Fliegenköpfe (16)

BÜCHERBRIEF AN CARMEN |

liebe carmen,

dort, wo du bist, wär ich jetzt auch gern: aber ohne die ganze umstandskrämerei der mehr als elfhundert-kilometer-reise. hast du als kind diese amerikanische fernsehserie gesehen, barbara eden als hexe: gekreuzte arme, ein energisches nicken: und schon war sie, wo sie sich hingewünscht hat. gibts einen zeit-und resourcensparenderen ortswechsel? da ich grad bei hexen bin, nein, natürlich hat es nix damit zu tun, das gegenteil ist der fall: wenn du bücher der jüngeren autorinnen liest, wie viele von ihnen bestrebt sind, einen nüchternen stil zu pflegen, betont schmucklos, das geht angestrengt, ja, fast verkrampft geradeaus, satz für sachlichen satz, als gelte es, unbedingt auf dem rechten weg zu bleiben, nur ja nicht abzuirren, womöglich ins unterholz, wo wer weiß was lauert: und dabei haben sie was zu sagen. und das tun sie, laut und unerschrocken, sagen vergewaltigung, sagen „du hast so eine enge fotze“, sagen fleischerhaken und spritzendes blut und panickattacken, sagen, sie hätten sich „von der möse bis zum hals aufschneiden können“, sagen ‚der rote faden‘: und das ist nicht nur der deutsche titel des romans von rosie price (der englische lautet ‚what red was) sondern tatsächlich die ziernaht aus rotem faden am hemdkragen des vergewaltigers. wird etwas wahr, nur weil man es niederschreibt, als wäre es so geschehen? ein protokoll des unertragbaren ist nicht notwendigerweise gute literatur: erst recht nicht, wenn es genau das zu sein vorgibt. auch die gefeierte sally rooney befleißigt sich dieser nahezu bürokratischen aneinanderreihung sprachlich schlichter sätze, übrigens schneidet auch ihre heldin mit der nagelschere an der innenseite ihrer schenkel herum. rooney verwendet auffallendere bilder: doch sie verwendet sie lediglich in form von vergleichen, sie entstehen nicht aus einer natürlichen bewegung heraus, sondern folgen, ganz serienmäßig, immer derselben konstruktion: wie etwas, das …. nahezu jedes bild wird so eingeläutet. die mechanik eines uhrwerks.

kennst du übrigens ’spit‘? muß ein kartenspiel sein, nie davon gehört. aber dann spielen sie es im ‚roten faden‘: und in dem roman, den ich gleich anschließend gelesen hab, in ‚writers & lovers‘ von lily king, spielen sie es schon wieder. das ist nicht die einzige gemeinsamkeit der beiden bücher, der stil aber ist völlig anders. hier ist nichts fades, hier watet man (obwohl es auch hier um vergewaltigung geht, um niederlagen und elend, dazu um hochgradige zervikale dysplasie und vaseline auf den einschußchern) wieder tief im leben, lily king läßt die muskeln spielen: ihre heldin ist kein opfer, das hilfe von anderen erwartet, sie ist nicht duldsam: sie ist rebellisch, und die hühner heißen wie figuren bei tolstoi (während ein maler in frederik sjöbergs letztem buch sein federvieh nach einem chinesischen säufer aus den tagen der tang-dynastie nennt). außerdem ist da ironie, und das heißt: absehen von sich selbst, und mit dem abstand schrumpfen die schrecken. sind sie klein genug, kann man sie wie diskusscheiben durch die gegend pfeffern. und eine schar kanadagänse treibt sich auch in den seiten herum, nach der zweiten erwähnung kennt man sie und freut sich, wenn sie erneut auftauchen: so entsteht verbundenheit.

und wieder wird man weitergereicht ans nächste buch: in kings roman berührt eine angehende schriftstellerin heimlich eine der lederquasten von john updikes schuh. in ‚flüchtig‘ von hubert achleitner geht es eher um das berühren christlicher reliquien, es gibt sie in drei klassen: ja, auch das erfährt man in dieser geschichte um eine filialleiterstellvertreterin (das wort steht da wirklich) auf der flucht in ein neues leben. für das sie einen neuen namen sucht. eva maria magdalena will sie nicht mehr heißen: obwohl lisa (eine anhalterin, die von ihr mitgenommen wird) das „megaweiblich“ findet. wobei lisa ihrerseits lieber iris heißen würde. wird man eine andere, nur weil man sich anders nennt? jedenfalls sind namen, ihre verballhornung, ihre koseform, ihre herleitung, ihre bedeutung für den träger (auch der joik der samen wird bedacht und die umbenennung eines weltlichen, wenn er mönch wird), unzweifelhaft etwas, das den achleitner interessiert. ihn interessiert auch gott. gott und tschick (nicht herrndorfs roman sondern die österreichische zigarettenmarke) und unerwartete glücksmomente und die mönchsrepublik in griechenland und gott und ein bienenmuseum und mythos (das griechische bier) und gott und die pilze („gott und die pilze sind nicht immer da, wo man sie vermutet“). cohens ‚dance me to the end of lovespielt auch eine rolle. und achleitner kriegt das alles unter einen hut: er hat die worte so lange herumgeschubst, bis sie am richtigen platz sitzen, doch, das tun sie schon: aber man merkt ihnen die schubserei an. michael köhlmeier, erzählt der achleitner in einem interview, habe das manuskript gelesen und für gut befunden und ihm zur veröffentlichung verholfen. tja. nur eins noch: ist ja eh schon sehr frauenparteiisch, das ding. der autor, der auch (unter einem anderen namen) musik macht (und musik, die baumi gern gehört hat: als wir vor jahren nach zürich gefahren sind, er wegen eines kinobetreibers, ich wegen meines verlags, war der hinweg mit la traviata gepflastert, auf dem heimweg gabs dann von goisern), der autor treibts aber noch bunter und schreibt tatsächlich: „wenn die wollust sie überfraute“. der kniefall vor der ‚cancel culture(jedem mist seinen begriff) kann schon sehr alberne auswüchse zeitigen. und darüberhinaus und überhaupt: noch so ein mistwort dieser zeit, „systemrelevant“: wer will das sein, wenn das system der feind ist, der fehler. fehler korrigiert man, oder? man unterstützt sie doch nicht. oder will sich von ihnen unterstützen lassen.

aber jetzt und vor allem: die mayröcker. deinen film von ihr will ich nicht nur sehen, sondern haben: weil mir, glaub ich, einmal sehen nicht reicht. wenn das auch schön wäre, bei dir in berlin: aber nach berlin komm ich vorläufig eh nicht, du wahrscheinlich eher nach frankfurt, mit kaffeepause in kassel. ‚da ich morgens und moosgrün …‘: kann man sich diesem titel entziehen, kann man anders, als diesen worten hinterherzulaufen, dem mond, der nicht nur mond ist sondern krankheit und daumennagel und ein ort, an dem man eine lesung veranstalten kann mit durs grünbein. der mond, der flimmert und zirpt und die seiten bescheint, bestimmt an die fünfzig mal. übertroffen nur von den tränen, treue begleiter durch mayröckers tage, ob sie ins meer rollen oder in den lilienbusch, ob sie blau sind, blank oder silbern, diese sturzbäche und büschel und perlenketten von tränen, die ein glücksgefühl im gefolge haben können, wie auch eine weiße plastiktasse mit henkel glück bedeuten kann, selbst wenn tränen hineinkollern. (es gibt ein märchen, in dem steht ein tränenkrüglein: hat das trost verheißen oder leid?) was müssen das für stunden sein, da man sich in eine winzige schere verliebt, und wie sehr muß man jemanden vermissen, wenn man „du“ sagt: und zwei damit meint, sich und den anderen, ununterscheidbar. wie inständig mayröcker berührung sucht, komme, was da wolle, eine hecke, ein zitronenfalter: sie gibt sich dem hin. und wenn sie corona sagt, meint sie nicht das, was jetzt seit monaten von allen möglichen gruppierungen für alle möglichen zwecke und maßnahmen mißbraucht wird, sie hat das wort ja schon im oktober 2018 geschrieben und meint etwas ganz anderes, vielleicht „den anfang einer neuen jahreszeit“. und muß man immer wissen, was jemand meint (wenngleich sie das häufig sagt: ich meine: und dann folgt ein neues wohlklingendes rätsel): wenn die melodien und bilder der fallenden worte beim lesen in einen zustand führen, in dem man mit fremden träumen tango tanzt. hinein in einen blauen raum und den nächsten und immer so fort, raum im raum im verwinkelten raum, hinter dem weitere räume liegen und wiesen und erinnerungen mit salamandern und augen und palmen in allen zusammensetzungen, mohnblumen über glyzinien, und die vögel lassen sich zwischen hellen empfindungen nieder.

du warst in ihrer wohnung, carmen, du hast ihre zimmer gefilmt: sieht es bei ihr so aus, wie sie schreibt: springen die blicke, die gedanken von einem gegenstand auf den übernächsten und elf dinge weiter und wieder zurück: und dann sieht das erste ganz anders aus? denn mayröcker kehrt, in ihrem tagebuch taumelnder assoziationen, in dem sich durch ihre wahrnehmung die schichten der welt verschieben und die zeit unter den wechselnden himmeln stehenbleibt, sie kehrt im dezember wieder zu dem theater zurück, das ihr im mai in den sinn kam. sie kehrt immer zu bestimmten dingen zurück, wie abenteuerlich die überlegungen und ablenkungen und nächte auch sind, die ihr dazwischengeraten. ist es ihre geschicklichkeit, ihr gefühl für rhythmus, liegen ihr einige lieblinge besonders am herzen, oder hat sie vergessen, daß sie gewisse ergeignisse schon erzählt und wie oft sie tapete gesagt hat und archipel der wolken und daß die strophen sich von den zweigen lösen. und ist nicht ganz gleichgültig, aus welchem grund es geschieht.

und obwohl es gar nix mit irgendwas von davor was zu tun: aber weil es mir grad wieder einfällt: stay homehat jemand an die statue eines soldaten gepinselt, hübscher einfall, oder, die aufforderung da, wo sie hingehört. hingehörte: natürlich kommt sie jahrzehnte zu spät: denn das tun sie ja inzwischen, die meisten soldaten: sie bleiben daheim und tippen die befehe in die tastatur: und der tod geschieht tausende kilometer von ihnen entfernt. und hier in den straßen liegen, zahlreicher als früher die tampons, weggeworfene masken herum.

sei umarmt

und verlier den september nicht aus dem blick

ingrid

 

© 2020 ingrid mylo

Cover © Verlag

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Friederike Mayröcker:

da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete

Bibliothek Suhrkamp 2020. 202 S. € 24,-

 

 

 

 

 

 

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Rosie Price: Der rote Faden

rowohlt 2020

Roman aus dem Englischen von Stefanie Jacobs

348 S. € 22,-

 

 

 

 

 

 

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Lily King: Writers & Lovers

Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth

C.H.Beck 2020. 319 S. € 24,-

 

 

 

 

 

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Hubert Achleitner: flüchtig

Zsolnay 2020. 300 S. € 23,-

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2 Gedanken zu „Fliegenköpfe (16)

  1. Das zu lesen macht, wie immer Spaß und um seiner selbst Willen interessant und ein stilistischer Vergnügen. Ich weiß dann mit großer Sicherheit, worauf ich verlustfrei verzichten kann und wo mir ein Leseerlebnis entgeht, wenn ich nicht dazu komme.

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