Leaning Into The Wind – Andy Goldsworthy (Regie: Thomas Riedelsheimer)

Ein Mann stemmt sich auf einer Klippe gegen starken Wind. Mit all seiner Körperkraft hält er dagegen, hebt ab, stürzt, purzelt rückwärts, richtet sich mühsam auf und beginnt das „Spiel“ von neuem.

Mit diesem einprägsamen und titelgebenden Bild endet der Dokumentarfilm von Thomas Riedelsheimer über den mittlerweile weltbekannten Land-Art Künstler. Es ist bereits das zweite gemeinsame Filmprojekt. 10 Jahre nach dem großen Kinoerfolg von „Rivers and Tides“ (2001) haben sich die beiden irgendwie seelenverwandten Männer wieder zusammengefunden. Und erneut begleitet Riedelsheimer den schottischen Künstler rund um den Globus, nach Brasilien, USA, Gabun, Spanien, Frankreich, und immer wieder auch zurück in die rauhe Landschaft von Dumfriesshire, der Heimat des Künstlers. Gleich am Anfang des Films wird gezeigt, wie die beiden sich tief in die Brasilianischen Urwälder begeben, von der Zivilisation noch weitgehend unberührte Dörfer besuchen. Hier bewundert Goldsworthy die Schönheit von Fußböden, und lässt sich darüber aufklären, wie sie aus Tierdung, Wasser und Lehm gebaut werden. In einem anderen Urwald bestaunt er die riesigen, verwurzelten Baumstämme, die Schutz vor wilden Tieren bieten oder die kryptisch gewundenen Verkehrswege von Ameisen. Es ist diese Mischung aus Wissensdurst, einer geschärften Wahrnehmung und kindlichem Staunen, die immer wieder verblüfft und den Künstler trotz seiner 61 Jahre erstaunlich jung, beweglich und vital wirken läßt. Und doch scheint es, als würden die zunehmenden Lebensjahre durchaus einen Einfluss auf seine Kunst haben.

In der Erde zu liegen, ohne tot zu sein, dies thematisiert seine Arbeit „Sleeping Stones“ in Spanien. Der Film zeigt den Prozess wie riesige Steine mit Baggern transportiert und verschoben, gespalten, bearbeitet und neu zusammengesetzt werden. Die entstandenen Kuhlen sind quasi offene Felsen-Gräber, die zum hineinliegen einladen und fast so etwas sein könnten wie eine kleine vorweggenommene Reise in die Unterwelt. Auch in anderen Arbeiten wird der eigene Körper zum Medium. Etwa wenn der Künstler sich bei beginnendem Regen rücklings auf Pflaster oder Gehwege legt, so dass beim Aufstehen für einen ganz kurzen Moment der Körperabdruck sichtbar wird. Oder wenn er parallele Mauern aus Findlingen baut, durch die ein Mensch noch gerade so gehen kann. Bei einer anderen Kunstaktion bewegt Goldsworthy sich durch dichten Lorbeer oder krackselt hoch oben in dornigen Heckenbäumen. Dies eröffnet, auch wenn es sehr schmerzhaft sein muss, verschiedene Sichtweisen auf die Welt. Goldsworthy kommentiert: „Das ist das Schöne in der Kunst, sie lässt uns einen Schritt weggehen von der normalen Art zu gehen oder zu sehen.“

Immer wieder läßt der Film den Künstler seine Arbeiten kommentieren oder hält fest wie nicht Worte, sondern Blütenblätter aus seinem Mund kommen. Blüten und Blätter in allen Farben und Formen werden durch die Luft gewirbelt, schweben und kreisen zuweilen auch auf Bächen, oder werden auf Asphalt und Baumstämme appliziert wie in Edinburgh und Glasgow und immer wieder in Dumfriesshire. Doch neben oder in all der Schönheit gibt es auch traurige Momente. So wenn der Künstler die abgestorbenen Äste umgestürzter Ulmen mit deren strahlend gelben Blätter belegt, und dann erzählt wie diese beim ersten Frost schlagartig schwarz werden.

„Man sagt, Gelb sei eine schöne Farbe … Doch das Gelb verschwindet allmählich aus der Landschaft, weil die Bäume sterben. Ich habe jetzt weniger Gelb zur Verfügung als vor 30 Jahren, als ich hierher kam. Es ist als würde ein Maler jeden Tag ein bisschen weniger Gelb in seinem Atelier vorfinden. ..In manchen Jahren kann man sehen, wie die Farbe aus dem Baum aufsteigt. Dann regnet es eine Nacht, es gibt strengen Frost, und plötzlich ist alles schwarz, alle Blätter sind schwarz. Wenn die Sonne aufgeht fallen sie herunter. Der Tod ist unmittelbar. Das Gelb ist weg.“

So ephemer wie die Schönheit der Natur und die Kunst von Goldsworthy sind auch Filmbilder, die per se im Erscheinen verschwinden. Wer sich also auf eine kleine Lektion zum Thema “Wahrnehmung wahrnehmen” einlassen möchte, dem sei dieser Film ans Herz gelegt.

Daniela Kloock

Bild ganz oben: Piffl Medien

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