Frank Schirrmacher: Ego – Das Spiel des Lebens

 

Nummer 2, oder Die Arbeit der Rationalisierungsmaschinen gebiert Ungeheuer

„Ego – Das Spiel des Lebens“ ist ein kulturkritisches Lamento. Das ist erst  einmal weder gut noch schlecht. Es ist ein Genre, und Genres haben Regeln, Absichten, Konventionen und Sprechweisen. Sie haben eine gewisse analytische Tiefe die man nicht über- oder unterschreiten mag, und vor allem haben sie eine ganz besondere Form der Selbstermächtigung. Das kulturkritische Lamento spricht im Namen der Entsetzten am Rand des einen oder anderen Weltuntergangs. Es spricht sozusagen in letzter Minute (und entsprechend atemlos). Gleichzeitig ist der Autor hier  aber auch ein „volkstümlicher“ Erzähler, der sich vor kleinen Redundanzen so wenig fürchten darf wie vor dem anekdotenreichen Erzählen.

„Ego“ ist eine größere Erzählung von der Transformation des Kapitalismus und damit verbunden der Verwandlung des Menschen in ein egoistisches Monster, das bei Schirrmacher zunächst „homo oeconomicus“ und dann „Nummer 2“ heißt. Und diese Erzählung geht in groben Zügen so:
In der Zeit des Kalten Krieges entwickelten US-amerikanische Strategen im militärisch-wissenschaftlich-wirtschaftlichen Komplex mehr oder weniger geniale Modelle zur praktischen Kommunikation mit dem Feind. Man nannte es, harmlos genug, „Spieltheorie“, und es geht dabei darum, alle Handlungen und Unterlassungen des anderen auf einen einzigen Impuls, nämlich den Eigennutz, zu reduzieren. Es galt also nur, einen verborgenen Eigennutz im Spielzug des Feindes zu erkennen, um ihm adäquat zu begegnen. Gleichzeitig war diese Modellierung der Spielregel nach dem Vorbild eines verdeckten und nicht-kooperativen Spiels, Poker war das ideale Bild dafür, die perfekte Legitimation eines eigenen Vorgehens nach dem Prinzip des Eigennutzes. Man konnte in diesem Spiel bluffen, aber auch bluffen, dass man blufft, und der Gegner konnte bluffen, dass er den Bluff nicht durchschaute. Das Spiel war auf den Gewinn des Pots, auf das Alles-oder-nichts ausgerichtet. Und der Spieltheorie kam die von der rational choice zur Unterstützung, die jede Entscheidung als eine im Kern mechanische zum eigenen Überleben und zum Ausschließen der Konkurrenten ansah. Ein wesentlicher Antriebsmotor dieser Vorstellung von globaler Kommunikation ist die Angst.

Als zu Ende der achtziger Jahre die planwirtschaftlichen Organisationen der kommunistischen Staaten zusammenbrachen, hatten die Physiker, Statistiker, Mathematiker, Soziologen und behavioristischen Psychologen, die mit dem System von Spieltheorie und rational choice die Grundlagen für die fragile Weltordnung des Kalten Krieges gelegt hatten, und dafür vom Pentagon mit traumhaften Arbeitsmöglichkeiten ausgestattet waren, ein Problem: Die Weltgeschichte hatte ihnen recht gegeben, aber sie hatte sie zugleich mehr oder weniger überflüssig gemacht.

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Mit der Computerisierung verbreitet sich der spieltheoretische Egoismus

als einzig verbleibende Ideologie von Amerika aus über die Welt

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Das Heer der Spieltheoretiker, Sozialdarwinisten, Menschen-Optimierer und rational choice-Theoretiker zog daher weiter, und es fand eine neue Heimat: Vom Pentagon zur Wall Street. Mit dem Beginn der neunziger Jahre begannen sie damit, die Märkte nach den Modellen des Kalten Krieges neu zu ordnen. Eines der vielen Symptome dafür war das Einsickern der destruktiven militärischen Sprache in die Ökonomie, die in ihrem neoliberalen Furor freilich auch nur allzu gierig nach den neuen Erklärungen griff; am Ende war, wie im Kalten Krieg, von ökonomischen „Massenvernichtungswaffen“ und sogar von „Kernschmelze“ die Rede. Auch hier ging es darum, ein Spiel begreifbar zu machen, durch das Dogma, jeder handele ausschließlich nach dem Prinzip des größten Eigennutzes und dem größten Misstrauen gegenüber den anderen Spielern. Offensichtlich ging es dabei um die Verwandlung eines einstmals möglicherweise offenen und kooperativen Spiels, des Marktes, in ein verdecktes und nicht-kooperatives Spiel, nämlich den Finanzkapitalismus, der dann seine Blasen und Krisen generierte, die natürlich in dieser Erzählung gar keine Krisen sind, sondern Etappen der Verwandlung. Neben der radikalen Reduzierung der Motive auf Eigennutz, Misstrauen und Angst steht eine maschinelle Aufrüstung und Beschleunigung, der Computer übernimmt die Aufgaben des Spiels, das Berechnen der Schritte der Marktgegner, die Nanosekunden-schnelle Reaktion auf eine Chance und das Stellen von Fallen. Er kann das nur, weil dieser Computer selber eine spieltheoretische Maschine ist, also eine technische Selbsterfüllung einer politisch-philosophischen Prophezeiung. Mit der Computerisierung also verbreitet sich der spieltheoretische Egoismus als einzig verbleibende Ideologie von Amerika aus über die Welt und frisst gar auch das alte Europa, das sich dieser Ideologie solange widersetzen konnte, solange sie nur in Büchern und Vorträgen verbreitet wurde, aber hilflos war, als der Computer auch hier die Herrschaft übernahm. Der Markt, der nun nach dem scheinbar so erfolgreichen Modell des Kalten Krieges neu strukturiert worden war, oder die Verwandlung des globalen Kalten Krieges zwischen den Staaten und Blöcken, in einen globalen Bürgerkrieg der Ökonomie, der von der Makro- in die Mikrophysik des Handels und des Handelns herabsintert, ist mittlerweile ein unkontrollierter Cyber War geworden. Und wie beim Kalten Krieg so steht auch bei diesem spieltheoretischen Monsterkrieg der Ökonomie hinter dem bedingungslosen Eigennutz, der Profitgier und der Angst vor dem Anderen, die Drohung einer noch vielen größeren, nämlich der vollständigen Vernichtung nicht eines Spielers, sondern des ganzen Spiels.

Und es ist die größere Erzählung von der Verwandlung des Menschen selber in eine narzisstische und egoistische Maschine, die diesem Spiel entspricht. Nummer 2, der Mensch, der so gut mit den Maschinen umgehen kann, weil er selber wie eine Maschine funktioniert, bis er verschwunden ist in der Maschinenwelt, das Monster, unser Mr. Hyde, der den Dr. Jekyll verdrängt. In einer hübschen Volte weist Schirrmacher darauf hin, dass Jekyll und Hyde nicht nur, wie wir es gewohnt sind, im Tode wieder vereint sind, sondern auch beim Unterschreiben von Geldgeschäften: Die Bank hat noch nie etwas anderes gesehen als den Mr. Hyde, und die Geschäfte, die sie mit uns macht, macht sie mit Hyde, um dann genüsslich Dr. Jekyll zu enteignen oder zu vernichten. Nummer 2 ist perfekt angepasst „an die unbarmherzige Logik einer automatisierten Gesellschaft und Ökonomie“. Und auch in der Schirrmacherschen Welterzählung gibt es nur eine Chance: Nummer 1, der echte, gute, wahre und schöne Mensch muss sich gegen Nummer 2 erheben.

Jede Erzählung ist um ein (verlorenes) Ideal, einen (unsichtbaren) Helden herum aufgebaut, und wen wundert es, dass dieses indirekt sichtbare Ideal nichts anderes als das autonome bürgerliche, zugleich autonome und verantwortungsvolle, das europäische Individuum ist. Wenn Nummer 2, der maschinisierte egoistische homo oeconomicus, das Monster ist, dann ist offenbar Nummer 1 der gute, echte Mensch. Sein Regnum beginnt schon zu dämmern durch das Aufkommen der Rechenmaschinen und Automaten, der Detektive à la Sherlock Holmes und der ökonomischen Monster wie Dracula und Mr. Hyde. (In der Tat hat ja auch Sherlock Holmes diese Reduktion der Spieltheorie avant la lettre schon vorgenommen: Er rationalisiert nicht nur das mysteriöseste Verbrechen, sondern er kann immer nur das einzig gültige Motiv finden: den Eigennutz.) Es scheint Schirrmacher, als bestände das gesamte zwanzigste Jahrhundert nur aus wissenschaftlichen Ideologien, die aus der Anwendung der Spieltheorie und aus Formulierungen des Prinzips des Egoismus bestehen, und da passen die Computer ebenso hinein wie die Idee der „egoistischen Gene“ von Richard Dawkins. Während Wissenschaft und Sozialmodelle dem Menschen die großen Vereinfachungen seines Lebens und seiner Beziehung zur Welt versprachen, die große, mit Hilfe der digitalen Maschinen vollzogenen Rationalisierung, in der nichts Schönes und Wahres neben dem unbedingten Eigennutz Platz hat, verwandelt sich die Welt in ihrer Radikalökonomisierung in ein System von Waffen, das sich keinen anderen Gegner mehr suchen kann als eben den Menschen selbst.

Nun ist eine Verbindung von Foucault light, Finanzkapitalismuskritik, einer Spur Anti-Amerikanismus und Verschwörungstheorie zu einigem fähig, vor allem dazu, Leserinnen und Leser zu erreichen, denen andere Erzählungen aus dem selben Daten- und Zitatenmaterial wahlweise zu links, zu schwierig oder zu langweilig sind. Ist es die Aufgabe eines solchen Buches, einen möglichen (also auch: erlaubten) Stand des Wissens und der Kritik zusammenzufassen und in eine gut aufnehmbare Form zu bringen, dann hat es seinen Job recht ordentlich erfüllt.

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Der „Informationskapitalismus“ ist in der Tat

ein System der „Belohnungen“ und der „Boni“

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Der große Nachteil einer solchen Erzählung ist freilich ihre Geschlossenheit, und genau das, was „der Markt“ längst überwunden hat, eine Reduktion auf lineare Ketten von Ursache und Wirkung, das bildet den roten Faden der Erzählung. Wie in seiner Zeitung, der F.A.Z., wird auch hier durch Schirrmacher eine Strategie der Abspaltung eingesetzt: Aus einem komplexen „Großen und Ganzen“ wird ein Bogen herausgehauen, der es einem erlaubt, keinen Widerspruch darin zu sehen, einen erzkonservativen politischen Teil, einen turbokapitalistischen Wirtschaftsteil, einen zynischen Finanzteil und einen in Maßen kritischen und gelegentlich sogar überbordend „linken“ Kulturteil anzubieten. So sieht „Ego“ wie das Buch des Feuilletons aus, das den Wirtschaftsteil verachtet, ohne ihm wirklich zu schaden. Denn er reduziert die Welt nach dessen Vorgaben, ganz so als bedürfe es keinerlei Erklärung dafür, dass der „homo oeconomicus“ seinen ganzen Egoismus auf einen wirtschaftlichen Vorteil reduzierte und dabei bereit zu sein scheint, nicht nur für tote Dinge zu arbeiten, sondern auch sich selbst tot zu arbeiten. (Wenn wir in diesem Zusammenhang überhaupt noch von „Arbeit“ sprechen wollen und nicht einfach von einem Symbolspiel auf Leben und Tod.) Das Feuilleton soll da wieder einmal die Antworten auf die Probleme geben, die im Wirtschaftsteil geschaffen werden; der ökonomisch aus dem Ruder gelaufene Mensch soll sich kulturell am Riemen reißen. Man kann sich kaum einen Autor vorstellen, in dem die Schizophrenie des deutschen Bürgertums zur Zeit so zum Ausdruck kommt. So wie die Gespenster bei Hoffmann, bei Mary Wollstonecraft Shelley, bei Stevenson, bei Bram Stoker kommt auch Schirrmachers Nummer 2 daher. (Ganz nebenbei: Die Behauptung, nur zum Beispiel, Mary Shelley sei „nicht links“ und „kein Gegner der Banken und des herrschenden Wirtschaftssystems“, unterschätzt meines Erachtens das kritische und intellektuelle Potential dieser Autorin – aber damit haben ja ihre Zeitgenossen schon angefangen). Die Frage warum eben nicht nur Eliten, Machtapparate, soziale Maschinen, Politiker, Wissenschaftler und so weiter auf diese Idee des Egoismus und des Misstrauens und der Balance zwischen alledem hereingefallen sind, sondern auch die „ganz normalen Menschen“, die nicht die geringste Chance darauf haben, einen Vorteil zu gewinnen oder auch nur das Schlimmste vom eigenen Leben abzuwehren, muss erst einmal auf ihre Beantwortung warten.

Der „Informationskapitalismus“ ist in der Tat ein System der „Belohnungen“ und der „Boni“; die Ware ist Belohnung, die Karriere ist Belohnung, das Glück ist Belohnung, die Zustimmung der anderen, und sei’s durch das Klicken der „Like“-Kästchen, sogar „guter Sex“ ist nichts anderes als Belohnung. Aber für was? Schirrmachers Nummer 2 opfert nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst.

Natürlich könnte es sich auch genau anders herum verhalten als in dieser linearen Erzählung von der Produktion von Nummer 2. In den sechziger Jahren, da dieses Monster, laut Schirrmacher, von Militärs und Ökonomen theoretisch und wissenschaftlich begründet wurde, begann ja auch, zumindest in der Kunst, in der rebellischen Jugendkultur, in den verschiedenen Formen des dissidenten Lebens, sogar im Pop, die Kritik an diesem „homo oeconomicus“, dessen eigentliche Geburt ja viel früher stattfand.

Gespenstischer als das Monster selbst ist die Gleichzeitigkeit seiner Erkenntnis einschließlich des veritablen Entsetzens und die Beschleunigung seiner Herstellung und die Fundamentalisierung seiner Grundlagen: „Ganze Staaten senden falsche Signale um Märkte zu verwirren“. Der vollständig ökonomisierte Mensch ist leichter zu regieren, so wie der vollständig ökonomisierte Staat diese Aufgabe am besten erledigt: Irgendwo mag sich die Erzählung von der Transformation des Kapitalismus in einer gewaltigen Tautologie auflösen. Und beinahe möchten wir eine Pointe nachreichen, die nur implizit erscheint, als ahnten wir’s nicht: Wenn die Transformation des guten alten menschlichen Bürgers in sein ökonomisches Monster Nummer 2 mit dem Kalten Krieg begann, ja, waren da denn nicht wieder mal die Kommunisten an allem Schuld? Und ist Schirrmachers antikapitalistische Erzählung vielleicht überhaupt nur eine geschickte neue Maskerade des angewandten  und wandlungsfähigen „Konservatismus“?

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Gespenstischer als das Monster selbst ist die Gleichzeitigkeit

seiner Erkenntnis einschließlich des veritablen Entsetzens

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Schirrmacher sucht nach der Krise hinter der Krise. Jene, die nicht nur die Instabilität der Märkte betrifft, sondern den Menschen und seine Gesellschaft. Es ist ein Kurzschluss zwischen Ökonomie und Seele, wenn man so will, die innere Landnahme des Kapitalismus, bei Schirrmacher heißt es „ökonomischer Imperialismus“, nämlich die Inbesitznahme aller Sozialwissenschaften durch die Ökonomie. Und damit wir das gleich wissen: „Die imperialistischste ökonomische Theorie war bekanntlich der Marxismus“. (Merkwürdig apodiktischer und unerklärter Satz in einem Text, der es seinen Lesern ansonsten sehr leicht macht und lieber noch eine Anekdote drauf setzt, als sich einer Abstraktion schuldig zu machen.) Nun war es freilich Rosa Luxemburg, die Marxistin, die das Ausmaß dieses Vorgangs voraussah, wennzwar sie sich noch nicht vorstellen konnte, dass der imperialistische Kapitalismus diese Landnahme nicht etwa nur in seinen eroberten Gebieten, sondern auch im eigenen Inneren, am Ende in den Seelen, den Phantasien, den Ängsten und Begierden seiner eigenen Menschen, der Nutznießer und Opfer zugleich anrichten würde.

Eine weitere These lautet, dass der „homo oeconomicus“  (ursprünglich eher ein Modell, eine Denkfigur) in den letzten Jahren zu einer sozialen Realität geworden ist, und zwar – so in Anlehnung an die amerikanische Juristin Lynn A. Stout, als „Soziopath“. Aber dieser neue, aus seiner Abstraktion real gewordene homo oeconomicus hat den Vorteil, „enorm regierbar“ zu sein, so Michel Foucault. Nummer 2 wäre demnach mitnichten die Entgleisung und Fehlentwicklung in einem System, sondern die konsequente Entwicklung, erzeugt durch das komplizenhafte Zusammenspiel von Politik und Ökonomie. Nur wenn der Mensch von nichts anderem als von seinem Egoismus und seinem Vorteil angetrieben wird, also ein Spieler mit Täuschungsabsichten ist, dann allerdings ist der Markt nicht nur „Wahrheitsmaschine“ sondern auch „Natur“, und dann ist „Demokratie“ (oder eben doch Postdemokratie) jene perfekte Herrschaftsform, in der die Kontrolle in die Subjekte und ihr „Spiel“ hinein verlagert wird.

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Die Ware sagt nichts mehr über individuelle und

kollektive Träume aus, sondern über Differenzen

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Vielleicht (kleiner Vorschlag am Rande) wäre zu fragen: Was geschah zwischen dem Menschen der fünfziger bis in die siebziger Jahre, der sich (nicht zu unrecht) fürchten musste, von den „geheimen Verführern“ konsumblind und konsumgeil gemacht zu werden, und dem homo oeconomicus, der ab den achtziger Jahren nicht so sehr mehr an erkauftem Glück, sondern an vollzogenem „Gewinn“ orientiert war? Dieser Mensch konsumiert zwar nicht viel weniger als sein Vorgänger, doch hat sein Konsum einen anderen Charakter; er ist nicht mehr an Glück oder Glückssurrogat gebunden, sondern vielmehr dient der Konsum selber, vor allem in einem bestimmten performativen Sinn, dem „Gewinnen“ oder wenigstens dem Anschein (also dem Vortäuschen) von Gewinnen. Die Ware sagt nichts mehr über individuelle und kollektive Träume aus, sondern über Differenzen; noch der Konsument in kik und Lidl weist sich durch seinen Konsum als „Gewinner“ auf dem globalen Markt aus.

Nummer 2 also, der homo eoconomicus oder „das Monster“, steht neben uns, man kann, wie Schirrmacher sagt, gut mit ihm rechnen, und schlecht mit ihm leben. Das Double freilich wird immer frecher und stärker, der „ökonomische Agent“ übernimmt die Lebensführung, Nummer 1 hat nicht mehr viel zu sagen. Es ist unentwegt auf der Suche nach (Preis-)Vorteilen, nach Täuschungsmanövern gegenüber den Konkurrenten, und es ist getrieben so sehr auch von Misstrauen gegenüber allem und jedem, von den anderen übers Ohr gehauen zu werden. Tatsächlich konnte man bis in die fünfziger Jahren diese Nummer 2 ignorieren oder doch gering halten. Wieder also taucht die Frage auf, wie und warum diese Nummer 2 die Macht über uns erringen konnte, wo doch offensichtlich genug ist, dass sie uns kein Glück bringt. Die Übertragung von Strategien des Kalten Krieges auf die Makro- und Mikrowelt der politischen Ökonomie ist da ein willkommenes Bild.

Allerdings hat eine solche Erzählung auch so ihre Tücken. Spätestens ab Seite 140 möchte man etwa ausrufen, ja, wir haben’s kapiert, und jetzt bitte einen überraschenden Perspektivwechsel, einen plot point, eine Metaebene. Aber auch dieser Autor verfällt den Ekstasen der Monothematik, unbeirrbar verfolgt er sein Erzählziel und gerät dabei in die enorme Gefahr, der Komplexitätsreduzierung, die er dem Gegenstand unterstellt, selber zu verfallen.

Eine gewisse Mitschuld an dieser Reduktion der Erzählung scheint eine doppelte Phobie des Autors gegen zwei große Welterzählungen der Moderne zu tragen, die Marxianische und die Freudianische. So entstand eine bürgerlich-idealistische Erzählung, die kompetent und detailreich von Symptomen und Maschinisten der großen Transformation erzählt, aber weder in die Tiefen ökonomischer Kreisläufe noch in die der sexuellen Verwandlungsenergien reicht. Die große Erzählung des Finanzkapitalismus und des Posthumanismus ist noch nicht geschrieben.

Georg Seeßlen

Bild: via website puppentheater-abakus.de

 

 

 

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