Undine (Regie: Christian Petzold)

Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten“, sagt eine Frau zu dem ihr gegenübersitzenden Mann, in einem idyllischen Straßen-Cafe, an einem Sommertag. Mit dieser irritierenden Szene beginnt „Undine“, der neue Film von Christian Petzold.

Der Satz trifft den Kern eines Mythos. Darin ist Undine eine bezaubernd schöne Wassernixe, auf der jedoch ein furchtbarer Fluch lastet. Sie kann nur dann Mensch/Frau werden, wenn sie geliebt wird. Jede Untreue jedoch bestraft sie mit dem Tod, um dann ins Wasser zurückkehren zu müssen. Die Figur wurde in zahlreichen Romanen, Opern und Filmen, ver- und bearbeitet. Den größten Bekanntheitsgrad dürfte wohl die kleine Meerjungfrau aus dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen haben.

Christian Petzold hat diesen Stoff nun in eine neue, ungewöhnliche Richtung gedreht. Seine Undine will sich, wie alle seiner Protagonistinnen, von ihrer Vor-Geschichte, von ihrem Schicksal, befreien. Dabei kommt ihr Christoph zu Hilfe, so dass Johannes, der Mann aus dem Cafè, nochmal mit dem Leben davon kommt. Mit ihm ist von Anfang an alles anders. Nicht nur, dass er eine reine Seele hat und Undine liebt wie keiner vor ihm, sondern er teilt mit ihr auch dasselbe Element. Christoph ist Industrietaucher, sein Arbeitsplatz ein Stausee in einer Talsperre im Sauerland. Dort überwacht er unterirdisch angebrachte Turbinen.

Die erste Begegnung der beiden ist so märchenhaft symbolisch wie absurd komisch. Undine und Christoph werden von einer Welle aus Wasser, Scherben und Zierfischen zu Boden gerissen. Ein Aquarium ist platzt. Doch statt dies als deutliche Warnung aus der Unter-Wasserwelt zu verstehen, „vollziehe deinen Auftrag, töte Johannes!“, beginnt mit dieser Wassertaufe einer der feuchtesten und romantischsten Liebesgeschichten seit „The Shape of Water“ (USA 2017). Immer wieder sieht man die beiden sich im Stausee tauchend umtanzen, umgeben von exotischen Schlingpflanzen und seltsamen Fischen. Eine Welt wird hier veranschaulicht, die uns Erdenmenschen normalerweise verwehrt ist. Eine sprachlose Welt auch, traumhaft, irreal.

Doch Undine ist durchaus realitätstüchtig. Und klug. Sie ist promovierte Historikerin und arbeitet in einem Berliner Museum für Stadtentwicklung als Freelancerin. In zwei ausführlichen Sequenzen zeigt der Regisseur, wie sie interessierten Besuchergruppen die Baugeschichte der Stadt Berlin erklärt. Das Projekt „Humboldtforum“, die Absurdität der Rekonstruktion dieses ehemaligen Stadtschlosses, fließen ebenso in ihre Ausführungen ein, wie die Tatsache, dass Berlin eigentlich auf Sümpfen gebaut ist. Doch wer weiß das schon? Und wo sind die Wassergeister, wo die Märchen und Geschichten, die die Menschen früherer Zeiten in die werdende Stadt mitbrachten?

Christian Petzolds Filme konfrontieren grundsätzlich mit der Geschichte Deutschlands. Mit seiner Gegenwart und seiner Vergangenheit. Immer geht es ihm dabei um die gesellschaftlichen Verhältnisse, darum wie Menschen gegen oder mit den Regeln des herrschenden Systems leben. Dabei ist die Entzauberung der modernen Welt eine Art Subtext. Doch noch nie wurde von Petzold ein (stadt)politisches Thema mit einem Märchenmotiv verknotet. Und in keinem seiner Filme ging es bisher so poetisch, romantisch und zart zu wie in „Undine“. Dass der Regisseur hierfür auf die beiden Schauspieler setzt, die bereits in seinem letzten Film „Transit“ zu sehen waren, ist ein Glücksgriff. Paula Beer und Franz Rogowski spielen das ungewöhnliche Liebespaar einfach toll. Ob Undine sich von ihrem Fluch befreien kann? Nur soviel: die Auflösung ist ungewöhnlich. Rätsel bleiben sowieso. Doch durch Leerstellen, Zeitsprünge und Ellipsen entstehen Resonanzräume. Genau die zeichnen gutes Kino aus.

Daniela Kloock

Foto: UNDINE | Piffl-Medien

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