Ein Blick kann unergründlich, freundlich, amüsiert, abweisend, durchdringend und vieles mehr sein. Im Grunde entscheiden jedoch Mimik, Gestik und die jeweilige Situation wie wir einen Blick empfinden. Nicht zuletzt gibt dann die eigene Gestimmtheit den Ausschlag dafür, ob wir uns eher angenommen oder abgelehnt fühlen. Für die Fotografin Birgit Kleber ist die „Sache“ mit dem Blick nicht nur so eine Sache, sondern der Kern ihrer Arbeit.

Von ihren Portraitierten verlangt sie „da zu sein“, ganz gegenwärtig zu sein. Das setzt voraus, daß sie sich weder zum Objekt gemacht, noch abgelichtet fühlen. Die Fotografin ihrerseits muß dazu einen Widerstand gegen die fotografische Situation selbst mobilisieren, bzw. „der distanzierten Zeugenschaft entgegenwirken“, wie Klaus Honnef in seinem Text zur Ausstellung ausführt. Damit der Bildcharakter und das Bildmachen und -nehmen ganz hinter dem Gezeigten verschwindet, hat sich Birgit Kleber einige eigenwillige Techniken und komplexe Versuchsanordnungen angeeignet. So sitzt ihr Gegenüber häufig nach vorne gebeugt, breitbeinig, mit den Ellenbogen auf den Oberschenkeln abgestützt, frontal oder in der Achse verdreht vor der Kamera. Dieser sogenannte Kutschersitz bewirkt, dass der Kopf sich quasi vom Körper trennt. Eine minimale Schärfentiefe verstärkt den Effekt zusätzlich. Sie selbst kniet.

Weder die Körperhaltung der Fotografin, noch die der Fotografierten ist lange durchzuhalten. In dieser kurzen Zeitspanne muß die Kamera festhalten, was normalerweise nicht zu sehen ist. Letztendlich geht es immer darum den besonderen Moment zu erwischen, „den Schlag in die Magengrube“, wie Birgit Kleber in einem Interview sagt.

Zwei ihrer Fotozyklen unter dem Titel „Woman“ sind derzeit im Berliner Haus am Kleistpark zu sehen. „Frauen im Hotel“ ist eine Arbeit aus der Zeit nach dem Mauerfall. Fünfzehn schwarz-weiß Bilder werden wandfüllend präsentiert. Sie zeigen Frauen, alle ungefähr um die 30 Jahre alt, auf oder vor Hotelbetten sitzend. Einige sind bekannte Gesichter aus dem Berliner Kulturleben der 1990er Jahre. Alle sind ungeschminkt, unfrisiert und leicht bekleidet. Sie tragen dunkle oder helle Nacht- oder Unterhemden mit Spaghettiträgern, die die Schultern und das Dekolleté frei lassen. Trotzdem hat man nicht den Eindruck, als würden hier leichtbekleidete Frauen kurz nach dem Aufstehen gezeigt.

Die Bilder wirken weder bloßstellend, noch überschreiten sie irgendeine Intimitätsgrenze. Selbstbewußte Frauen sind das, die nur das zu zeigen scheinen, was sie zeigen wollen. Birgit Kleber gelingt hier das Kunststück, Frauen nicht als Schauobjekte in Szene zu setzen, sondern ihnen ihren Raum, ihre Rätsel zu lassen. Die Künstlerin selbst sagt, genau darin bestehe die feministische Signatur ihrer Arbeit.

Die andere Serie, „Modern Queens“ von 2019, konzentriert sich ausschließlich auf das Gesicht. Hier wird mit starken Farben gearbeitet. Pinkrot oder kräftig Orange sind die Hintergründe vor denen die deutlich jüngeren Frauen portraitiert werden.

Im Eingangsbereich der Ausstellung ist ein riesiges Konterfei in einer Seitenansicht direkt auf die Wand geklebt. Den Hals der Dargestellten ziert ein netzartig auslaufendes, schwarzes Tattoo. Die Augen sind geschlossen, der Kopf total überstreckt. Nicht so bei den anderen „Modern Queens“. Sie hängen gerahmt und hinter Glas und sind en face fotografiert. Klar und direkt schauen sie nach vorne. Jedwede Mutmaßung über ihr Leben, ihre soziale oder sexuelle Ausrichtung prallt an ihrem Blick ab. Was also läßt sich sagen? Fast alle haben Piercings, tragen Tattoos auf Hals, Schulter oder im Gesicht. Tattoos hatten früher sogenannte Außenseiter, Knackis oder Piraten. Heutzutage, wo selbst die Gattinnen von (Ex)Bundespräsidenten damit herumlaufen, stehen sie für gar nichts mehr – höchstens für ihre eigene Banalisierung. Dasselbe gilt für Piercings. Waren sie in westlichen Kulturkreisen ursprünglich ein Ausdruck von Rebellion und Widerstand, sind sie längst „nur noch“ bloßer Körperschmuck. Jedenfalls kein Ausdrucksmittel für Stärke und innere Freiheit, wie im Beiblatt der Ausstellung behauptet wird. Auch daß die Portraitierten sich nicht für Gesichtskosmetik oder gängige Schönheitsideale interessieren würden, ist nicht nachvollziehbar. Denn, betrachtet man die Gesichter genauer, so fällt auf, wie aufwendig das Make-up der Damen ist. Lider, Wimpern, Augenbrauen sind hoch professionell geschminkt, die Frisuren kunstvoll gestylt. Einige sind so perfekt, auch von der Kopfform, der Physiognomie her, dass sie durchaus als Covergirl durchgehen könnten. Wo also ist der behauptete und von der Fotografin geforderte Widerstand, bzw. der besondere Moment? Deutlich wird vor allem, dass diese Frauen offensichtlich rein über einen visuellen Eindruck wahrgenommen werden wollen – oder sollen? Und daß diese so präsentierte „Identität“ Abstand schafft, kein näheres Herantreten erlaubt oder erwünscht – aber auch keine Emotionen auslöst. Die sogenannten „Modern Queens“ sind uns fern, aber letztendlich auch egal.

Daniela Kloock

 

 

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