Searching Eva (Regie: Pia Hellenthal)

Der Film trägt seinen Titel zu Recht. Denn wer ist diese Frau? Und kann/soll man glauben, was da gezeigt wird? 

Eva Collé – den pfiffigen Namen hat sie sich selbst gegeben – ist mit 14 Jahren von zu Hause, von ihren heroinabhängigen Eltern, weg. Bis heute lebt die junge, androgyn wirkende Frau aus zwei Koffern, überall und nirgends. Sie verdingt sich abwechslungsweise als Sexarbeiterin, als Model oder Musikerin. Sie ist Genderaktivistin, engagierte Feministin und manische Bloggerin. Jedwedes Tabu ist ihr fremd und Privatsphäre eine altmodische Kategorie. Ihre freimütigen zuweilen pornografisch wirkenden Selfies posted sie seit mehr als zehn Jahren auf Instagram und Tumblr. Man sieht Eva mit Männern im Bett beim Geschlechtsverkehr, mit Frauen in der Badewanne koksend und knutschend, nackt auf der Toilette, mehr oder weniger bekleidet in freier Landschaft oder bei Modeaufnahmen in Paris. Aber auch ganz brav zu Besuch bei ihren Eltern in Italien. Wie in einem Tagebuch veröffentlicht sie online alles, was sie fühlt und denkt, aber auch was sie liest oder welche Musik sie hört. Stimmungsabhängige Befindlichkeiten lösen sich mit feministischen Fragestellungen oder dekonstruktivistischen Aufforderungen ab: Kreiere dich selbst! Erfinde dich immer wieder neu! Denn das, was Du von Dir zeigst ist eh immer nur ein Teil.

„Free of the bondage of self“, steht folgerichtig auf einem T-Shirt mit dem Eva auf einer nächtlichen Straße tanzt. Darauf reagieren abertausende Followers. Die geben ihre Kommentare ab, formulieren ihren Hass, ihre Ablehnung, aber auch ihre Bewunderung. In einer Art Zwischentitel werden diese Aussagen immer wieder eingeblendet. „I am afraid, you are an alien“, schreibt da jemand. Viel Zuspruch jedenfalls erhält sie von all den Frauen, die als illegale und diskriminierte Sexarbeiterinnen ihren Lebensunterhalt verdienen, von Frauen, die wie sie selbst, vergewaltigt, gedemütigt, bedroht wurden und werden. 

Über drei Jahre hat die Regisseurin Pia Hellenthal Eva begleitet. Dabei hat sie das erfahren, was wohl auch die Zuschauer fühlen: hier werden alle Grenzen aufgehoben, alle altgedienten Rollenbilder über den Haufen geschmissen, hier werden wir mit unseren eigenen Ängsten und Zwängen konfrontiert. Repräsentation ist immer Konstruktion, Identität eine Chimäre. Das ist die Botschaft. Die online-Medien befeuern diese Auflösungen, und Eva Collé scheint uns zu zeigen, dass dieses Spiel Spaß macht. So erschafft sie sich selbst, immer wieder neu. Mann, Frau, Trans, nackt oder verkleidet, Wahres oder Erfundenes erzählen, egal! In Zeiten eines allumfassenden online-Lebens, in Zeiten von Diversifikation und LGBT scheinen Geschlechterkategorien nichts mehr zu bedeuten. Und Fiktion und Dokumentation verschwimmen. Diese Provokation oder Verunsicherung leistet der Film.

Mich hat jedoch vor allem die Protagonistin selbst in Bann gezogen. Was einerseits an ihrer unglaublichen Leinwandpräsenz liegt, aber auch an der perfekten „Selbst“-Inszenierung ihrer Posts. Hinzu kommt ihre schöne, ruhige Stimme. Denn ab und an spricht sie aus dem Off eigene Texte. Auch die Machart des Films ist furios, die Montage brilliant. Yana Höhnerbach mußte 110 Stunden Material bewältigen und hat ein veritables Kunststück vollbracht. Hinzu kommt die Kamera (Janis Mazuch), sie schafft es Eva quasi unauffällig in ihrem ganz normalen Alltag zu begleiten, bei der Wohnungs- bzw. Zimmersuche, im Schwimmbad, bei ihrem Vater in Italien Pasta kochend, dann wieder in ihrem Nacht- und Sexleben – alles dankenswerter Weise ohne Kommentare, ohne Interview-Einschübe. Der Film hat ungemein eindrückliche Sequenzen (die zuweilen an Pipilotti Rist erinnern, in ihren Tempi-Wechseln und in ihrer Untermalung durch Musik), stark sind vor allem aber die Bilder, die eher wie Standbilder bzw. hoch artifizielle „Tableaus Vivants“ funktionieren, Eva im roten Kleid im Kornfeld, Eva mit weißem Spitzenkragen vor schwarzem Hintergrund … Es verwundert also nicht, dass es im letzten Jahr bereits eine Fotoausstellung im Museum Winterthur, quasi in Vorbereitung zu dem Film, gab.

Eine der eindrücklichsten und traurigsten Szenen zeigt Eva Coole allein vor einem nächtlichen Panoramafenster, im Hintergrund Trabantensiedlungen und die Detonationen und Illuminationen von Silvesterböllern. Sie sitzt im schwarzen Negligé auf dem Boden, blickt, wie so oft, mit ihren ausdrucksstarken dunklen Augen in die Kamera, während eine lange Wunderkerze in ihrer Hand abbrennt. Dazu läuft der poetische und vieldeutige Song der Bee Gees: „I started a joke, which started the whole world crying … Till I finally died which started the whole world living …“ 

Da fallen Bild, Score und Darstellerin in eins, welch seltenes Glück!

Daniela Kloock

Bild: © UCM.ONE

 

 

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