Hollywood, die Stätte der Engel, Lügen und Outlaws in einem Parcours von über 300 Fotografien neu zu überdenken ist eine lustvolle Herausforderung. Die Gruppen-Ausstellung der Helmut Newton Stiftung mit dem gleichnamigen Titel lädt hierzu ein.

Ausgangs- und Bezugspunkt der groß angelegten Schau ist der Meister himself. In seinen über vier Jahrzehnte entstandenen Portrait-, Akt- und Modefotografien lassen sich subtile wie offensichtliche Referenzen auf die Glanzzeit der US-amerikanischen Traumfabrik entdecken. Die Präzision eines Josef von Sternberg oder der abgründige Bildwitz eines Fritz Lang oder Alfred Hitchcocks finden sich in den Fotografien ebenso wie ikonografische Verunsicherungen, die an Filme von David Lynch erinnern mögen. Wie sehr sich Helmut Newton an die sogenannte Glamourfotografie der Dreißiger- und Vierzigerjahre anlehnte, machen die vornehmlich in schwarz-weiß gehaltenen Portrait-Fotografien deutlich.

Fast alles, was in dieser Zeit in und um Hollywood herum Rang und Namen hatte, kam vor Newtons Linse. Nicht nur die Stars der Filmwelt, sondern zahlreiche Regisseure und etliche Prominente aus der Musik- oder Kunstszene sind versammelt. So mischen sich u. a. Fotografien von Faye Dunaway, Nastassja Kinski, Dennis Hopper, Liz Tayler oder John Huston mit Aufnahmen von Tina Chow, David Hockney, Timothy Leary oder dem einst „schönsten Mann der Welt“, Helmut Berger. Einige der Portraits fallen dabei besonders auf. Völlig unerwartet ist beispielsweise die Inszenierung, die Helmut Newton sich für Sigourney Weaver hat einfallen lassen. Die Schauspielerin, die als erste weibliche Hauptdarstellerin in dem Body-Horror Klassiker „Alien“ (1979) Filmgeschichte schrieb und darin vorzugsweise schwere Lederklamotten oder militärische Overalls trug, wird hier als verführerische Lady in durchsichtig schwarzem Tüll abgelichtet. Unter all den Celebrities fällt auch ein an seinem Schaffen Gescheiterter aus dem Rahmen. Zehn Jahre nach dem grandiosen Misserfolg von „Heavens Gate“ (1980) fotografiert Newton Michael Cimino janusköpfig. Totenmaskengleich verschattet ist eine Gesichtshälfte. Gleichzeitig blickt der Regisseur herausfordernd in die Kamera, seine Besessenheit hatte es immerhin geschafft, ein ganzes Hollywood Studio in den Ruin zu treiben.

Eve Arnold, Marilyn Monroe going over her lines for a difficult scene she is about to play with Clarke Gable in the film „The Misfits“, Reno, Nevada, 1960, © Eve Arnold/Magnum Photos


Absoluter Höhepunkt dieses Teils der Ausstellung dürfte jedoch die 1985 für „Vanity Fair“ entstandene Fotografie von Elisabeth Taylor sein. Übergewichtig und vom Alkohol gezeichnet muss sie zu dem Zeitpunkt gewesen sein, als Helmut Newton sie in einem smaragdblauen Swimmingpool mit einem grünen ausgestopften Papagei auf der Hand und diamantenbehängt ablichtete. Komplett beunruhigend mehrdeutig ist diese Fotografie. Eher Phantasmagorie als Abbild – darauf deutet nicht zuletzt der Regiestuhl am Poolrand hin, der mit dem Namen der Schauspielerin versehen ist. Gleich wird sie für immer abtauchen mit dem einst nur den königlichen Höfen zugestandenen Luxusvogel. Nichts wird von ihr bleiben als ein leerer, aber bezeichneter Stuhl. Mehr Semiotik in einem Bild geht nicht. Toll!

Eigentlich schon sattgesehen, hat man doch erst die Hälfte der Ausstellung besucht. Denn auf der anderen Seite der Räumlichkeiten geht der eingangs erwähnte Parcours erst richtig los. 13 Stationen sind zu bewältigen. Sie sollen zeigen, wie Hollywood sich selbst inszenierte und welche ikonografischen Handschriften sich jeweils durchsetzten. Jede der Stationen ist einer Werkgruppe, einem Fotografen, einer Fotografin gewidmet. Der Besucher trifft u. a. auf die mehr oder weniger bekannten Bilder von Annie Leibovitz, die aufschlussreichen Standbilder von Steve Shapiro, die Magnum Fotografinnen Eve Arnold und Inge Morath und die überdimensionierten schwarz-weiß Fotografien von Anton Corbijn. Aus der Frühzeit von Hollywood sind die „Glamour Portraits“ von George Hurrell und der viel zu wenig bekannten Ruth Harriet Louise zu entdecken. Sie war in den 1920er Jahren als erste Frau im männlich dominierten Filmbusiness als Hollywood Portraitistin erfolgreich, bis sie eiskalt abgesetzt wurde.

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten – und so soll in dieser Ausstellung auch die „Gegenkultur“ offensichtlich nicht zu kurz kommen. Gescheiterte, Unangepasste, Desillusionierte, Freaks, Punks und Outlaws zeigen Michael Dressel, Philip-Lorca diCorcia und in einem eigenen Raum, Helmut Newtons Frau Alice Springs. Jugendliche Selbstdarsteller auf der Melrose Avenue in West Hollywood hat sie fotografiert. Für diese ist die Straße selbst bereits zur Bühne geworden. Damit nehmen diese Bilder aus den 1980er Jahren etwas vorweg, was heute in millionenfach produzierten Selfies rund um den Globus täglich zirkuliert.

 Sigourney Weaver, 1983, Helmut Newton Foundation, Berlin, Germany Inventory N0 805

Als Abgesang auf das bilderbestimmende System „Hollywood“ könnte die Ausstellung verstanden werden. Denn die Zeit der großen Studios ist vorbei und der Starkult am Verblassen. Doch täuschen wir uns nicht. All die neuen Formate, egal wie sie gerade heißen, arbeiten sich an den US-amerikanischen Vorgaben und deren Ästhetik ab. Und als medial-kulturelles Dispositiv ist Hollywood lebendiger als je zuvor. Denn eine Bilderfabrik als Illusionsmaschinerie wird gar nicht mehr gebraucht. Ihre einstige Interpretationshoheit ist längst in den Köpfen angekommen und dort fest installiert. 100 Jahre hat unser westlicher Blick auf die Welt Zeit gehabt zu lernen, wie sie gesehen werden soll.

Daniela Kloock

Bild ganz oben: Steve Schapiro, Jack Nicholson as Jake Gittes in „Chinatown“ by Roman Polanski, Los Angeles 1974, © Steve Schapiro

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AUSTELLUNG
03.06.2022 bis 20.11.2022

Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie
Jebensstraße 2
10623 Berlin

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Öffnungszeiten

Montag geschlossen

Dienstag, Mittwoch, Freitag, Samstag: 11:00 – 19:00 Uhr

Donnerstag: 11:00 – 20:00 Uhr

www.smb.museum

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