Vom Sterben des Schwans

Daren Aronofskys filmische Befreiung des getanzten Mythos

In Daren Aronofskys Filmen – dies ist sein fünfter – kann man Menschen beim Verrücktwerden bzw. beim Sterben zusehen. Nicht gewöhnlichen Menschen, nicht einmal gewöhnlichen Helden, sondern jenen bizarren Wesen, die das Zeug zur Selbstüberschreitung in sich haben. Sie benötigen dazu Systeme von höchster Ambiguität, Systeme, die zugleich Bedeutung schaffen und Wirklichkeit vernichten: Die Mathematik („Pi“), die Droge („Requiem for a Dream“), die Suche nach dem Quell des Lebens („The Fountain“), den theatralischen Kampfsport („The Wrestler“) oder die nicht minder theatralische Tanzkunst („Black Swan“). Und während sie ihrer Kunst als Bedeutungssystem durchaus großartiges hinzufügen, verfallen sie ihr zugleich als Wahnsystem und steigern ihre Einsamkeit ins Unermessliche. Das Elend des wirklichen Lebens, das sehen wir in jedem Film von Daren Aronofsky ist unerträglich. Die Selbstbefreiung durch die Verwandlung in den Mythos aber kann nie vollständig gelingen; es gibt keine Bühne, keinen Traum, auf der man vor sich selber sicher wäre. Was daraus entsteht, kann man Tragödie nennen. Und der Schmerz der Tragödie, sagt man, wird uns belohnen, mit Schönheit, mit Erkenntnis, mit Katharsis. Daren Aronofsky, einer der bildmächtigsten Filmemacher dieser Tage, hat neben Animation und Film auch Anthropologie studiert. So wäre eine Möglichkeit, unter vielen, seine Filme als tragische Anthropologie mit den Mitteln des Kinos anzusehen.

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filmkritiken 2010-13-300Georg Seeßlen: Filmkritiken 2010 – 2013
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Mit Leidenschaft für den Film und mit Liebe zum Kino

52 Filmkritiken, geschrieben und veröffentlicht in den Jahren 2010 bis 2013, bieten Einblicke und Ansichten, vermitteln Zusammenhänge und Perspektiven.
Das Thema der Filmkritik ist das Filmesehen. Und Filmesehen ist eine Kunst. Und Georg Seeßlen versteht davon eine ganze Menge. Seine kompetente Übersetzung des audiovisuellen Mediums Film in Sprache ist tiefgründig, vielschichtig und bezieht aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen mit ein.
Gehen Sie mit Georg Seeßlen auf eine Reise in die Filmgeschichte. Eine Reise in Zeit und Raum.

 

Bild: Fox

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