufpunkt für Vernetzungen.“ Wir einigen uns auf „kulturelles Entrepreneurship“.

In Deutschland fragen sich zwanzig Jahre nach dem Mauerfall viele, ob das Ost-West-Label nicht langsam ausgedient hat. Chen Yang hält diesen Dialog absolut für notwendig. Nicht nur, weil sie die Mentalitäten in Deutschland immer noch gespalten erlebt. Im vergangenen Jahr erklärten ihr eine ostdeutsche Freundin und deren Tochter, nicht an den Feiern zum zwanzigsten Jahrestag der Einheit teilnehmen zu wollen. Auf die erstaunte Frage nach dem Warum erhielt sie die Antwort: „Die feiern.“ Chaos Chen war schockiert. Sie glaubt, dass sich die Ost-West-Perspektive langsam öffnen muss. Europa könne auch in ganz anderer Hinsicht sich ein Beispiel an asiatischen Tugenden nehmen: „Europa kann von Asien lernen, wie verschiedene Religionen koexistieren. Dort kennt jeder die Rituale der anderen Gläubigen und kann sie im Zweifelsfall anwenden.“

Welthistorisch gesehen hält sie die zwanzig Jahre seit dem Mauerfall für eine vergleichsweise kurze Periode. „Das ist gerade mal so viel“, sagt sie und zeigt lachend den Zwischenraum zwischen Zeigefinger und Daumen. Sie selbst sieht sich als Kulturunternehmerin in der „Wüste“ der Heidestraße genau am richtigen Platz. In Berlin-Mitte sind die Spuren der Geschichte, die sie einst verschwinden sah, inzwischen fast getilgt. In dem zersiedelten Gewerbegebiet hinter dem monströsen Hauptbahnhof ist das Neuland, das der Geschichtsbruch 1989 aufgerissen hat, noch sinnfällig. Hier verlief einst die Mauer. Schräg gegenüber steht noch ein verlorener Rest davon auf einem Brachland hinter den vielen windschiefen Montagehallen und Lagerschuppen. Wie das kleine „i“ in ihrem Institutsnamen, das ein Platzhalter für „Individuum“ ist, arbeitet Chen Yang hier symbolisch zwischen Ost und West: „Das ist das letzte Stückchen vergessenes Land“, sagt sie enthusiastisch.

Berlinerin für immer

Was Chen Yang im Innersten antreibt, lässt sich am Titel ihrer ersten Ausstellung im vergangenen September ablesen. Die Gruppenshow nicht nur chinesischer Künstler nannte sie „Döberitzer Heide. Free Air for Free Thinking“. Sie hatte einfach die Namen der beiden Straßen, an denen ihr Institut residiert, zusammengefügt. Kulturvermittlung ließe sich als die Anstrengung übersetzen, sich und anderen den Schmutz der Vorurteile aus den Augen zu nehmen. Etwas von dem postnationalistischen Bewusstsein, das sie damit im besten Fall erreichen kann, hat die Immigrantin, die von sich sagt, dass sie China liebt, schon selbst angenommen. In fließendem Englisch sagt sie strahlend: „Eine Deutsche werde ich nie sein.“ Und auf Deutsch fügt sie hinzu: „Aber ich höre nie auf, eine Berlinerin zu sein.“

„Da lief etwas falsch“, sagt Chen Yang. „China wurde immer mit Korruption gleichgesetzt. Die Leute von BMW in China wussten besser, wie vielfältig meine Heimat ist. Daran wollte ich etwas ändern“

Text: Ingo Arend

Die Chinesin Chen Yang lebt und arbeitet in Berlin. In ihrem WiE-Institut zeigt sie Kunst aus Ost und West. Wenn sie nicht gerade chinesischen Beamten die Vorzüge des deutschen Kulturföderalismus schildert oder erklärt, was Kulturmanagement ist

Ein Glashaus mit drei Wänden, darauf die bunten Umrisse orthodoxer Kirchen. Diese Installation von Haralampi Oroschakoff hing bis vor kurzem in einem unscheinbaren Bürohaus in Berlin-Mitte. Oroschakoff hat hier die abstrahierte Form einer Ikonostase gebaut, die in byzantinischen Kirchen den Altarraum vom Mittelschiff trennt. Ihr Schöpfer, 1955 in Bulgarien geboren, ist von der Idee eines Ausgleichs zwischen der byzantinisch-orientalischen und der (west-)europäischen Kultur getrieben. Diese Dialogidee beseelt auch die Organisation, die Oroschakoff und sein Kunstwerk in ihrem kleinen Showroom ausgestellt hat. Das winzige Institut, das sich WiE-Kultur nennt, residiert seit einem Jahr in einem kleinen Gewerbegebiet direkt hinter dem Berliner Hauptbahnhof – W steht für Westen, E für East, Osten. In der Mitte steht ein ominöses kleines „i“.

Wer sich, von der Neugier getrieben, was es mit diesem Institut wohl auf sich hat, dorthin begibt, trifft auf Chen Yang, eine zierliche junge Frau mit schwarzem Pferdeschwanz. Sie empfängt den Besucher in einem alten Kabinett. Hölzerne Paneele bedecken die Wände in den drei Zimmern des Büros im Erdgeschoss. Ein paar wenige Designermöbel stehen in einem vornehmen alten Kaufmannskontor. Bis vor kurzem wurden auf dem Gelände Autovergaser hergestellt. Aber wie so viele der Unterkünfte in dem Kleingewerbegebiet, in dem noch ein paar Montagehallen dem Industriezeitalter die Treue halten, verwandelten sich auch diese Räume in den letzten Jahren zu White Cubes der immateriellen Arbeit. Längst zählt die Heidestraße, gleich hinter dem Hamburger Bahnhof gelegen, zu den Hotspots der Berliner Galerienszene.

Bevor alles verschwindet

Chen Yang ist eigentlich Kunst-Kuratorin, 1971 wurde sie in Schanghai geboren. Es war mehr der Zufall, der sie nach Deutschland geführt hat, als strategische Planung. Seit René Block, damals noch Direktor des Museum Fridericianum, sie 2000 zu einer Konferenz über Biennalen nach Kassel eingeladen hatte, kam ihre Kunstbetriebslaufbahn plötzlich ins Trudeln: Sie blieb ein paar Tage länger in Deutschland, sah sich die Ruine der Künste in Berlin-Dahlem an, bevor sie zum nächsten Symposium nach Kopenhagen weiterfuhr. „Ich war sofort angezogen von der Stadt“, schwärmt sie noch heute über ein für das Nachwende-Berlin typisches Aha-Erlebnis. Als sie ein paar Tage später in der Auguststraße Bauarbeitern dabei zusah, wie sie die graue, rissige Fassade eines alten Berliner Hauses hinter einem strahlend gelben Neuanstrich verschwinden ließen, fasste sie den spontanen Entschluss: „Ich muss hierher zurückkehren, bevor alles verschwunden ist.“

Zwischen diesem Entschluss und dem Schritt in die Selbständigkeit als Kulturvermittlerin lagen noch ein paar Jahre. 2002 war Chen Yang mit einem vom Institut für Auslandsbeziehungen vergebenen Forschungsstipendium bei den Berliner Kunst-Werken, wo sie deren Gründer Klaus Biesenbach und den damals noch aufstrebenden Aktionskünstler John Bock kennenlernte. Damals lernte die Frau, die von sich lachend behauptet, „kein Partymonster“ zu sein, dass „das Leben in Berlin eigentlich erst nach zehn Uhr abends beginnt“.

Bald darauf wechselte sie als Chefkuratorin ins neue Millennium-Museum in Peking. Dort betreute sie die Präsentation von Wim Wenders Fotoprojekt „Pictures from the surface of Earth“. Bei vielen Begegnungen während dieser Zeit stieß Chen Yang auf, wie hartnäckig Westeuropäer vage Ängste und politische Stereotype auf Asien projizierten: „Da lief etwas falsch. China wurde immer mit Korruption gleichgesetzt. Die Leute von BMW in China wussten besser, wie vielfältig meine Heimat ist. Daran wollte ich etwas ändern.“ Zusammen mit dem Berliner Rechtsanwalt Henning von Zanthier, einem Pionier in Sachen des deutsch-polnischen Austauschs, gründete Chen Yang ihr eigenes Ost-West-Projekt. Wie sehr sie dabei mit den Vorurteilen zu kämpfen hatte, die sie abbauen will, bekam sie am eigenen Leib zu spüren: Mehr als sechs Monate musste sie auf ihr Visum warten: „Die Behörden hatten wohl Angst, ich wollte hier noch ein chinesisches Lokal eröffnen.“

WiE, ihr institutionelles Kind, ist, so steht es auf der Klingel, eine „Kultur GmbH“. Die Formel klingt ungewohnt. Dahinter verbirgt sich der Versuch, das Notwendige mit dem Einträglichen zu verbinden. Ausstellungen wie die von Haralampi Oroschakoff sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs der Arbeit, die sich Chen Yang und zwei Mitarbeiter vorgenommen haben. „Ich verbringe viel mehr Zeit auf Symposien zu Politik, Geschichte und Ökonomie als in Galerien“, sagt die wissbegierige Frau, die jeden zweiten Satz mit der Formel „interesting idea“ beginnt. Dass man auch ohne das in Berlin unverzichtbare soziale Kapital des Nightclubbing etwas erreichen kann, zeigen ihre Projekte. Gerade hat sie einen Auftritt Berliner Galerien auf der Kunstmesse SH-Contemporary Anfang September in Schanghai initiiert und Sponsoren dafür aufgetrieben. Alle wollen jetzt an den prosperierenden Kunstmärkten in Südostasien partizipieren.

Chen Yang will aber nicht allein von West nach Ost vermitteln, sondern auch von Ost nach West. Sie berät die Regierung der chinesischen Provinz Jiangsu. Seit das Zentralkomitee der KP Chinas die wundersamen Kräfte der Kulturindustrie entdeckt hat und im vergangenen Jahr auf die politische Agenda hob, stürzt sich auch die Regierung der Boomregion am Jangtse-Delta auf das neue Wachstumsfeld. Für Chen Yang ist das die Stunde des kulturellen Wissenstransfers. Sie hat ein vierzehntägiges Curriculum für Fachleute aus der chinesischen Verwaltung, Kulturinstitutionen und den Medien entwickelt. Nun schildert sie chinesischen Beamten die Vorzüge des deutschen Kulturföderalismus, erklärt, was Kulturmanagement ist oder wie man eine private Stiftung gründet.

Kein Center-Center

Im deutschen Kulturverständnis schließen sich Kunst und Kommerz einander in der Regel strikt aus. Chen Yang sieht das schon deswegen pragmatischer, weil sie ihre gesamten Ersparnisse in ihre Kultur-GmbH gesteckt hat. Aber sie hat auch generell kaum Berührungsängste. Privatkunden sind ihr genauso wichtig wie die nichtkommerziellen Gespräche mit Experten aus allen Himmelsrichtungen. Mit Künstlern und Wissenschaftlern hat sie auf zwei „Kabinettsterminen“ in ihrem Büro in der Heidestraße die ewigen Streitthemen Multikultur und „Die Orientalische Frage“ erörtert. Wer sich mit der geschäftstüchtigen Kulturvermittlerin unterhält, erlebt eine hellwache, über die letzten Verästelungen der deutschen Diskurse bestens informierte Frau. Was also ist WiE-Kultur? „Weder Galerie noch Kunsthandel, auch keine Nonprofitorganisation“, sagt Chen Yang. „Es ist auch kein Center-Center, sondern ein Anlaufpunkt für Vernetzungen.“ Wir einigen uns auf „kulturelles Entrepreneurship“.

In Deutschland fragen sich zwanzig Jahre nach dem Mauerfall viele, ob das Ost-West-Label nicht langsam ausgedient hat. Chen Yang hält diesen Dialog absolut für notwendig. Nicht nur, weil sie die Mentalitäten in Deutschland immer noch gespalten erlebt. Im vergangenen Jahr erklärten ihr eine ostdeutsche Freundin und deren Tochter, nicht an den Feiern zum zwanzigsten Jahrestag der Einheit teilnehmen zu wollen. Auf die erstaunte Frage nach dem Warum erhielt sie die Antwort: „Die feiern.“ Chaos Chen war schockiert. Sie glaubt, dass sich die Ost-West-Perspektive langsam öffnen muss. Europa könne auch in ganz anderer Hinsicht sich ein Beispiel an asiatischen Tugenden nehmen: „Europa kann von Asien lernen, wie verschiedene Religionen koexistieren. Dort kennt jeder die Rituale der anderen Gläubigen und kann sie im Zweifelsfall anwenden.“

Welthistorisch gesehen hält sie die zwanzig Jahre seit dem Mauerfall für eine vergleichsweise kurze Periode. „Das ist gerade mal so viel“, sagt sie und zeigt lachend den Zwischenraum zwischen Zeigefinger und Daumen. Sie selbst sieht sich als Kulturunternehmerin in der „Wüste“ der Heidestraße genau am richtigen Platz. In Berlin-Mitte sind die Spuren der Geschichte, die sie einst verschwinden sah, inzwischen fast getilgt. In dem zersiedelten Gewerbegebiet hinter dem monströsen Hauptbahnhof ist das Neuland, das der Geschichtsbruch 1989 aufgerissen hat, noch sinnfällig. Hier verlief einst die Mauer. Schräg gegenüber steht noch ein verlorener Rest davon auf einem Brachland hinter den vielen windschiefen Montagehallen und Lagerschuppen. Wie das kleine „i“ in ihrem Institutsnamen, das ein Platzhalter für „Individuum“ ist, arbeitet Chen Yang hier symbolisch zwischen Ost und West: „Das ist das letzte Stückchen vergessenes Land“, sagt sie enthusiastisch.

Berlinerin für immer

Was Chen Yang im Innersten antreibt, lässt sich am Titel ihrer ersten Ausstellung im vergangenen September ablesen. Die Gruppenshow nicht nur chinesischer Künstler nannte sie „Döberitzer Heide. Free Air for Free Thinking“. Sie hatte einfach die Namen der beiden Straßen, an denen ihr Institut residiert, zusammengefügt. Kulturvermittlung ließe sich als die Anstrengung übersetzen, sich und anderen den Schmutz der Vorurteile aus den Augen zu nehmen. Etwas von dem postnationalistischen Bewusstsein, das sie damit im besten Fall erreichen kann, hat die Immigrantin, die von sich sagt, dass sie China liebt, schon selbst angenommen. In fließendem Englisch sagt sie strahlend: „Eine Deutsche werde ich nie sein.“ Und auf Deutsch fügt sie hinzu: „Aber ich höre nie auf, eine Berlinerin zu sein.“

„Da lief etwas falsch“, sagt Chen Yang. „China wurde immer mit Korruption gleichgesetzt. Die Leute von BMW in China wussten besser, wie vielfältig meine Heimat ist. Daran wollte ich etwas ändern“

Text: Ingo Arend


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