Theater Rudolstadt: Pension Schöller

Dubidubidu
Das erste Wort an diesem Abend geht so: “Dubidubidu”. Mehr, viel mehr, wird im Grunde auch nicht folgen. Aber es macht, im Ernst, sehr viel Spaß.

Es ist ein Sonderbares mit diesem Text. Beinahe jeder hat schon einmal von Carl Laufs Mutter aller Possen, Schwänke und Klamotten gehört – und beinahe keiner hat sie je auf einer Bühne gesehen, höchstens im Kino. Der alte Schnokus aus dem Jahr 1890 gilt am Theater als irgendwie ehrenrührig. So etwas tut man nicht. Und da mag Steffen Mensching, der Rudolstädter Intendant, wohl gemeint haben, so etwas tue man wohl – wenn man es kann. Und sie können es. Sie können es auch deshalb ohne Schamesröte, weil sie auch anderes können und machen.

Martin Pfaff lässt eine Bearbeitung von Jürgen Wölffer spielen, einem Sprössling der berühmten Berliner Privat-Theater-Dynastie. Diese Fassung spart ein Bühnenbild ein und fünf Rollen, die niemand vermisst, da war es preiswerter. Und lustig ist es auch.

Nämlich, es will Herr Klapproth aus Kyritz an der Knatter in die Klapper in Berlin. Irrenhäuser sollen so lustig sein. Also verfrachtet ihn sein Neffe in die Pension Schöller, wo allerlei lustig Volk allerlei Schabernack treibt. Der Witz ist die Differenz zwischen den Gästen, die skurril, aber nicht bekloppt sind, und dem Besucher, der zum Bekloppten wird, weil er die anderen für bekloppt hält. Und die ihm schließlich auf die heimische Bude rücken, die steht dann in Kyritz an der Klapper.

Und das klappt. Hier klappen nicht nur, wie ein alter Kritiker-Kalauer geht, die Türen, hier klappt die kultivierte Organisation des Abends. Martin Pfaff lässt, nach verhaltenem Beginn, die alte Dampf-Lust-Maschine hochdrehen, ohne, im Bild zu bleiben, den Druckmesser aus den Augen zu verlieren. Da ist immer, in allem Tohuwabohu, eine ordnende Hand im Hintergrund zu spüren, da ist immer auch Ordnung und Disziplin im Chaos, Rhythmus im Gewühl.

Und, vor allem, Schauspieler. Aus dem deutschen Film von 1960 blieb vor allem Boy „Nuft, Nuft, Cnavigo“ Gobert erinnerlich. In Rudolstadt wird es Marcus Ostberg sein. Paff besetzt den Onkel Klapproth jung und, sozusagen, modern, lässig. Jungunternehmer aus der Provinz will mal bisschen sehen, wie sie die Sau rauslassen in der Metropole. Das ist der eigentliche Witz des Abends. Der Junge schreit der komischen Stoffsammlerin, die eher für einen Zeitungsverlag spinnt, verzweifelt die traurige Geschichte seiner Schwester in den Block, mit der es in einem Harem getrieben wurde und die es mit einem Eskimo trieb. Oder so. Im 3. Bild treibt es Ostberg selber wundertoll. Atemlos damit befasst, die ausgebrochenen Irren einzubuchten, wird er selbst zum Irren, zum Irr-Läufer, der unter lauter Jagdtrophäen (Ausstattung Birgit Kofmel) hechelnd herrlich Slapstick treibt.

Nicht nur mit sehr gestrecktem Zeigefinger, mit dem ganzen, beweglichen Körper, der vom mit zunehmender Verzweiflung fester werdenden Hirn gesteuert und getrieben wird. So macht Schauspielerei Spaß.

Und sonst auch. Simon Keel macht den Schauspielanwärter mit dem berühmten N-Effekt, dem die Fniegen in den Hans fniegen, heute wäre er Kandidat für Deutschlands Supertalent. Keel, das macht den Witz, spielt einen etwas traurigen, beinahe normalen Jungen, der halt nur dieses bnöde N nicht kann. Knasse, Herr Keen. Oh, Pardon. Joachim Brunner, der Löwenjäger ist ein wenig wie Karl May im Salon, nur nicht so sächsisch, Verena Blankenburg bebt und dampft, vielleicht ein wenig heftig, vor Schreibenslust. Markus Seidensticker trägt als Major eine sehr undeutsche Uniform und schwer an seinem Schicksal, Horst Damm changiert als Pensionsinhaber, schmal und weiß, zwischen Direktor und Patient, Ute Schmidt, Klapproths Schwester, vermittelt, dass sie nimmt, wer sie nehmen will. Bisschen schwer haben es Ewa Rataj und Valentin Stroh, wer nur nett sein darf, hat es blöd unter lauter Irren.

Natürlich, das bedeutet alles nichts. Dafür macht es Spaß. Auf intelligente Weise.

Juben, Truben, vien Appnaus. Pardon, kommt nicht wieder vor.


Text: Henryk Goldberg

Bild via theater-rudolstadt.com

Text erschienen in Thüringer Allgemeine, 02.02.2011

zur website Theater Rudolstadt

Termine – PENSION SCHÖLLER:

11.02.2011 19:30 Rudolstadt, Großes Haus

18.03.2011 19:30 Rudolstadt, Großes Haus

01.04.2011 19:30 Rudolstadt, Großes Haus

10.04.2011 15:00 Rudolstadt, Großes Haus

24.04.2011 15:00 Rudolstadt, Großes Haus

02.06.2011 18:00 Rudolstadt, Großes Haus

12.06.2011 18:00 Rudolstadt, Großes Haus

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