John le Carré: Das Vermächtnis der Spione

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In seinem neunten George-Smiley-Roman konfrontiert John le Carré die Geheimdienst-Helden von gestern mit der Gegenwart

Der Mythos lebt

Unser Bild vom englischen Geheimdienst haben zwei Schriftsteller mit ihren Kunstfiguren nachhaltig geprägt. Figuren, die unterschiedlicher nicht ausfallen können. Hier Ian Flemings James Bond, ein notorischer Herzensbrecher, der im Dienst seiner Majestät die gefährlichsten Aufträge Mal um Mal meisterhaft löst. Dort John Le Carrés George Smiley. Ein Mann mit einem Gesicht von „eulenhafter Traurigkeit“, ein menschenscheuer Brillenträger, dessen Nemesis sein sowjetischer Widerpart Karla ist und der ewig in Sorge um seine prekäre Ehe ist. Für beider Stellenwert in der Fiktionproduktion spricht, dass sie – Bond wie Smiley – längst der engen literarischen Welt entstiegen sind und bildhafte Gestalt angenommen haben. Bond, der nach Sean Connery eine lange Reihe von filmischen Nachfolgern erlebt hat, ist längst zum superfantastischen Weltenretter geworden. Von der Romanvorlage hat dieser Bond sich gelöst, stattdessen werden die Bücher nach dem Tod von Fleming um die jeweilige Filmhandlung herum geschrieben. Im Gegensatz dazu hält der mittlerweile 86jährige John le Carré bei Smiley die erzählerischen Fäden noch selbst in Händen. Nach diversen Ausflügen auf andere literarische Felder ist der ehemalige MI5-Mitarbeiter in seinem jüngsten Roman auf vertrautes Smiley- und „Circus“-Terrain zurückgekehrt. In „Das Vermächtnis der Spione“ – schon der Titel des jüngsten Carré-Bestsellers weist die Richtung – wird Bilanz gezogen.

Der Autor bedient sich dabei eines meisterlichen dramaturgischen Kniffs. Er verheizt Smiley nicht in der nervzehrenden Aufarbeitung einer fatal misslungenen Geheimdienstoperation. Stattdessen schickt er dessen treuen Schildknappen und Laufburschen Peter Guillam ins Feuer. Das bietet unschätzbare Vorteile. Guillam ist in keinem so biblischen Alter wie sein Chef. Mit 70 Lebensjahren ist es noch halbwegs plausibel, dass er in die Operation Windfall zu Zeiten vor dem Berliner Mauerbau von 1961 verwickelt war. Guillam erscheint dabei als eine Westentaschenausgabe des großen James Bond. Auch er bewegte sich bei seinen Agenteneinsätzen in Graubereichen zwischen dienstlicher Pflicht und privater Neigung. Er war kurzfristig der Lover der DDR-Bürgerin Doris Gamp alias Quelle Tulip. Er hat danach als Liebhaber eine überzeugte englische Kommunistin für den Geheimdienst angeworben – und dann diese Liz Gold für einen Ost-Einsatz instrumentalisiert. Noch als Privatier lebt Guillam mit einer viel jüngeren Frau in einem bretonischen Bauernhaus.

Wo George Smiley für die alerten Inquisitoren des neuen Circus unauffindbar bleibt, versuchen sie sich an Guillam schadlos zu halten. Sie malen das Schreckgespenst eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses an die Wand, betreiben fast um jeden Preis Schadensbegrenzung und wollen über eine möglichst lückenlose Aufarbeitung dunkler Vergangenheit den Ruf des Geheimdienstes retten. Mit „Pete“, so nennen die Ermittler Bunny und Laura anbiedernd den Geheimdienst-Veteranen, finden sie einen mit allen Wassern gewaschenen Widersacher. Angesichts erdrückender Faktenlage bleibt dem Zeitzeugen zwar nichts anderes übrig, als eine Stellung nach der anderen zu räumen, doch behält Guillam bis zum Schluss immer noch verdeckte Asse bereit.

Anhand detaillierter Akten und Korrespondenzen wird eine hochbrisante Ost-West-Operation zu Zeiten des Kalten Kriegs bruchlos – beinahe zu bruchlos – rekonstruiert. Doch le Carré belässt es nicht bei Beschwörung und /oder Verurteilung von Vergangenheit. Er nimmt Guillam auch von anderer Seite in die Zange. Er konfrontiert ihn mit den Nachkommen der Opfer und deren Rachegelüsten. Zwei Hinterbliebene wollen Schadensersatz, weil ihre Eltern auf dem verborgenen Kampfplatz von Spionage und Gegenspionage ihr Leben gelassen haben. Die ethisch-aufgeklärte Gegenwart erklärt der zynischen Vergangenheit den Krieg. Oder wie Carré durch Guillam geschichtsskeptisch spricht: „Historische Schuldzuweisungen sind der neueste Megatrend. Unser neuer Nationalsport. Die unbescholtene heutige Generation gegen die Schuldige.“ Auch die neuen Mächtigen im runderneuerten Geheimdienst machen sich keine Illusionen über die wahren Intentionen ihrer potentiellen Ankläger. So sagt die Anwältin Laura: „Es gibt eine Reihe von mediengeilen Abgeordneten, die wollen Windfall als Beispiel heranziehen, was passiert, wenn die Überwachungsgesellschaft Amok läuft. An aktuelles Material kommen sie nicht heran, also greifen sie nach der Vergangenheit“. Hier werden Stellvertreterkriege geführt. Man schlägt den Sack und meint den Esel.

An der persönlichen Integrität des hartnäckigsten Guillam-Verfolgers lässt der Autor Zweifel aufkommen. Christoph, Sohn eines an der Berliner Mauer ums Leben gekommenen britischen Agenten, will eine Million Pfund erpressen, droht mit Enthüllungen. Er erscheint als widersprüchliche Figur, ist Jäger und Gejagter seiner eigenen Dämonen, erregt Mitleid und verhält sich lächerlich schamlos, er ist ungepflegt und kokst in aller Öffentlichkeit.

Le Carré nutzt den Wechsel zwischen den beiden Handlungsebenen auch, um die vorsintflutlichen Nachrichtenmethoden des vergangenen Jahrhunderts mit denen der digitalisierten Gegenwart zu kontrastieren. Als es darum geht, eine in Vergessenheit geratene Liegenschaft des „Circus“ ausfindig zu machen, und Guillam zur Identifizierung ein Morsecode abverlangt wird, improvisiert er spontan: „Also schnappe ich mir einen braunen Holzbleistift, der vor mir auf dem Tisch liegt, beuge mich über Bunnys superkompliziertes Telefon, wobei ich mir wie ein Idiot vorkomme und trommle meinen fünfzig Jahre alten Zielcode auf den Lautsprecher, in der Hoffnung, damit die gleiche Wirkung zu erzielen, als wenn ich auf die Sprechmuschel klopfe“. Der Trick funktioniert, die „Stallungen“ mitsamt ihren vielen Dokumenten stehen den Ermittlern offen.

Da kommt bisweilen Wehmut auf nach einer Zeit, als die Fronten zwischen Westen und Warschauer Pakt noch klar waren, als sich beide Seiten in direkter Konfrontation begegneten und anonyme Cyberspionage und staatlich beauftragte Hackerangriffe unbekannt waren.

Und Smiley? Von ihm ist viel die Rede, sein Geist schwebt über der Handlung des neunten Smiley-Romans und auf den letzten Seiten tritt er leibhaftig auf. Als scheinbar alterslose Gestalt, ein Mythos aus einer Zeit, die es so zwar nie gegeben hat, die man aber trotzdem zurücksehnt. Smiley bleibt es auch vorbehalten, das Schlusswort zu sprechen: „Wir waren nicht ohne Mitleid. Das waren wir nie. Wir hatten das größere Mitleid. Möglicherweise war es unangebracht. Ganz sicher war es sinnlos. Heute wissen wir das. Damals wussten wir es nicht.“

Keine radikale Selbstbezichtigung, aber auch kein unbedingter Freispruch für die westliche Geschichte und die ihrer Geheimdienste.

Michael André

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© Ullstein

John le Carré: Das Vermächtnis der Spione

A Legacy of Spies

Roman, 320 Seiten, aus dem Englischen übersetzt von Peter Torberg

Ullstein Verlag, Berlin, 2017

Bild ganz oben: John le Carré beim “Zeit Forum Kultur” in Hamburg am 10. November 2008.

Von Krimidoedel – Eigenes Werk, CC BY 3.0

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5184539

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