Já, Olga Hepnarová (Regie: Tomas Weinreb und Petr Kazda)

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© Black Balance

Eine zu schöne Massenmörderin in einem zu schönen schwarz-weiß Film …

Die „Sektion Panorama“ der diesjährigen Berlinale eröffnete mit einem tschechischen Film. Die zwei Regisseure Tomas Weinreb und Petr Kazda, beide Absolventen der Prager Filmhochschule und bisher eher auf dokumentarisches Arbeiten spezialisiert, erzählen in ihrem ersten gemeinsamen Langfilm die wahre Geschichte der Massenmörderin Olga Hepnarová. Im Alter von 22 Jahren raste sie in Prag mit einem LKW in eine Passantengruppe, tötete dabei acht Menschen, sechs weitere wurden schwer verletzt. Ihre Tat war geplant, angekündigt als Rachefeldzug an einer ihr bestialisch erscheinenden Gesellschaft. 1975 wird sie zum Tod durch Hängen verurteilt.

Für die Panorama Sektion, die sich dieses Jahr thematisch vorgenommen hat das Unsichtbare sichtbar zu machen, liefert der Film die relevanten Stichworte: „queere Liebesbeziehung (lesbische Liebe kommt in den vielen schwulen Filmen der Sektion selten vor, und wird hier in sehr, sehr langen Einstellungen festgehalten), Anklage gegen die Todesstrafe (die in der Tschechei bis 1989 noch bestand), Gesellschaftskritik, existentielles Drama (so die Ankündigung). Hinzu kommt auf der ästhetischen Ebene der schwarz-weiß-Retro-Style, der seit Pawel Pawlikowskis „Ida“ wieder in Mode zu kommen scheint.

Vor allem jedoch wirkt das Stichwort „weiblicher Massenmörder“. Sofort kommen Bilder in Gang. Seien sie fiktiv oder real: von Charles Manson über Buffalo Bill zu den unzählig anderen filmischen Psychopathen, die vorzugsweise Frauen morden, bis hin zu Anders Breivik und seiner Wahnsinnstat auf der norwegischen Ferieninsel. Doch weder Film noch die Geschichte kennen viele Massen- oder Serienmörderinnen, bzw. weibliche Amokläufer. Es sind vorzugsweise Männer, die Kränkungen, soziale Brüche und Verlusterfahrungen aggressiv verarbeiten, Frauen hingegen flüchten sich in Autodestruktion, in Krankheiten wie Bulimie oder Magersucht. Wer also war diese Frau, wie kam sie zu ihrer Tat, wo begann ihr Leben falsch zu laufen?

Der Film geht der Biografie entlang. Gleich zu Beginn sehen wir in einer gefühlte Ewigkeit einen kahlen Flur mit vielen geschlossenen Türen, Sinnbild für das emotional vereiste Elternhaus. So ist z.B. die Mutter unfähig auf die Weigerung ihrer Tochter, am Leben teilzunehmen, zu reagieren. Sie kommentiert den Suizidversuch mit den Worten: „Für Selbstmord brauchst du einen starken Willen, den du nicht hast“. Gewalterfahrungen in einer Mädchenpsychiatrie, Ablehnung an verschiedenen Arbeitsplätzen, unglückliche Affären sollen die unselige Verquickung von gesellschaftlichen Verhältnissen und einer psychisch labilen Hauptfigur markieren. Doch der Film bleibt halt- und heillos an der Oberfläche. Wie sich die Kamera am Körper und am Gesicht der polnischen Schauspielerin Michalina Olszanska festsaugt, während kaum gesprochen und viel geraucht wird, ist eine viertel Stunde lang schön anzusehen – aufnahmetechnisch und schauspielerisch auf hohem Niveau, jedoch inhaltlich und dramaturgisch auf Dauer ohne Tiefe und Spannung. Aus all den durchkomponierten Posen, Gesten, Gängen und Fahrten erwächst keine Nähe zu den Figuren, keine Dramatik – so als wäre der Stoff den Regisseuren letztendlich über den Kopf gewachsen. Die eingestreuten Zitate, die aus den vielen Briefen stammen, die die junge Frau an wen auch immer schrieb, sind die einzigen interessanten Momente. Und die werden verspielt. Puschkin und Satre lesend baute sich Olga Hepnarová ein heißes Gebräu, an dem sie irgendwann innerlich verbrannte. Nur, der Film läßt uns genau daran nicht teilnehmen, läßt uns seltsam leer und ratlos zurück – nicht verwunderlich also der verhaltener Applaus und die anschließenden hilflos wirkenden Fragen des Premierenpublikums.

Daniela Kloock

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