Schönheit & Vergänglichkeit (Regie: Annekatrin Hendel)

Grundsätzliche Bild- und Blickwechsel auf die Geschichte der DDR will die ostdeutsche Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel. Ob es um den DDR Schriftsteller Paul Gratzik geht („Vaterlandsverräter“) den Lyriker Sascha Anderson, „Flake“ von Rammstein oder die weltberühmte Familie Brasch, die Regisseurin versucht zementierte Bilder über die DDR aufzubrechen. Ihre Filme verstehen sich als subjektive Erinnerungen, als Materialsammlung für ein authentisches Archiv. Immer geht es um differenziertere Lesarten, um das, was gemeinhin übersehen oder beschwiegen wird, und was die meinungsbildenden Medien auslassen. Weil es zu komplex, ambivalent oder schlicht unverständlich ist. Zweimal erhielt die Regisseurin, die nie eine Filmakademie besucht hat, bereits den Heiner-Carow-Preis. Zuletzt bei der Berlinale 2019 mit „Schönheit &  Vergänglichkeit“.

Im Mittelpunkt dieses Films, der jetzt in den Kinos läuft, steht Sven Marquardt, seines Zeichens berüchtigter Türsteher des Berghain, sowie gefeierter Fotograf. Annekatrin Hendel begleitet ihren nicht uneitlen, ebenso stark tätowierten wie berlinernden Protagonisten bei einem Shooting mit seiner ehemaligen Muse „Dome“ (Dominique Hollenstein). 32 Jahre nach ihrer letzten Begegnung will „Mr. Berghain“ „Dome“ genauso ausdrucksstark und authentisch fotografieren wie damals. Damals, das meint die Zeit der 1980er Jahre, als die beiden zusammen mit Ronald Paris das Gravitätszentrum der Ostberliner Punk-, Künstler- und Undergroundszene waren. Im Film suchen sie gemeinsam die passenden Abendroben und Aufbauten für das Shooting, vor allem aber erinnern sie sich an das damalige Lebensgefühl. Autark, frei und wild war es und entgegen bürgerlicher West- Vorstellungen, auch weitestgehend ungefährdet von Stasi- und polizeilicher Verfolgung. „Dome“, die heute in einer liebevoll verkruschtelten Altbauwohnung lebt, sagt an einer Stelle des Films, man habe in einer Art Parallelwelt gelebt. Wenn sie heute die Fotografien sieht, die Sven Marquardt damals von ihr und anderen gemacht hat, käme es ihr vor wie ein „Urlaub in eine ganz andere Zeit“.

Eingeblendete VHS-Aufnahmen zeigen phantasievolle Inszenierungen, tolle selbstgenähte Kostümierungen und viele junge, gut gelaunte Menschen in Partystimmung. Vor jubelndem Publikum düsen skurille Flugmenschen in Lederkluft an langen Seilen hoch unter der Decke des Oderberger Stadtbades. Dort finden die eigenwilligen Modeprozessionen statt. Und die hier Versammelten feiern, ausgelassen und lustvoll. Die DDR war also nicht nur grau und verrust und die Menschen nicht nur ge- und bedrückt, sondern einige hatten auch jede Menge Spaß.

Der Dritte Protagonist ist Ronald Paris, Sohn der berühmten Fotografin Helga Paris. Er war der Adonis, der blonde Schönling, der ebenso wie „Dome“ gern und viel von Sven Marquardt fotografiert wurde. Doch der Film zeigt noch viele andere Gestalten und Gesichter, die Mr. Berghain in seinen auratischen schwarz-weiß Portraits dieser Zeit festgehalten hat. Hoch artifizielle, eigenwillig inszenierte Bilder, düster und melancholisch. Und alle analog mit hochempfindlichem Film und nur mit natürlichem Licht aufgenommen.

Während also Sven Marquart viel Raum für sich, seine Selbstdarstellung und sein Geschichte(n) erhält, bleiben die beiden anderen eher im Hintergrund. Bescheiden wirkt vor allem Roland Paris, der seit dem Fall der Mauer mit Frau und Kind in Indien lebt und nur noch selten nach Berlin kommt. Auch er ist Fotograf. Jedoch interessieren ihn weniger Menschen als „die von Menschen angelegten Strukturen“. Stadt- und Straßenszenen, verwitterte Mauern, verwunschene Friedhöfe, triste S-Bahnhöfe werden von ihm grandios abgelichtet. Seine architektonischen, leisen Fotografien sind im Film der Konterpart zu den Portraits von Marquardt. Ost-Berlin von damals wird denselben Orten heute gegenübergestellt. Nicht wiederzuerkennen die S-Bahn Schönhauser Allee, verschwunden das Gasometer, durchsaniert die Straßenzüge des Prenzlauer Bergs. Da stockt einem schon der Atem. Auch das Stadtbad in der Oderberger Straße, wo einst die wilden Partys stattfanden, wurde von Robert Paris damls abgelichtet. Man sieht die Fotografie und dann den Ort wie er heute aussieht: ein Fitnessbad für gepflegter Hotelgäste. Berlin, sagt Robert Paris an einer Stelle, sei heute nicht mehr SEINE Stadt, sondern nur noch EINE Stadt. Das, was einstmals die einmalige Aura war ist längst Vergangenheit.

© itworks

Doch keiner der drei Protagonisten wird beim Erinnern nostalgisch oder larmoyant. Vergänglichkeit festzuhalten, Vanitas zu zeigen, gelingt dem Film vor allem durch die Fotografien und Kommentare von Robert Paris. Und „Dome“ ist heute noch genauso schön wie damals.

Daniela Kloock

Bild ganz oben | © itworks

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