Familiensoße ohne Kinder

Feiertage laden zu besinnlichen Fragen ein, und eine der unbequemsten bleibt: Warum, zur Hölle, gibt es „Family-Entertainment“?

teletubbies.280Warum sollten Eltern sich ausgerechnet bei der Mediennutzung gemeinsam mit ihren Kindern, am Besten noch mit kleinen, amüsieren? Sie amüsieren sich ja im klassischen Sinne nur bedingt, wenn sie ihnen den Hintern abwischen, die Senftuben im Supermarkt aus der Hand reißen oder viermal hintereinander das öde erste Kapitel von „Pippi im Taka-Tuka-Land“ vorlesen.

Aber durch die Sesamstrasse zappeln in diesen Zeiten Otto Waalkes, Anette Frier und Dirk Bach, Vater und 5jähriger Sohn ziehen sich gegenseitig in „Wickie und die starken Männer“, und nirgendwo gibt es ein Entkommen vor Til Schweiger und seinen Sprösslingen.

Es ist verständlich, dass „Family-Entertainment“ in der amerikanischen Filmindustrie entstehen und riesengroß werden musste. Es ist in vieler Hinsicht ein Negativ-Genre; sein Daseinszweck besteht darin, nichts zu enthalten, was einflussreiche amerikanische weltanschauliche Gruppen zu Boykottaufrufen anregen könnte. Die gemeinsam einen Spielfilm schauende Familie ist in den USA viel mehr Realität als hierzulande (Kinobesuch ist ein übliches Feiertagsprogramm, und es gibt dort keine Samstagabendshows, keinen Patrick Lindner und keinen „Tatort“). Es geht also, anders als in Deutschland, nicht darum, die Generationen gemeinsam vor den Film zu kriegen, sondern ihnen keine Gründe zum Spalten, Verbieten und Wegrennen zu liefern. Pädagogische und erst recht entwicklungspsychologische Intentionen waren dem Genre lange Zeit fremd: Es gab die Warnungen vor Ladendiebstahl und Schuleschwänzen, und natürlich immer das Lob der Familie, aber Rentner, die verjüngt werden, tote Väter, die als Weihnachtsmann auferstehen und immer wieder grässliche Familienfeste, die sich in Wehmut auflösen, haben Kindern in der Regel wenig oder eher Verstörendes zu sagen. Die verquollenen Gesichter abgehalfterter Stars, die sich zur Karikatur eines gutmütigen Augenzwinkerns verziehen, die irreal gleichmäßige Tiefenschärfe und der unklar nostalgische Look der Bilder, die grundlos quietschfidelen Orchester auf dem Soundtrack, die scheinbar idiomatischen, in Wahrheit hochgradig überspannten Dialoge voll undurchschaubarer Anspielungen auf erwachsene Themen, haben für die meisten Kinder nichts mit der Welt und nichts mit ihren Träumen zu tun, sondern zeigen eine bizarre andere Dimension. Sie kriegen die trübe Suppe als Gesundheitsnahrung vorgesetzt, weil angeblich nichts Gefährliches darin herumschwimmt, keine Gewalt, (bis auf hier und da ein paar lustige Schlägereien oder auch ein paar malerische Tote und die allgegenwärtige Zerstörung der vertrauten Umgebung innerhalb der Filmwelt), keine Diskriminierung (jedenfalls keine nach der jeweiligen herrschenden Meinung bedeutsame), keine Kriminalität (bis auf die irgendwo herumschleichenden grundbösen Menschen, die in erledigt werden), keine Vulgärsprache (dafür immer haarscharf dran vorbei, und jede Menge verklemmter Fäkalhumor), und natürlich, keine offen thematisierte oder gezeigte Sexualität, (aber dafür permanentes gewitztes Herumdrucksen und eine symbolische Überladenheit wie in der Parodie auf ein viktorianisches Bilderbuch). Theoretisch ist Family-Entertainment natürlich ein Meta-Genre, das die verschiedensten Erzählungen umfasst, praktisch dominieren spätestens seit den 90er Jahren ein paar Grundplots: die „Mein Freund Harvey“-Variation, die „Ein Weihnachtslied“-Variation, die „Tom Sawyer“-Variation und die „Drei Schwestern“-Variation plus Mischformen. Die Filmplakate sind vor allem weiß und  rot, seltener golden (manchmal braun, dann sind wir am Rande des Arthouse-Qualitätskinos), die Musik stammt von Alan Silvestri oder einem seiner Nachschreiber. Ein kurzer Blick in einen beliebigen Film mit Tim Allen, und die Entwicklung von Gangster-Rap, JACKASS und HOSTEL werden verständlich. Die üblichen Wochenendkinogänger in den USA sind nur noch die Teenager und jungen Erwachsenen, auf die im Zweifelsfall und immer mehr auch die großen Blockbuster zugeschnitten sind. Eine saubere Einnischung also, bei der sich diese beiden Marktsegmente gegenseitig hochschaukeln. Gute Filme gibt es trotzdem. Aber wieso konnte sich dieses Muster in den letzten Jahren in Europa durchsetzen?

Die Vorstellung des Films für jeden und jeden Geschmack ist in der von den Leitgedanken her weniger demokratischen, viel homogeneren, weitaus weniger filmbegeisterten alten Welt unbekannt. Die Standards für Jugendgefährdung stimmen, trotz unterschiedlichster Regelungen in den einzelnen Ländern, in so gut wie keinem wesentlichen Punkt mit denen der USA überein. Es gibt eine reiche Kinderfilmkultur. Und eine traditionelle Phobie vor Hollywoods heiterer Seite.

Wie Georg Seeßlen mehrfach zwingend ausgeführt hat, waren nach dem letzten Weltkrieg in Deutschland Heimatfilm, Karl May-Film, Freddy, Heinz Rühmann und der trotz allem unschätzbare Heinz Erhardt als Versuch einer Versöhnung zwischen den Generationen unvermeidlich. Aber ihren Wiedergängern in den 70er, 80er und selbst 90er Jahren war kein Erfolg beschieden: nicht Uschi Glas als Mutter einer angeblichen Punker-Tochter, die auf dem elterlichen Landgasthof Thomas Gottschalk verführte, nicht Harald Juhnke als Straßenfeger, der mit seiner Tochter unter Schmerzen eine Hundedreckentsorgungsbox erfand.

Nun aber gemahnen hollywoodproduzierte Filme von, mit und über Til Schweiger in welken Bildern an die Zeiten von Fernsehpartys und Kalter Hund. Da wir in Deutschland sind, wird Sex offener und blöder behandelt, und es fehlen ein paar Geister oder ein paar Lacher, aber es bleibt bei dem Phänomen, dass ein amerikanisches Genre hier teutonisch und irrwitzig erfolgreich wiedergeboren wird.

In den letzten Jahren ließ sich die auseinanderklaffende Schere in Deutschland nirgendwo klarer festmachen als im Sandkasten: Vanessa und Connor spielen mit KIK-Schaufeln und erzählen vom endlosen Fernsehstrom, Paula und Emil spielen mit HABA und werden von den audiovisuellen Medien nach Möglichkeit grundsätzlich fern gehalten.

Es gibt natürlich andere Modelle, vor allem in den Großstädten, aber sie bestimmen derzeit weder den Markt, noch die Debatte.

Nichts könnte den Niedergang der Idee vom kindgerechten Medium deutlicher illustrieren als der hiesige Bedeutungsverlust des urprogressiven Projekts „Sesamstrasse“, das in den USA gerade seinen fünften Frühling erlebt, in Deutschland aber von kaum noch jemandem geliebt wird – schlechtes Image, maue Quoten, vergriffene DVDs, allmählich verschwindende Begleitprodukte. Die Sesamstrasse ist, trotz ihres subversiven Witzes und ihrer illustren Gaststars im Original die Antithese zu Family-Entertainment. Von Jahr zu Jahr wird sie kindgerechter, setzt auf kindlichere Figuren, verzichtet mehr und mehr auf die früher allgegenwärtigen Parodien und scheint systematisch jede neuere Erkenntnis der Entwicklungspsychologie so schnell wie möglich in Szenen mit Filzmonstern umsetzen zu wollen – von den aktuelleren Thesen über die Erkenntnis von Andersartigkeit und Gleichartigkeit oder über Sauberkeitserziehung bis hin zur jeweils in den amerikanischen Forschungsinstituten gültigen Regel für die Anzahl von Reizen in einer Minute. In Amerika. In Deutschland wird sie ausgerechnet jetzt mit allen Arten von medieninternen Witzen und Otto aufgemotzt, um, so der NDR freimütig, den mitschauenden Eltern Entertainment zu bieten. Ein ähnlicher deutscher Sonderweg zeigte sich in der Teletubbies-Debatte, die ein offensichtlich  für Kleinstkinder konzipiertes pädagogisches Fernsehprogramm dafür kritisierte, das es Fünfjährigen und ihren Eltern zu wenig intellektuelle Stimulanz und zuviel infantile heile Welt bot.

Offensichtlich sind in den englischsprachigen Ländern ein paar der klügsten Köpfe im Moment damit beschäftigt, herauszufinden, was kindgerechte Medienprogramme sein könnten, was Fernsehanfänger emotional und rational behutsam stabilisieren, öffnen und herausfordern könnte. Die gleiche BBC, die Dipsy und Lala auf die Welt losließ, produzierte zur selben Zeit Beziehungsdramen und Krimiserien, die für den deutschen Markt nach wie vor als zu hart und zu komplex gelten. Kein Verschwinden der Kindheit, sondern im Gegenteil eine selbstbewusste Trennung der Sphären, auf der Grundlage der Errungenschaften der noch blutjungen Lehre vom kindlichen Verständnis der Welt. Ähnlich sieht es in den verschiedensten Ländern mit der Kinderliteratur und dem Kinderfilm aus – alles wird weicher und erschließt gleichzeitig immer selbstverständlicher Themen, die in der Welt des Family-Entertainment alle Türen zuschlagen lassen würden. Die Kinder, so die immer wiederkehrende Meldung der verschiedensten Agenturen und Institute, werden immer klüger. Sie werden immer schneller. Sie werden immer sensibler. Und, und das ist die Kehrseite, sie werden immer instabiler, konzentrationsunfähiger, zeigen immer weniger Frustrationstoleranz. Kurz: sie zeigen frühe Symptome von ADHS und Autonomieverlust. Paula und Emil sind die Schlimmsten, obwohl der Fernseher vor ihnen versteckt wird. Denn der Druck auf die Kinder kommt nicht aus dem Fernsehen, und schon gar nicht aus den Oasen des Kinderkinos, sondern von den stressgeplagten Eltern ohne erreichbare Nachbarn und Familienanschluss, die aus dem Nachwuchs bei weniger Zeit und weniger Nerven mehr Lebensinhalt machen, als sie es jemals vorher waren. Vermutlich wurden Kinder nie vorher ähnlich stark durch Symbiosen, Ersatzleben und Statusdenken bedroht. Das gilt auch für Connor und Vanessa. Und in dieser Situation, in der tatsächlich bspw. das Fernsehen die aufgeweckten und aufgewühlten Jüngsten mit knuffigen Nonsensefiguren, die ihnen unauffällig das eine oder andere beibringen, auffangen will, gießen zwei Trends statt dessen Öl ins Feuer: der Struwwelpeter und das Family-Entertainment. Gerne auch in Kombination.

Paula und Emil werden nicht geschlagen, nicht übergangen (außer bei allem, was mit Zeit zu tun hat), sie kriegen teure, penibel überlegte und wertvolle Geschenke und so viel Aufmerksamkeit wie möglich, auch wenn sie nur ein paar Grunzgeräusche ausprobieren. Sie werden mit Bionahrung ernährt, solange das Budget das zulässt. Ihre Eltern haben früher grün gewählt, schwanken nun zwischen den GRÜNEN und der FDP, sind akademisch gebildet und glauben an weiche Werte. Und damit sie nun nicht verzärteln, und weil diese Eltern die Versöhnung mit den so viel unbeschlageneren Großeltern suchen, wird der STRUWWELPETER ausgepackt. Und DIE BIBEL, ohne die niedlichen Barbapapa-Zeichnungen der 70er Jahre. Grimms Märchen in Versionen, die 100 Jahre lang aus Kinderzimmern verbannt waren. Und weil Paulas und Emils Eltern bei allem neuen Konservatismus nichts lieber tun, als sich an ihre so viel härtere, so viel heiterere eigene Kindheit wehmütig zu erinnern und bei so viel Karriere und Kind nicht auch noch einen ernsten Film ertragen (wenn sie schon einmal Zeit für einen Film haben, und die meisten Filme sind ohnehin für frustrierte Teenager gemacht), – deswegen nehmen sie Paula und Emil begeistert mit in „Hui Buh“ und in „Wickie und die starken Männer“ und in die „Ice Age“ Filme. Denn die sind nicht nur entspannend für die Eltern, sondern aufregend für die Kinder, schulen Cleverness, was ja beinahe Intelligenz ist, sind per se kindgerecht, und „man kann sie ja auch nicht immer in Watte packen“. Und diese Eltern begreifen nicht, dass sie in diesem Moment als begehrte Zielgruppe, die sonst kaum zu erreichen ist, gnadenlos erschlossen werden. Und manchmal werden auch Vanessa und Connor dazu eingeladen, die alle diese Filme aus den Werbeblöcken bei Super RTL kennen und endlich einmal nicht unter dem schlechten Gewissen ihrer Eltern Super RTL sehen sollen, und die Paula und Emil viel Spannendes aus diesen Werbeblöcken zu berichten haben. Und alle sind glücklich, und besonders Til Schweiger, der sie dann alle für einen „richtigen“ Film abholt. Und weil den tragischen und umjubelten Helden von Pixar immer wieder doch der Spagat zwischen modernem Kinderfilm, Family-Entertainment und klassischem Animationsfilm (der nach noch einmal ganz anderen Kriterien funktioniert) gelingt, bemerkt niemand, das neunzig Prozent des Family-Entertainment zu hart, zu dumm, zu heillos zerrissen, zu deutlich eine für Erwachsene maßgeschneiderte Regression ist, um einem überhitzten heutigen Kind mehr zu bieten als Verwirrung, Spaltung und eine Trinkflasche mit einem neuen Motiv nach dem Kino.

Nun, eine neue Form der Intelligenz kann sicherlich auch an Robin Williams, an Til Schweiger und am STRUWWELPETER wachsen. Doch wie viel schöner wäre diese Welt, wenn Vanessa, Connor, Paula und Emil erst einmal die Sesamstrasse gucken würden. Und die Eltern und Otto könnten sich auch mal um ihre eigenen Probleme kümmern.


Autor: Florian Schwebel

Artikel geschrieben Dezember 2009

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