Thilo Wydra: Hitchcock´s Blondes

Ein Fest für Filmfans |

Thilo Wydra feiert einige der größten Hitchcock-Stars und den Master of Suspense selbst. |

Wer beim Tanz um den Tannenbaum seine Ruhe haben möchte, verschenke, so die zu Beschenkenden Filmliebhaber sind, Thilo Wydras in diesem Jahr bei Schirmer/ Mosel herausgekommenen prachtvollen Band „Hitchcock´s Blondes“. Sofort wird Stille eintreten. Denn Kinofreaks, die dieses Buch in Händen halten, müssen sofort blättern, um die sorgfältig ausgesuchten Fotografien zu bestaunen, und fangen in der Regel auch sofort mit dem Lesen an. Und da der Text klug ist, können sie gar nicht aufhören mit dem Schmökern …

Dies ist kein filmwissenschaftliches Buch, wiewohl es filmwissenschaftlichen Standards standhält. Dies ist eine Liebeserklärung an das Kino, das von Regisseur Alfred Hitchcock (1899 bis 1980) und vor allem und zuerst an einige seiner wichtigsten Protagonistinnen – von Joan Fontaine, deren Auftritt in „Rebecca“ (1940) sie unvergesslich gemacht hat, bis zu Karin Dor, die mit „Topas“ (1969) den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht hat. Wer mäkeln möchte, kann das ob der Auswahl. Denn es fehlen beispielsweise Madeleine Carroll, die in den 1930er Jahren in „Die 39 Stufen“ und „Geheimagent“ den Typ der Hitchcockschen Blondine – außen kalt, innen heiß – wohl als erste in Perfektion verkörpert hat. Es fehlen auch Karen Black und Barbara Harris aus „Familiengrab“ (1976), Hitchcocks letztem Film, ein Film, der gelegentlich anmutet, als habe der legendäre Brite hier all seine Marotten, Typenvorlieben und Handlungsmuster auf die Schippe nehmen wollen … Doch warum mäkeln, wenn das, was geboten wird, schlichtweg ein Fest für Filmfans ist. Und das ist der mit seinen mehr als achtzig Fotos in Schwarz-Weiß und Farbe höchst elegante Band ohne Zweifel. Ob Joan Fontaine oder Ingrid Bergman oder Grace Kelly oder Kim Novak oder, oder, oder: Jedes der Porträts würdigt kenntnisreich die Leistungen der Star-Schauspielerinnen, analysiert ihre Wirkungsmöglichkeiten, blickt gern auch hinter die Kulissen, besonders was die Zusammenarbeit mit Hitchcock angeht. Jeder Text ist warmherzig und changiert raffiniert zwischen Plauderton und Information, zwischen Erklärung und Hommage. Thilo Wydra schreibt so, dass der Eindruck entsteht, er, der leidenschaftliche Fan, möchte seine Leidenschaft mit den Lesern teilen, diese auf sie übertragen, sie anstecken. Und dabei auch dazu bringen, hier und da etwas genauer zu gucken, sowie auch in filmhistorischen Zusammenhängen zu denken.

Gut recherchiert, mit spürbarer Lust geschrieben, entfalten die zwölf Star-Ehrungen den schönsten Kintopp-Zauber. Wer die Filme kennt, möchte sie sofort wieder sehen. Wem die Titel nichts sagen, der macht sofort eine Einkaufsliste für den nächsten Gang in einen DVD-Laden. Doch das Buch bietet mehr: Ganz nebenbei spiegelt es auch die Zeitgeschichte, reflektiert auf angenehm leise Art den Wandel der bürgerlichen Gesellschaften in den so genannten westlichen Industrienationen. Am augenfälligsten ist das da, wo sich Wydra mit den widersprüchlichen Äußerungen von Schauspielerin Tippi Hedren („Die Vögel“, „Marnie“) befasst. Sehr delikat im Schreibstil beleuchtet der Autor die Tatsache, dass Hedren die einzige Schauspielerin ist, die je ein unannehmbares übergriffiges Benehmen Hitchcocks beklagt hat. Wydra bewertet das nicht, er dokumentiert die Jahrzehnte nach der Zusammenarbeit erhobenen Vorwürfe der Aktrice, die, soweit bisher in der Öffentlichkeit bekannt, weder bewiesen noch entkräftet worden sind.

Der vielleicht schönste Aspekt der Edition: Hier wird gefeiert, was wohl jede und jeder liebt, was aber in den letzten Jahren weithin verpönt wird: der Glamour der Traumfabrik. Dabei macht Thilo Wydra mit Anekdoten, Zitaten und Bonmots ganz nebenbei klar, was für eine harte Arbeit das war und ist. Und – nebenbeier als nebenbei – verweist er, allein schon mit dem Titelbild des Schutzumschlages, darauf, wer die wichtigste aller „Hitchcock’s Blondes“ war: Mister Cary Grant.                                                                                  

Peter Claus

 

Cover © Schirmer und Mosel Verlag

Thilo Wydra: „Hitchcock´s Blondes“, Schirmer und Mosel Verlag, München 2018

232 Seiten, 83 Abbildungen

39,80 €

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