Martin Kippenberger: „sehr gut / very good“ (Kunstausstellung)

Martin Kippenberger Einer von Euch, Unter Euch, Mit Euch Portrait Martin Kippenberger (Übermalung mit Wasserfarben von Jochen Krüger), 1977 Offsetlithographie auf Papier, 59,5 x 42 cm © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln
Martin Kippenberger Einer von Euch, Unter Euch, Mit Euch Portrait Martin Kippenberger (Übermalung mit Wasserfarben von Jochen Krüger), 1977 Offsetlithographie auf Papier, 59,5 x 42 cm © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

Der Kippenberger ist das Maß aller Dinge

Picassos Erben: Berlins Hamburger Bahnhof zeigt eine Retrospektive des einstigen „enfants terrible“ des bundesdeutschen Kunstbetriebs. Ende Februar wäre er sechzig Jahre alt geworden

Heavy Burschi. Mehr als kunsthistorische Etiketten ist vielleicht dieser selbstironische Bildtitel Martin Kippenbergers an ihm hängen geblieben. Denn als harter Bursche, Macho, Säufer, Charmeur hat sich der 1953 in Dortmund geborene Künstler, der am kommenden Montag 60 Jahre alt geworden wäre, im kollektiven Gedächtnis fester eingenistet als der Maler, Installationskünstler, Performer, Bildhauer, Fotograf, Verleger oder Musiker, der er auch war. Dass eines seiner „Handgemalten Bilder“ vergangenen Herbst bei Christie’s für fast vier Millionen Euro wegging, spricht nicht gegen diesen Befund.

Dass Berlins Hamburger Bahnhof dem Mann zum 60. Geburtstag nun eine 300 Arbeiten große Retrospektive ausrichtet, ist „sehr gut/very good“ – so der Titel der Schau. Denn trotz diverser Rückblicke in den letzten Jahren bildet das „Phänomen Kippenberger“ immer noch ein unentwirrbares Knäuel aus Legenden und Anekdoten, hinter dem die Ästhetik dieses Mannes verschwindet. Die Flut höchst privater Reminiszenzen an den einstigen bad guy des deutschen Kunstbetriebs derzeit belegt: Es scheint einfacher, Kippenbergers Leben als seine Kunst zu erinnern.

Kein Wunder. Denn bei kaum einem Künstler, Joseph Beuys vielleicht ausgenommen, verschmolzen Leben und Werk derart zu einem Amalgam wie bei dem Mann, der 1976 sein Studium an der Hamburger Kunstakademie abbrach, um dann zu einem der deutschen Künstlerstars aufzusteigen. Interdisziplinarität ist eine zu schwache, sterile Vokabel dafür, wie er Kunst, Musik, Performance, Happening und Politik verschwenderisch, selbstzerstörerisch verschaltete. Und alles zusammen dann unter großem Gelächter mit sich selbst. Der Publizist Diedrich Diederichsen nannte Martin Kippenberger deshalb einmal halb spöttisch, halb bewundernd, „Gesamtkunsturheber“.

Martin Kippenberger Ohne Titel (aus der Serie Lieber Maler, male mir), 1981 Acryl auf Leinwand, 200 x 300 cm Private Collection © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln
Martin Kippenberger Ohne Titel (aus der Serie Lieber Maler, male mir), 1981 Acryl auf Leinwand, 200 x 300 cm Private Collection © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

Unsinnige Bauvorhaben

Doch obwohl er ein veritables „Oeuvre“ hinterlassen hat: Das Bild des Helden des Berliner Nachtlebens vor dem Mauerfall strahlt immer noch heller als etwa das des Erschaffers der Serie „Unsinnige Bauvorhaben“. Der improvisierte Eingang zu einem fiktiven U-Bahn-System schaffte es 2003 bis in den Deutschen Pavillon nach Venedig und 2007 auf die Documenta nach Kassel. Und würde heute wahrscheinlich gut vor die Baugrube des Stuttgarter Hauptbahnhofs oder vor den neuen Berliner Großflughafen passen. Und wer erinnert sich noch an die Tankstelle in Brasilien, die Kippenberger 1986 in „Martin Bormann Gas Station“ umgetauft hatte? Stattdessen schwärmen alle immer nur von dem versifften Tanzschuppen SO 36. Das Punklokal war Kippenbergers unerklärtes Hauptquartier.

Natürlich hat das seinen Grund: Denn Berlin war das Labor, in dem Kippenberger seine fusion art mixte, seinen Kosmos ausbreitete und den Spagat zwischen Hoch- und Subkultur probte. Hier begann er, vierundzwanzig Jahre alt, als Künstler, Publizist, Sammler, Galerist und Autor zu agieren. Oder soll man sagen: Wüten? Vor allem aber als exhibitionistisch begabter Selbstdarsteller. In die Frontstadt des Kalten Krieges war er 1977 gezogen, nachdem er in Florenz endgültig den Versuch aufgegeben hatte, ein klassischer Künstler zu werden.

Wie er schon in Italien Vita und Werk verschmolz, zeigen die 100 Schwarz-Weiß-Bilder im Stil Gerhard Richters, die er damals in drei Monaten malte. Übereinander gestapelt sollten sie seine Körpergröße von 1,89 Metern ergeben: Der Kippenberger ist das Maß aller Dinge. Wenn man in der Berliner Ausstellung das Bild eines Teil des damals produzierten Stapels sieht, den Kippenberger in seinem späteren Berliner Büro vor sich stehen hat, wird klar: Dieser Mann hatte schon immer ein irrwitziges Gespür dafür, Selbstironie mit Größenwahn zu verbinden.

Auch in der WG in der Zossener Straße, in die er nach dem Auszug aus dem heiligen Florenz zunächst gezogen war, machte Kippenberger noch „Bilder“: Eine Collage aus 1300 Fotos, die die Kreuzberger Szene um Claudia Skoda oder Bruno Brunnet zeigte, vergleichbar mit der Kunst Nan Goldins. Kurze Zeit später bezog er eine Fabriketage am Segitzdamm, die er sich mit der Lehrerin und späteren Galeristin Gisela Capitain teilte: Eine Mischung aus Künstleratelier und öffentlichem Ort nach dem Vorbild von Andy Warhols Factory.

Martin Kippenberger Einladungskarte zur Ausstellung "Helmut Newton für Arme. Selbst-beschmutzende Nestwärme – bis ´84. Collagen und Fotografien", 1985 © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne
Martin Kippenberger Einladungskarte zur Ausstellung „Helmut Newton für Arme. Selbst-beschmutzende Nestwärme – bis ´84. Collagen und Fotografien“, 1985 © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Lieber Maler, male mir

„Kippenbergers Büro“ nannte er die Räume, in denen er den Künstlern aus dem Kreuzberger Szenelokal „Exil“ eine Bühne bot. Wo er mit der Zeitung „sehr gut/very good“ eine Kreuzung aus Warhols „Interview“ und der englischen „Yellow Press“ aus der Taufe hob. Die im Verlag „Pikassos Erben“ herausgab. Wo er sich als Dienstleister für „Vermittlung, Beratung, Bilder“ versuchte. Oder mit den „Neuen Wilden“ Rainer Fetting und Helmut Middendorf  Filme und Diashows zeigte.

Bei aller selbstzerstörerischen Exaltiertheit: Umstandlos unter die Neoexpressionisten subsumieren lässt sich Kippenberger aber ganz und gar nicht. Als er zu seinem endgültigen Abschied aus Berlin 1981 in der NGBK die Ausstellung „Lieber Maler, male mir…“ eröffnete, hatte er die riesigen, fotorealistischen Werke von Plakatmalern anfertigen lassen. Eines davon, das jetzt in Berlin zu sehen ist, zeigt den TV-Start der damaligen Zeit Hans-Jörg Felmy. Deutlicher konnte die Absage an seine neuwilden Freunde nicht ausfallen, die das expressive Künstlersubjekt vergötzten. Sich selbst hatte Kippenberger „Malverbot“ erteilt. Seine Gegenmalerei bestand eben in „Dienstleistungen“. Damals zündete die Idee. Im Zeitalter des siegreichen Neoliberalismus würde man diesen Joke vermutlich anders sehen.

Ins Zentrum des Kippenbergerschen Mythos stößt man aber über das legendenumwobene SO 36. In dem Kreuzberger Punkladen hatte sich Kippenberger im selben Jahr eingekauft. Zum Einstand feierte er dort seinen 25. Geburtstag unter dem Motto: „1/4 Jahrhundert Kippenberger, als einer von Euch, mit Euch, unter Euch“. Bands aus aller Welt traten auf.

Der genialische Musik-Dilettant Kippenberger spielte mit seiner Gruppe „Luxus“. In dem abgerockten Schuppen kam es auch zu dem legendären Angriff auf den Möchtegern-Punk Kippenberger. Der den Mann, der gern auf allen Grenzen gleichzeitig lief, an die Grenze zwischen Leben und Tod brachte. Echte Kreuzberger Punks schlugen ihm Kopf und Nase blutig. Was der Künstler später in seiner Werkserie „Dialog mit der Jugend“ verarbeitete.

Berlin und Kippenberger, das waren im Grunde nur drei rauschhafte Jahre und Performance pur: Als der heiß gelaufene Impresario die Stadt Richtung Paris verließ, um sich dort als Schriftsteller zu versuchen, hatte er noch kein zusammenhängendes, vermarktbares Werk vorzuweisen. Das, was in den Folgejahren entstand, zeigt jedoch bis heute Wirkung. Noch 2008 ereiferte sich Papst Benedikt XVI. gegen Kippenbergers Werk „Zuerst die Füße“ aus dem Jahr 1990, ein ironisches Selbstportrait in Form eines gekreuzigten Froschs.

Und Kippenbergers zum geflügelten Wort geronnener Bildtitel „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“ aus dem Jahr 1984 wirkte plötzlich wie ein ironischer Kommentar zu dem Einzug der umstrittenen Kunstsammlung Friedrich Christian Flick in Berlins Hamburger Bahnhof. Zufall oder Ironie des Schicksals, dass das Bild ausgerechnet in dieser Sammlung hängt? Und natürlich jetzt auch in der Berliner Retrospektive. Vielleicht ist diese Arbeit eines der besten Werke dieses Mannes.

Martin Kippenberger Zuerst die Füße, 1991 Holz, Autolack, Metall, 130 x 110 x 22 cm Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln
Martin Kippenberger Zuerst die Füße, 1991 Holz, Autolack, Metall, 130 x 110 x 22 cm Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

Gute Laune

„Kunst wird ja sowieso immer erst im Nachhinein betrachtet. Was dann die Leute noch von mir erzählen oder nicht erzählen werden, entscheidet. Und ich arbeite daran, dass die Leute sagen können: Kippenberger war gute Laune!“. Wer die von Udo Kittelmann und Britta Schmitz wohltuend unprätentiös und nicht streng chronologisch entwickelte Berliner Schau unter Martin Kippenbergers einmal selbst formulierter Maxime beurteilt, wird feststellen: Gute Laune stellt sich bei seinem Werk immer noch ein.

Schon wer das Ausstellungsplakat betrachtet: Kippenberger nackt, in einer zu großen, weißen Unterhose, ein berühmtes Bild Picassos karikierend. „Elite“ nannte er ironisch das Bild aus dem Jahr 1988, auf dem er mit vorgewölbtem Genie-Bauch zu sehen ist. Der Humor mit dem der wüste Betriebs- und Genrekritiker arbeitet, mutet noch heute befreiend an. Auch wenn manches andere Stück dieses Sturmlaufs gegen die konventionelle Genrekunst heute etwas läppisch wirkt.

Immerhin versteht man, wie die Kunst dieses Mannes für die Kölner Truppe um den Kritiker Diedrich Diedrichsen und die Zeitschrift „Texte zur Kunst“ zur Projektionsfläche einer ästhetische Subversion des künstlerischen Erbes im Nachkriegsdeutschland werden konnte. Doch wenn die Schau in den Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs eines lehrt, dann doch, dass die Kunst dieses Mannes extrem kontextabhängig war – Produkt ihrer Zeit. Und dass bei aller rotzig und lässig zur Schau gestellten Distanz zu dem Gesamtsystem Kunst unterschwellig der Wunsch nagte, dazuzugehören. Wie man an zwei gefakten Plakaten zur Documenta und der Biennale in Venedig sehen konnte, auf denen sich Kippenberger selbst in diesen Olymp berief.

Das historisch Bedingte ändert nichts an der Attraktivität des Stil- und Coolnessideals Kippenberger. Es ist vielleicht auch kein Wunder, dass das ästhetische wie das virile „Urviech“ Kippenberger wieder zu einer Zeit auftaucht, wo eher die „milden Kerle“ gefragt sind – so der Titel eines jüngst erschienenen Buches. Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden. Das sind Sprüche, mit denen auch heute jeder billig Kippi-Kennerschaft behaupten und ruppige Distanz zum Wahren, Schönen, Guten bekunden kann. Zu Kalenderweisheiten geronnene Sätze des virtuosen Anti-Künstlers Kippenberger, mit denen der das Künstlerselbstbild des verkannten Genies à la van Gogh ironisierte.

Die Dialektik wollte es, dass sein Urheber aber genau jene Ästhetik der Überbietung inszenierte, die zu diesem Bild untrennbar dazugehört. Mag es ihm damit noch so sehr um die Entlarvung aller Kunstklischees gegangen sein. Ob es nun der exzessive Alkoholkonsum war, die rauschhafte Überproduktion oder die flamboyante Selbstdarstellung. Dass der Work- und Alkoholic sich nach den Jahren des „jugendlichen Übermuts“ (Kippenberger) mit seiner neuen Frau Elfie Semotan 1996 auf einem Bauernhof in Österreich niederließ, hat ihm nichts genutzt. Eines der berührendsten Bilder der Schau zeigt Martin Kippenberger ein Jahr vor seinem Tod mit zerfurchtem gesicht in einem Rollstuhl sitzend. Am 7. März 1997 starb der Klamauk-Existenzialist in Wien an den Folgen einer Leberkrebserkrankung, 44 Jahre alt.

Ingo Arend

Martin Kippenberger Ohne Titel (aus der Medusa-Serie), 1996 Öl auf Leinwand, 180 x 150 cm Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne
Martin Kippenberger Ohne Titel (aus der Medusa-Serie), 1996 Öl auf Leinwand, 180 x 150 cm Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

AUSSTELLUNG:

Martin Kippenberger: „sehr gut/very good“

23. Februar – 18. August 2013
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin

Kein Katalog. Im Verlauf der Ausstellung erscheint ein Buch zu Kippenbergers „Weißen Bildern“.

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