Tiger Girl (Regie: Lakob Lass)

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Mädchen in Uniform

Wilde und starke Protagonistinnen sind rar im Kino und in den Medien. Vorzugsweise hirnlose Vorlagen wie GNTM dienen der Unterhaltung und Selbstfindung vor allem junger Frauen. Schon allein aus diesem Grund könnte TIGER GIRL der neue Film von Jakob Lass (LOVE STEAKS), erfolgreich sein. Er erzählt nicht nur die ungewöhnliche Geschichte einer Mädchenfreundschaft, sondern ist darüber hinaus auch noch frech in seiner Machart.

Scheinbar wie aus dem Nichts kommt Tiger, die punkige Hauptfigur des Films, Vanilla zu Hilfe, die gerade durch die Polizeiprüfung gerasselt ist und in der U-Bahn Station von fiesen Typen bedrängt wird. Tiger schlägt zu und macht die Jungs samt und sonders komplett platt. Schnell wird klar, hier lebt eine nach ihren eigenen Regeln, hier nimmt sich eine Frau, was sie braucht und hat Spaß dabei. Vanilla, zunächst schüchtern, gehorsam und unsicher, lernt verblüffend schnell, dass man sich eben nicht alles bieten lassen muss, dass man Grenzen durchaus überschreiten kann, dass auch Frauen zurück schnauzen und sich erfolgreich wehren können. Sie beginnt eine Ausbildung in einer Security-Firma, stattet ihre Freundin mit einer geklauten Uniform des Sicherheitsunternehmens aus, und zieht mit ihr durch die Straßen und Parks von Berlin, immer testend, was sich mit so einem Autoritätszeichen alles anstellen lässt. Doch was zunächst so aussieht als wäre dies der Beginn einer halbwegs sympathisch daherkommenden, anarchistischen Frauen-Gang, die nur dann gewalttätig wird, wenn es sein muss, entpuppt sich zunehmend als faschistoid. Denn Vanilla reift im Turbotempo zur neuen Kiezschlägerinnengröße heran, die jedes Maß verliert und aus reiner Lust an Gewalt auf wehrlose Passanten eindrischt. Das ursprüngliche Langeweilemädchen mutiert zu einem Clockwork Orange Monster in Mädchengestalt. Tiger merkt zu spät, was für eine Bestie sie da unter ihre Fittiche genommen hat. „Du gehst zu weit“, ist ihr letzter Satz an die Freundin.

Bereits in LOVE STEAKS, der 2014 mit dem renommierten Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde, überraschte Jakob Lass sein Publikum mit einem für deutsches Kino ungewöhnlichen Stil. „Martial Arthouse“ nennt er das, was er da macht – auch von „Mumblecore“ ist die Rede, in Anlehnung an ein US-amerikanisches Subgenre des Independent Films.

Gedreht wird ohne festes Drehbuch, eigentlich mit wenig Geld, mit improvisierten Dialogen und Szenen, die vor allem eins sein sollen: nicht perfekt, sondern lebendig und spontan, und vor allem authentisch. Folgerichtig wird teilweise mit Laiendarstellern gearbeitet, die im Grunde sich selbst spielen. So auch in TIGER GIRL. Als „Herr Feldschau“ spielt Orce Feldschau Vanillas Security-Ausbilder so umwerfend echt, wie es kein Schauspieler besser könnte – noch dazu eine kleine Lektion über Macht- und Autoritätsgehabe, über Gruppenhierarchien und Waffenfetischismus. Wer die vielleicht etwas zu aufdringliche „immer- in-die-Fresse-Regie“ nach einer Weile satt hat, dürfte zumindest an diesen dokumentarisch anmutenden Sozialstudien-Szenen Gefallen finden. Wie auch an den beiden Protagonistinnen, Maria-Victoria Dragus, bekannt aus Michael Hanekes „Das weiße Band“, und vor allem Ella Rumpf in der Titelrolle spielen groß auf. Beide hätten das Zeug dazu gehabt in einem Film mitzuwirken, der zumindest den Versuch einer sozialpsychologischen Gewaltanalyse ernster nimmt.

Auch das Thema der prekären Selbstfindung junger Frauen in unserer Gesellschaft bleibt leider weitgehend unterbelichtet. Dass mit dem Geld von Oliver Berben und Constantin Film dann doch ein 90-Minüter fürs Kino aus dem vorhandenen Stoff wurde, hat sicher damit zu tun, dass die finanzstarken Herren die Zielgruppe der (weiblichen) Teenies im Blick haben, die dem Kino zunehmend fern bleiben. Man wird sehen, ob diese Rechnung aufgeht. Der Film, der im diesjährigen Berlinale Panorama Programm seine Uraufführung feierte, wurde jedenfalls vom jungen Publikum euphorisch angenommen.

Daniela Kloock

Bilder: Constantin

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