Black Swan (Daren Aronofsky)

Vom Sterben des Schwans

Daren Aronofskys filmische Befreiung des getanzten Mythos

In Daren Aronofskys Filmen – dies ist sein fünfter – kann man Menschen beim Verrücktwerden bzw. beim Sterben zusehen. Nicht gewöhnlichen Menschen, nicht einmal gewöhnlichen Helden, sondern jenen bizarren Wesen, die das Zeug zur Selbstüberschreitung in sich haben. Sie benötigen dazu Systeme von höchster Ambiguität, Systeme, die zugleich Bedeutung schaffen und Wirklichkeit vernichten: Die Mathematik („Pi“), die Droge („Requiem for a Dream“), die Suche nach dem Quell des Lebens („The Fountain“), den theatralischen Kampfsport („The Wrestler“) oder die nicht minder theatralische Tanzkunst („Black Swan“). Und während sie ihrer Kunst als Bedeutungssystem durchaus großartiges hinzufügen, verfallen sie ihr zugleich als Wahnsystem und steigern ihre Einsamkeit ins Unermessliche. Das Elend des wirklichen Lebens, das sehen wir in jedem Film von Daren Aronofsky ist unerträglich. Die Selbstbefreiung durch die Verwandlung in den Mythos aber kann nie vollständig gelingen; es gibt keine Bühne, keinen Traum, auf der man vor sich selber sicher wäre. Was daraus entsteht, kann man Tragödie nennen. Und der Schmerz der Tragödie, sagt man, wird uns belohnen, mit Schönheit, mit Erkenntnis, mit Katharsis. Daren Aronofsky, einer der bildmächtigsten Filmemacher dieser Tage, hat neben Animation und Film auch Anthropologie studiert. So wäre eine Möglichkeit, unter vielen, seine Filme als tragische Anthropologie mit den Mitteln des Kinos anzusehen.

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filmkritiken 2010-13-300Georg Seeßlen: Filmkritiken 2010 – 2013
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Mit Leidenschaft für den Film und mit Liebe zum Kino

52 Filmkritiken, geschrieben und veröffentlicht in den Jahren 2010 bis 2013, bieten Einblicke und Ansichten, vermitteln Zusammenhänge und Perspektiven.
Das Thema der Filmkritik ist das Filmesehen. Und Filmesehen ist eine Kunst. Und Georg Seeßlen versteht davon eine ganze Menge. Seine kompetente Übersetzung des audiovisuellen Mediums Film in Sprache ist tiefgründig, vielschichtig und bezieht aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen mit ein.
Gehen Sie mit Georg Seeßlen auf eine Reise in die Filmgeschichte. Eine Reise in Zeit und Raum.

 

Bild: Fox

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1 Gedanke zu „Black Swan (Daren Aronofsky)

  1. Schwanensee (Lebedinoje osero) — auf den Grund gegangen

    Johann-P. Dohmen

    Da um Darren Aronofskys Film „Black Swan“ unerträglich viel Medienrummel
    veranstaltet wurde und die Vertreter des Balletts öffentlich gegen ihn
    wetterten1, weil er Ressentiments gegen die professionelle Tanzkunst
    verstärke, hatte ich beschlossen, aus Solidarität mit Tänzerinnen und
    Tänzern den Film nicht zu sehen. Da fiel mir eine positive Kritik des von
    mir sehr geschätzten Autors Georg Seeßlen in die Hände2.

    Darin heißt es:

    „Aber zuerst einmal ist Black Swan eine filmische Variation des
    Schwanensee-Balletts des Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowsky und der
    Librettisten Wladimir P. Begitschew und Wassili Geltzer (sowie ihrer vielen
    Nachfolger, die variierten und widersprachen).“

    Unerwähnt bleiben der Choreograph Julius Wenzel Reisinger und seine
    „variierenden und widersprechenden“ Nachfolger Marius Petipa und Lew Iwanov.
    Das lässt erstaunen, käme es doch der Unterschlagung des Namens des
    Filmregisseurs Aronofsky gleich, wendete man dies Verfahren auf Black Swan
    an: Es würden dann der Name Tschaikowskys als Komponist des Soundtracks
    erwähnt und der des Skriptschreibers, nicht aber der des Regisseurs, der den
    Film Black Swan kreiert hat wie der Choreograph das Ballett Lebedinoje
    osero.

    Der Autor fährt fort:

    „Dieses Ballett ist seinerseits die Kunst-Relektüre eines der Urmythen vom
    „Schwanenmädchen“, das es bei den australischen Aborigenes wie bei den
    nordamerikanischen Indianern, in China wie in Europa gibt. Aronofsky nimmt
    diese Relektüre mit den Mitteln von Psychothriller, Ballettfilm und
    Traumkino vor, eine Prise des neuen, körperlichen Horror ist auch dabei.“

    Das brachte mich auf die Idee, den genannten Urmythen einmal nachzugehen.
    Nachdem ich 100 chinesische Märchen3 gelesen hatte, ohne ein einziges mit
    dem Thema „Schwanenmädchen“, nach der wissenschaftlichen Mythen- und
    Märchentypisierung Nr. 400, gefunden zu haben, beschloss ich, meine
    Suchstrategie zu ändern und das Internet zu Hilfe zu nehmen.

    1 Dorion Weickmann am 24. 01. 2011 in der Süddeutschen Zeitung: Rackern,
    aber nicht kasteien — Die Ballettwelt reagiert verärgert auf „Black Swan“

    2 „Vom Sterben des Schwans, ‚Black Swan‘ — Darren Aronofskys filmische
    Befreiung des getanzten Mythos“, Die Zeit vom 20. 01. 2011.

    3 Sammlung „Chinesische Märchen“, herausgegeben und übertragen von Richard
    Wilhelm, Augsburg 1998

     

     

    Schwanenmärchen und -mythen

    a.. The Annotated Swan Maiden1
    Es war einmal ein Jäger, der oft die ganze Nacht damit verbrachte, dem
    Wild nachzustellen oder ihm Fallen zu stellen. So geschah es eines Nachts,
    dass er in einem dichten Gebüsch nahe des Sees auf einige Wildenten lauerte,
    die er fangen wollte. Plötzlich hörte er hoch in der Luft das Schwirren von
    Flügelschlag und dachte, die Enten kämen; und er spannte seinen Bogen und
    richtete seine Pfeile.

    Aber anstelle der Enten erschienen sieben junge Frauen, alle in
    Federkleidern; sie ließen sich am Ufer des Sees nieder und sprangen, nachdem
    sie ihre Kleider abgestreift hatten, in die Fluten, um im See zu baden und
    zu schwimmen. Sie waren alle wunderschön, aber die jüngste und zierlichste
    von allen gefiel dem Auge des Jägers am besten; und so kroch er aus dem
    Gebüsch hervor, ergriff ihr Federkleid und nahm es mit ins Gebüsch.

    Als die Schwanenmädchen nach Herzenslust gebadet hatten und geschwommen
    waren, kamen sie ans Ufer zurück und wollten ihre Federkleider wieder
    anziehen. Die sechs älteren fanden ihre auch, nur die jüngste konnte ihres
    nicht finden. Sie suchten und suchten, bis endlich der Morgen zu grauen
    begann, und die sechs Schwestern riefen ihr zu: „Wir müssen weg; der Morgen
    graut schon — Du wirst auf Dein Schicksal treffen, wie immer es sein wird.“
    Und damit zogen sie ihre Kleider an und flogen weg, weit, weit weg.

    Als der Jäger sie wegfliegen sah, trat er mit dem Federkleid in der Hand
    hervor, und das Schwanenmädchen bat und bettelte, dass er ihr das Kleid
    zurückgeben sollte. Er gab ihr seinen Mantel; ihr Federkleid wollte er nicht
    zurückgeben, weil er spürte, dass dann wegfliegen würde. Es gelang ihm, dass
    sie versprach, seine Frau zu werden, und er nahm sie mit sich nach Hause.
    Das Federkleid versteckte er, wo sie es nicht finden konnte. So wurden sie
    Mann und Frau, lebten glücklich zusammen und hatten zwei hübsche Kinder,
    einen Jungen und ein Mädchen, die stark und schön wurden; und ihre Mutter
    liebte sie von ganzem Herzen.

    Eines Tages spielte ihre kleine Tochter mit ihrem Bruder Verstecken und
    verbarg sich hinter der Wandverkleidung; sie fand ein Kleid aus lauter
    Federn und brachte es ihrer Mutter. Sobald die es sah, zog sie es an und
    sprach zu ihrer Tochter: „Sag deinem Vater, dass wenn er mich wiedersehen
    will, er mich im Land westlich der Sonne und östlich des Monds finden muss.“
    Und damit flog sie fort.

    Als der Vater am nächsten Morgen nach Hause kam, erzählte ihm seine kleine
    Tochter, was geschehen war und was ihre Mutter gesagt hatte. Und so zog er
    aus, um seine Frau im Land westlich der Sonne und östlich des Monds zu
    finden. Er wanderte viele Tage und begegnete einem alten Mann, der auf den
    Boden gefallen war; er richtete ihn auf, half ihm auf einen Stuhl und
    kümmerte sich um ihn, bis er sich besser fühlte.

    Da fragte ihn der alte Mann, was er tue und wohin er ziehe. Und der Jäger
    erzählte ihm alles von den Schwanenmädchen und seiner Frau und fragte den
    alten Mann, ob er von dem Land westlich der Sonne und östlich des Monds
    gehört habe.

    Der alte Mann antwortete: „Nein, aber ich kann fragen.“

    Dann gab er einen schrillen Pfiff von sich und bald war die Ebene vor
    ihnen angefüllt mit allen Tieren dieser Erde, denn der alte Mann war kein
    geringerer als der König der Tiere.

    Und er rief ihnen zu: „Wer von euch hier weiß, wo das Land westlich der
    Sonne und östlich des Monds sich befindet?“ Aber keines der Tiere kannte es.

    Der alte Mann sagte zum Jäger: „Du musst zu meinem Bruder, dem König der
    Vögel, gehen und beschrieb ihm den Weg.

    Nach einiger Zeit fand der Jäger den König der Vögel und erzählte ihm sein
    Begehr. Also pfiff der König der Vögel laut und schrill und bald war der
    Himmel von allen Vögeln der Luft verdunkelt, die sich um ihn versammelten.
    Dann fragte er: „Wer von euch weiß, wo das Land westlich der Sonne und
    östlich des Monds ist?“

    Niemand antwortete, und der König der Vögel sagte: „Dann musst du meinen
    Bruder, den König der Fische fragen.“ Und sagte ihm, wie der zu finden sei.

    Und der Jäger zog weiter und weiter und weiter, bis er zum König der
    Fische kam und erzählte ihm, was er suchte. Der König der Fische ging zum
    Ufer des Meeres und versammelte alle Fische des Meeres um sich. Sie
    umringten ihn und er fragte laut: „Wer von euch weiß, wo sich das Land
    westlich der Sonne und östlich des Monds befindet?“

    Aber keiner antwortete, bis zuletzt ein Delphin, der sich verspätet hatte,
    laut rief: „Ich habe gehört, dass auf der Spitze des Kristallberges das Land
    westlich der Sonne und östlich des Monds liegt; wie man dorthin kommt, weiß
    ich nicht sicher — es muss in der Nähe des Wilden Waldes sein.“

    Der Jäger dankte dem König der Fische und zog zum Wilden Wald. Als er in
    seine Nähe kam, traf er auf zwei Männer, die miteinander stritten und ihn
    baten, ihren Streit zu schlichten.

    „Nun gut, worum geht’s?“ fragte der Jäger.

    „Unser Vater ist gerade gestorben und hat uns zwei Dinge hinterlassen,
    diese Kappe, unter der dich niemand sehen kann, wenn du sie aufziehst, und
    diese Schuhe, die dich durch die Luft tragen, wohin immer du willst. Ich als
    der Ältere beanspruche das Wahlrecht, welches von beiden ich haben will — er
    als der Jüngere will die Schuhe. Wer, denkst du, hat Recht?“

    Da dachte der Jäger lange nach und zuletzt sagte er: „Es ist eine
    schwierige Entscheidung, aber ich denke, das beste wäre, ihr rennt zu jenem
    Baum dahinten, und wer zuerst wieder bei mir ist, erhält die Schuhe oder die
    Kappe, was immer er will.“

    Er nahm also die Schuhe in die eine und die Kappe in die andere Hand und
    wartete, bis sie zum Baum losrannten. Sobald sie losgerannt waren, zog der
    die Siebenmeilenstiefel an, setzte die Tarnkappe auf und wünschte sich ins
    Land westlich der Sonne und östlich des Monds. Er flog und flog über sieben
    Berge (eigentlich Biegungen) und sieben Täler und sieben Hochmoore, bis er
    zuletzt zum Kristallberg kam. Und auf dessen Kuppe lag das Land westlich der
    Sonne und östlich des Monds.

    Jetzt, als er angekommen war, nahm er die Tarnkappe ab und zog die
    Siebenmeilenstiefel aus und fragte, wer über das Land herrsche; und er
    erfuhr, dass es einen König gab, der sieben Töchter hatte, die sich in
    Schwanenfedern kleideten und flogen, wohin immer sie wollten.

    Da wusste der Jäger, dass er im Lande seiner Frau angekommen war. Er ging
    mutig zum König und sagte: „Heil dir, König, ich komme, meine Frau zu
    besuchen.“

    Der König sagte: „Wen meinst du?“

    Und der Jäger antwortete: „Deine jüngste Tochter.“ Dann erzählte er ihm,
    wie er sie gewonnen hatte.

    Darauf sagte der König: „Wenn du sie von ihren Schwestern unterscheiden
    kannst, dann weiß ich, dass du die Wahrheit sagst.“ Er versammelte die
    sieben Töchter um sich, und wie sie alle da waren in ihren Federkleidern,
    sah eine aus wie die anderen.

    Da sagte der Jäger: „Wenn ich jede von ihnen bei der Hand nehmen darf,
    dann will ich sicherlich meine Frau erkennen“, denn als sie mit ihm
    zusammengelebt hatte, hatte sie die kleinen Kittel und Kleider für ihre
    Kinder genäht und der Zeigefinger ihrer rechten Hand hatte Narben von der
    Nadel.

    Und als er die Hand einer jeden Schwanenfrau genommen hatte, fand er bald
    heraus, welche seine Frau war und beanspruchte sie für sich. Da gab ihnen
    der König viele Geschenke und sandte sie einen sicheren Weg vom Kristallberg
    hinunter.

    Und nach einiger Zeit kamen sie zu Hause an und lebten von nun an
    glücklich.

    1 mit dieser Überschrift unter http://www.surlalunefairytales.com empfiehlt Heidi
    Anne Heiner Einsteigern die Lektüre einer „annotated version“ — gemeint ist
    die Schnittmenge mehrerer Originalmärchen, die zu einer „typischen“
    Erzählung ausgearbeitet ist. Als Quelle gibt sie an: Jacobs, Joseph, ed.
    European Folk an Fairy Tales. New York: G. P. Putnam’s Sons, 1916. Die
    Übersetzung aus dem Englischen habe ich angefertigt.

     

    b.. Swan Maidens — Folktales of Type 400,
    edited by D. L. Ashliman © 1998-20081
    1 Diese Internet-Sammlung beinhaltet acht in Englisch erzählte Märchen,
    deren erstes wie zur Bestätigung „The Swan Maiden by Joseph Jacobs“ ist,
    dessen Übersetzung ich oben schon vorgestellt habe.

     

    a.. The Swan Maiden
     

    b.. Das Schwanenmädchen (Schweden)1
    Ein junger Bauer in der Pfarrei Mellby (in Blekinge), der sich oft mit
    der Jagd vergnügte, sah eines Tages drei Schwäne auf ihn zufliegen, die sich
    am Strand eines nahen Sunds (Meerenge) niederließen. Als er sich der Stelle
    näherte, war er überrascht zu sehen, wie sich die drei Schwäne ihrer
    Federkleider entledigten, die sie ins Gras warfen, und daraus drei Mädchen
    von berückender Schönheit hervortraten und ins Wasser sprangen. Nachdem sie
    eine Weile im Wasser um die Wette geschwommen waren, kamen sie an Land
    zurück, wo sie in ihre frühere Bekleidung und Gestalt schlüpften, und flogen
    fort in die gleiche Richtung aus der sie gekommen waren.

    Die jüngste und schönste von ihnen hatte derweil den jungen Jäger so
    bezaubert, dass er weder nachts noch tags sich von ihrem glänzenden Bild
    losreißen konnte. Als seine Mutter bemerkte, dass etwas mit ihrem Sohn nicht
    stimmte und dass die Jagd, die früher seine größte Freude gewesen war, ihre
    Anziehungskraft verloren hatte, fragte sie ihn endlich nach dem Grund seiner
    Melancholie, woraufhin er ihr erzählte, was er gesehen hatte und erklärte,
    es gäbe kein Glück mehr in seinem Leben, es sei denn er könne das schöne
    Schwanenmädchen besitzen.

    „Nichts ist einfacher“, sagte die Mutter. „Geh gegen Sonnenuntergang am
    nächsten Donnerstagabend zu der Stelle, wo du sie gesehen hast. Wenn die
    drei Schwäne kommen, gib Acht, wohin deine Auserwählte ihr Federkleid
    ablegt, nimm es und lauf‘ weg.“

    Der junge Mann hörte auf die Anleitungen seiner Mutter und, nachdem er
    sich am kommenden Donnerstagabend an einem günstigen Platz in der Nähe des
    Sunds versteckt hatte, erwartete er ungeduldig die Ankunft der Schwäne. Die
    Sonne versank gerade hinter den Bäumen, als des jungen Mannes Ohren freudig
    das Schwirren in der Luft vernahmen, und die drei Schwäne ließen sich am
    Ufer nieder wie bei ihrem vormaligen Besuch.

    Sobald sie ihr Schwanengewand abgelegt hatten, waren sie wieder in
    wunderschöne Mädchen verwandelt, sprangen auf den weißen Ufersand, und schon
    vergnügten sie sich im Wasser. Von seinem Versteck aus hatte der junge Jäger
    sorgfältig beobachtet, wohin seine Geliebte ihre Schwanenfedern abgelegt
    hatte. Er schlich sich langsam an, nahm sie und kam schnell wieder zu seinem
    Versteck im Gebüsch rundum zurück.

    Kurz darauf konnte man zwei Schwanenmädchen davonfliegen hören, aber die
    dritte entdeckte auf der Suche nach ihrem Kleid den jungen Mann, vor dem sie
    auf die Knie fiel, weil sie ihn für sein Verschwinden verantwortlich machte
    und bat ihn, ihr Schwanenkleid zurückzugeben. Der Jäger aber wollte den
    schönen Preis nicht wieder hergeben, warf ihr einen Mantel über die
    Schultern und brachte sie zu sich nach Hause.

    Bald wurden Anstalten zu einer großen Hochzeit getroffen, die in
    gültiger Form stattfand, und das junge Paar lebte in Liebe und Zufriedenheit
    zusammen.

    Sieben Jahre später, an einem Donnerstagabend erzählte der Jäger seiner
    Frau, wie er sie gesucht und gewonnen habe. Auch zeigte er ihr das
    Schwanenkleid von früher. Kaum hatte sie es in Händen, war sie schon in
    einen Schwan verwandelt und flog im selben Augenblick durch das offene
    Fenster fort. Der Mann starrte sprachlos hinter seiner rasch verschwindenden
    Frau her, und bevor ein Jahr und ein Tag vergangen waren, war er seinem
    Sehnen und Bangen erlegen und begraben auf dem ihm zugedachten Platz auf dem
    Friedhof des Dorfes.

    1 Das zweite Beispiel stammt aus Schweden, nach Angabe des Autors
    Ashliman aus Hermann Hofbergs Sammlung „Swedish Fairy Tales“, translated by
    W. H. Myers (Chicago, Belford-Clark Company 1890 pp. 35 – 38 —Übersetzung
    aus dem Englischen ins Deutsche von mir.

     

    c.. Die drei Schwäne (Deutschland)1
    Es war einmal ein Jäger, der war sehr betrübt, weil ihm seine Frau
    gestorben war, und ging oft ganz allein im Walde herum und dachte, ob er
    wohl noch eine zweite Frau finden möchte, die er ebenso lieb haben könnte,
    als seine erste. Da ging er einstmals mit seinem Gewehr an der Seite einen
    ganzen Tag lang immer weiter in den Wald hinein und wußte selbst nicht, wo
    er hin wollte, und kam endlich an eine Strohhütte. In die trat er hinein und
    fand darin einen alten Mann, der hatte ein Kreuzbild vor sich liegen. Er
    grüßte den Mann, worauf derselbe ihn freundlich aufnahm und ihn fragte, was
    ihn in diese Waldhütte führe? Da klagte ihm der Jäger sein Leid, daß er
    seine Frau verloren habe und nun so einsam lebe und nicht wisse, ob er wohl
    noch einmal glücklich sein werde. Sprach zu ihm der Alte: »Dieser Not wird
    wohl zu helfen sein. Es werden alsbald drei ›Schwane‹ hierher kommen, die
    betrachte Dir recht genau! Und wenn sie dann in den Weiher fliegen, so mußt
    Du heimlich hingehen und ohne daß er es merkt, dem einen Schwan sein Kleid
    nehmen und gleich damit zurückkommen!« Und wie der Alte dies gesagt hatte,
    da flogen drei schneeweiße Schwäne daher zu der Strohhütte, und nachdem der
    Jäger sie sich angesehen hatte, flogen sie weiter in einen benachbarten
    Weiher.

    Da schlich der Jäger hin und nahm ganz heimlich den Rock, den der eine
    Schwan ausgezogen und ans Ufer gelegt hatte und brachte ihn zu der Hütte des
    Alten. Als darauf die Schwäne sich wieder anziehen wollten, hatte der eine
    nur noch sein Hemd, und kam sogleich als eine schöne Jungfrau zu dem Jäger,
    der ihren Rock hatte, und zog mit ihm in sein Haus und ward seine liebe
    Frau.

    Ehe der Jäger jedoch den alten Mann verließ, sagte ihm derselbe
    noch: »Du mußt aber das Schwanenkleid sorgfältig vor Deiner Frau verbergen,
    daß sie es ja nicht wieder findet!« Das tat der Jäger denn auch und so lebte
    er fünfzehn Jahre lang mit seiner zweiten Frau und sie gebar ihm mehre
    Kinder, und beide Eheleute waren recht glücklich miteinander.

    Da geschah es, daß der Mann eines Morgens ausging und zu seiner Frau
    sagte: »ich komme zum Mittagessen wieder!« Und als er fortging, sah die Frau
    ihm nach, und wie er nun im Walde war, ging sie auf die Bühne, welche der
    Mann diesmal nicht verschlossen hatte, machte den Koffer auf, worin das
    Schwanenkleid lag, und zog es an und flog als Schwan wieder davon, weit,
    weit weg. – Als der Mann nun zum Essen kam, war die Frau verschwunden, und
    auch seine Kinder konnten nicht sagen, wo sie geblieben war, denn sie hatten
    nichts von ihr gesehen.

    Da begab sich der Jäger wieder in den Wald zu dem alten Mann und klagte
    ihm sein Unglück, dass er abermals seine Frau verloren habe und nicht wisse,
    wo sie hingekommen sei. Da sagte der Mann: Du hast das Kleid nicht gehörig
    verwahrt; das hat sie gefunden und ist damit fortgeflogen.

    »Ach, sagte der Jäger ganz traurig, ist es denn gar nicht mehr möglich,
    daß ich sie noch einmal wieder bekomme?«

    »Möglich ist es wohl, sprach der Alte; aber jetzt ist es gefährlich; es
    kann Dir leicht das Leben kosten.« Der Jäger aber wollte ja gern alles für
    seine Frau tun und so sagte ihm der Alte: »Du musst zuerst suchen, in das
    Schloss zu kommen, wo Deine Frau jetzt lebt, und das wird am besten so
    gehen: sie hält Esel, die jeden Tag von einem Müller Mehl holen; da geh also
    zu dem Müller und bitte ihn, dass er Dich in einen Mehlsack steckt. Das
    Weitere wirst Du dann schon von Deiner Frau erfahren.« – Darauf begab sich
    der Jäger zu dem Müller und beredete ihn und ließ sich in einen Sack stecken
    und von einem Esel weit weg in ein prächtiges Schloss tragen, und wie er
    dort ankam, fand er auch sogleich seine Frau daselbst, und da konnte niemand
    eine größere Freude haben als sie, und sie dankte ihrem Manne herzlich, dass
    er gekommen sei, um sie zu erlösen. Sie sagte ihm aber: »Ehe wir glücklich
    mit einander leben können, mußt Du mit drei Drachen, die hier sind, kämpfen;
    sie werden an drei Tagen in verschiedenen Gestalten zu Dir kommen und Dich
    eine Stunde lang peinigen und quälen; aber wenn Du es aushältst und keinen
    Laut von Dir gibst, so können sie Dir nichts anhaben und ich werde frei;
    redest Du aber nur ein einziges Wort, so werden sie Dich umbringen.« Da
    versprach ihr der Jäger, daß er sie gewisslich erlösen wolle.

    Darauf kamen am ersten Tage drei mächtige Schlangen und wanden sich dem
    Jäger um die Füße, daß er nicht aus und nicht ein konnte, und quälten ihn
    eine ganze Stunde lang. Weil er’s aber still ertrug, gingen sie fort, ohne
    ihn zu beschädigen. Am folgenden Tage kamen die Drachen als »Krotten«
    (Kröten) und schossen in einem fort feurige Kugeln auf den Jäger ab, daß es
    schier nicht mehr zum Aushalten war; aber er hielt es doch aus und gab
    keinen Laut von sich, so dass sie nach einer Stunde ihn wieder verließen. –
    Am dritten Tage endlich kamen sie wieder als ungeheure Schlangen und nahmen
    den ganzen Jäger frei in ihren Rachen, daß es ihm höllenangst wurde und er
    meinte, er müsse schreien und könne es nicht länger ertragen; aber aus Liebe
    zu seiner Frau ertrug er’s doch. Und als die dritte Stunde nun um war, da
    standen plötzlich statt der drei Schlangen drei vornehme Frauen da. Das
    waren die drei verwünschten Schwäne, die er jetzt mit einander erlöst hatte;
    und die blieben nun auch bei ihm und bei seiner Frau in dem Schlosse, und
    alle lebten in Frieden und Freude beisammen und wenn sie nicht gestorben
    sind, so leben sie noch.

    1 Quelle: Ernst Meier, Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, Stuttgart, C.
    P. Scheitlin’s Verlagshandlung 1852. Dieses Märchen musste ich nicht aus dem
    Englischen rückübersetzen, da ich es — dank Internet — im Original fand.

     

    d.. The Story of the Swan Maiden and the King (Rumänien)1
    Die Geschichte vom Schwanenmädchen und dem König

    Es war einmal, da zog ein König zum Jagen aus, und nachdem er lange im
    Wald gejagt hatte, ohne irgendetwas zu finden, sah er sich in einer offenen
    Ebene mit einem riesigen See; und in der Mitte des Sees sah er einen Vogel
    schwimmen, wie er noch nie einen gesehen hatte. Das war ein Schwan.

    Er spannte seinen Bogen und wollte ihn schießen. Zu seiner Verwunderung
    sprach der Vogel zu ihm mit menschlicher Stimme und sagte: „Töte mich
    nicht!“

    So gab er sich die größte Mühe, ihn zu fangen, und es gelang ihm auch.
    Erfreut über den Fang des Vogels brachte er ihn nach Hause und übergab ihn
    der Köchin, die ihn töten und ihn als Mahl zubereiten sollte. Die Köchin war
    eine Zigeunerin. Sie wetzte ihr Messer und ging zum Vogel, um ihm den Hals
    abzuschneiden, als der zu ihrem Erstaunen drei Purzelbäume schlug — und da
    stand vor ihr ein wunderschönes Mädchen, schöner als sie je eines vorher
    gesehen hatte. Sie rannte zum König und erzählte ihm, was sich zugetragen
    hatte.

    Der König, der zuerst dachte, die Köchin führe irgendeine Gaunerei im
    Schilde, hörte nicht auf sie; aber als sie auf ihrer Erzählung bestand,
    trieb ihn seine Neugier in die Küche, und dort sah er ein Mädchen, das
    schöner war, als er je eines mit seinen Augen gesehen hatte.

    Er fragte sie, wer sie sei, und sie erzählte, das sie der Schwan sei,
    der auf dem See geschwommen war, dass sie aus eigenem Antrieb von ihrer
    Mutter fortgegangen sei, die ihm Feenland wohne, und dass sie zwei
    Schwestern zurückgelassen habe. So nahm sie der König in seinen Palast und
    heiratete sie. Die Zigeunerin, die ein hübsches Mädchen war, hatte gedacht,
    der König werde sie heiraten; und als sie sah, was geschah, war sie sehr
    verärgert. Aber sie schaffte es, ihren Ärger zu verbergen, und versuchte
    freundlich zur neuen Königin zu sein, bis ihre Zeit gekommen sei. 2

    König und Königin lebten eine Zeitlang in völligem Glück, und nach
    einiger Zeit wurde ihnen ein Kind geboren.

    Da trug es sich zu, dass der König auf eine lange Reise gehen musste,
    und er ließ Frau und Kind in der Obhut der Zigeunerin zurück. Eines Tages
    kam die Zigeunerin zur Königin und sprach zu ihr: „Warum sitzt du immer im
    Palast herum? Komm, lass‘ uns ein wenig im Garten spazieren gehen, dem
    Gesang der Vögel zu lauschen und die schönen Blumen zu betrachten.“

    Die Königin nahm ohne jeden Verdacht den Vorschlag der Zigeunerin an und
    ging mit ihr zu einem Spaziergang in den Garten. In der Mitte des Gartens
    war ein tiefer Brunnen, und die Zigeunerin sprach listig zu der jungen
    Königin: „Beuge dich doch über den Brunnen und schau ins Wasser hinunter und
    sieh‘, ob dein Gesicht so schön geblieben ist, wie es am ersten Tag war, als
    du vom Schwan in ein junges Mädchen verwandelt wurdest.“

    Die Königin beugte sich über den Brunnen, um in die Tiefe
    hinabzuschauen; und darauf hatte die Zigeunerin gewartet: Kaum hatte sich
    die Königin über den Brunnen gebeugt, da packte sie sie bei den Beinen, warf
    sie kopfüber hinunter in den Brunnen und ertränkte sie.

    Als der König nach Hause kam und seine Königin nicht fand, fragte er,
    was geschehen sei. Die Zigeunerin, die inzwischen die Obhut über das Kind
    übernommen hatte und es sehr sorgfältig behütete, erzählte dem König, dass
    die junge Königin sich aus Heimweh wieder in einen Schwan verwandelt habe
    und weggeflogen sei.

    Der König war tief betrübt, als er das hörte, aber er glaubte, was die
    Zigeunerin ihm erzählt hatte und dachte, dass nichts getan werden könne, und
    schickte sich in den Verlust seiner Frau.

    Die Zigeunerfrau behütete das Kind mit großer Sorgfalt in der Hoffnung,
    vielleicht die Liebe des Königs zu erringen, und dass er sie heiraten würde.
    Ein Monat verging, ein Jahr verstrich, und man hörte nichts von der Königin.
    Der König sah die offenbare Liebe der Zigeunerin zu dem Kind und entschied
    zuletzt, sie zu heiraten, und setzte den Hochzeitstag fest.

    Aus dem Brunnen, in den die Königin geworfen worden war, wuchs ein
    Weidenbaum mit drei Zweigen: einem Stamm in der Mitte und zwei Ästen rechts
    und links. Nicht weit vom Garten wohnte ein Mann, der eine große Schafherde
    besaß. Eines Tages schickte er seinen Jungen, die Schafe aufs Feld zu
    führen. Auf seinem Weg kam der Junge an des Königs Garten vorbei mit dem
    Brunnen in der Mitte.

    Weil der Junge seine Flöte zu Hause gelassen hatte, dachte er, als er
    den Weidenbaum sah, er könne einen der Zweige abschneiden und eine Flöte
    daraus machen. Also ging er in den Garten, schnitt den mittleren Stamm ab
    und machte eine Flöte daraus. Als er sie an seine Lippen führte, begann die
    Flöte von selbst folgendermaßen zu spielen: „Oh Knabe, blas‘ nicht zu stark,
    denn mein Herz tut weh wegen meines kleinen Säuglings, den ich in der Wiege
    zurückließ und der nun an der braunen Brust einer Zigeunerin saugt.“ 3

    Als der Junge hörte, was die Flöte spielte, ohne zu verstehen, was es
    bedeutete, war er sehr erstaunt; und er rannte nach Hause, um seinem Vater
    zu erzählen, was mit der Flöte geschehen sei. Der Vater war verärgert, dass
    der Junge die Schafe allein gelassen hatte, schalt ihn und nahm ihm die
    Flöte weg. Dann versuchte er herauszufinden, ob der Junge die Wahrheit
    erzählt hatte. Sobald er die Flöte an den Mund gesetzt hatte, spielte sie
    dasselbe Lied, wie wenn der Junge versucht hatte, sie zu spielen. Der Vater
    sagte nichts und verwundert über die Bedeutung der Worte steckte er die
    Flöte weg in einen Schrank.

    Als des Königs Hochzeitstag näher kam, waren alle Musiker des
    Königreichs eingeladen, beim Festessen zu spielen. Einige von ihnen zogen am
    Haus des alten Mannes vorbei, und als der hörte, dass sie auf des Königs
    Festmahl spielen würden, erinnerte er sich an die wunderbare Flöte und
    fragte, ob er mitkommen dürfe, da er doch die Flöte so wunderschön und gut
    spielen könne.

    Sein Sohn, der junge Knabe, war unterdessen in den Garten gegangen in
    der Hoffnung, eine weitere Flöte zu erhalten, da die Weide doch drei Zweige
    hatte. Also schnitt er einen der Zweige ab und machte eine Flöte daraus.
    Aber diese Flöte gab keinen einzigen Laut von sich.

    Als der alte Mann zum Palast kam, gab’s dort viel Jauchzen und Singen.
    Endlich war er an der Reihe zu spielen. Sobald er die Flöte an seine Lippen
    setzte, sang sie: „Oh Mann, blas‘ nicht zu stark, denn mein Herz tut weh
    wegen meines kleinen Säuglings, den ich in der Wiege zurückließ und der nun
    an der braunen Brust einer Zigeunerin saugt.“

    Die Zigeunerin, die als des Königs Braut am Kopf der Tafel saß, verstand
    sofort, was die Flöte sagte, obwohl sie nicht wusste, was die Flöte mit der
    Königin verband, die sie getötet hatte.

    Der König, der sich sehr über die Flöte und das Lied, das sie gesunden
    hatte, wunderte, nahm ein Goldstück und gab es dem Mann für seine Flöte, und
    als er die Flöte zu blasen begann, begann sie zu singen: „“Oh mein Gemahl,
    blas‘ nicht zu stark, denn mein Herz tut weh wegen meines kleinen Säuglings,
    den ich in der Wiege zurückließ und der nun an der braunen Brust einer
    Zigeunerin saugt. Schnell, schnell, schaff‘ diese grausame Zigeunerin fort,
    denn sonst verlierst du deine Frau.“

    Die anwesenden Gäste wunderten sich über das Lied, und niemand verstand
    seine Bedeutung. Die Zigeunerin aber, die sehr wohl alles verstand, wandte
    sich an den König und sagte: „Erlauchter König, blas‘ diese Flöte nicht und
    mach‘ dich nicht lächerlich vor deinen Gästen. Wirf sie ins Feuer.“

    Aber der König, der sich von den Worten der Zigeunerin beleidigt fühlte,
    ließ sie die Flöte nehmen und spielen. Unter großem Widerstreben unterwarf
    sie sich dem Befehl des Königs, und das zu Recht, denn kaum hatte sie die
    Flöte an die Lippen gesetzt, als sie sang: „Du meine Feindin, blas‘ nicht zu
    stark, denn mein Herz tut weh wegen meines kleinen Säuglings, den ich in der
    Wiege zurückließ und der nun an deiner Brust saugt, du böswillige
    Zigeunerin. Du hast mich in den Brunnen geworfen und dort meinem Leben ein
    Ende gesetzt, aber Gott hatte Mitleid mit mir, und er hat dafür gesorgt,
    dass ich wieder die wahre Frau dieses erlauchten Königs werde.“

    Wütend über die Worte schleuderte die Zigeunerin die Flöte mit solcher
    Gewalt fort, dass sie dachte, sie würde in tausende Splitter zerbrechen.
    Aber es geschah nicht so, wie sie dachte, denn gerade durch diesen Wurf
    wurde die Flöte in eine schöne Frau verwandelt, schöner in der Tat, als man
    je zuvor eine gesehen hatte. Sie war die echte Königin, die die Zigeunerin
    in den Brunnen geworfen hatte.

    Als der König sie sah, umarmte und küsste er sie und fragte, wo sie so
    eine lange Zeit gewesen sei. Sie erzählte ihm, dass sie auf dem Grund des
    Brunnens geschlafen hätte, in den sie von der Zigeunerin geworfen wurde, die
    geglaubt hatte, Königin zu werden, was ja auch geschehen wäre, wenn nicht
    der Junge eine Flöte aus dem Stamm des Weidenbaumes geschnitzt hätte. „Und
    nun bestrafe die Zigeunerin, sonst muss Deine Frau dich verlassen.“

    Als der König diese Worte hörte, rief er den Jungen zu sich und fragte
    ihn, ob er sich eine Flöte aus dem Stamm des Weidenbaumes geschnitzt habe,
    der aus dem Brunnen im Garten gewachsen sei.

    „So ist es, erhabener König“, sagte der Junge, „und hoffentlich wird mir
    mein Vorwitz, des Königs Garten zu betreten, verziehen. Ich ging hin und
    schnitzte mir aus dem Stamm des Weidenbaumes eine Flöte, und als ich darauf
    zu blasen begann, spielte sie ` Oh Knabe, blas‘ nicht zu stark, denn mein
    Herz tut weh usw.“ Dann erzählte er ihm, dass er zu seinem Vater
    zurückgegangen sei, der anstatt ihn wegen der wunderbaren Flöte zu
    lobpreisen, nur angefahren hatte. Dass er dann ein zweites Mal in den Garten
    in den Garten gegangen sei und einen der Zweige abgeschnitten habe, um eine
    Flöte zu schnitzen, dass aber die gar nicht spielte wie die erste. Der König
    machte dem Jungen ein großes Geschenk, und befahl, die Zigeunerin zu töten.

    Etwas später kam die Königin zum König und bat ihn um Urlaub, damit sie
    zu ihrer Mutter reisen könne, um ihr alles zu erzählen, was ihr zugestoßen
    sei, und um „Auf Wiedersehen“ jetzt für immer zu sagen, da sie ab jetzt für
    immer unter Menschen leben werde. Der König ließ sie widerwillig gehen. Da
    machte sie drei Purzelbäume und wurde wieder ein Schwan, wie sie einer
    gewesen war, als der König sie zum ersten Mal fand auf den Wellen des Sees.

    Sie breitete ihre Flügel aus und flog weit weg, bis sie das Haus ihrer
    Mutter erreicht hatte, die ganz alleine war. Ihre beiden Schwestern waren
    nicht da. Sie hatten die Mutter verlassen und niemand wusste, wohin sie
    gezogen waren. Die junge Königin ging nicht ins Haus. Wahrscheinlich
    befürchtete sie, ihre Mutter würde sie nicht wieder zurückkehren lassen; so
    ließ sie sich auf dem Dach nieder und sang: „Bleib‘ gesund, gute Mutter
    mein, denn die Freude, mich bei dir zu Hause zu haben, wird dir nicht länger
    gewährt; du wirst mich erst wieder sehen, wenn ich mein Königtum verliere,
    liebe Mutter mein, nicht eher und nicht bis dahin.“

    Und ohne die Antwort ihrer Mutter abzuwarten, kehrte sie zu ihrem Gemahl
    zurück. Sie saß auf dem Fensterbrett und sang: „Steh‘ auf, mein Gemahl,
    öffne die Türen, weck‘ die Dienerschaft auf und lass‘ sie Zeuge meiner Treue
    zu dir sein; denn seitdem ich dich geheiratet habe, habe ich meine Mutter
    verlassen und meine Schwestern sind von mir fortgezogen. Und von einem
    Schwan habe ich mich in eine echte Gemahlin verwandelt, um glücklich mit dir
    zu leben. Von heut‘ an werde ich kein Schwan mehr sein, aber du musst auf
    mich aufpassen, dass ich dich nicht wieder verlasse. Ich weiß nicht, ob mein
    Los, eine Königin in dieser Welt zu sein, das bessere ist. O geliebtes
    Wasser, wie ich mich sehne, in dir zu baden! Meine weißen Federn werden
    meinen Schwestern gehören. Da ich sie nun für immer verlassen habe und meine
    Mutter mit ihnen, o Gott, was habe ich getan? Werde ich auf der Erde leben
    können und werde ich mein Königtum behalten? Du, o Gott, du gnadenvoller,
    hör‘ auf mich und gewähre, dass dies Königtum nicht unnütz ist.“ Und Hals
    über Kopf wurde sie eine Frau wie schon vorher, sie betrat den Palast und
    lebte mit ihrem Gemahl, dem König, und wenn sie nicht gestorben sind, dann
    leben sie noch heute.

    1 Quelle: M. Gaster, Rumanian Bird and Beast Stories, London: Folk-Lore
    Society 1915, Übersetzung von mir.

    2 Politically most uncorrect ist die Diffamierung der Zigeuner. Sie
    zeigt leider, wie alt die Ressentiments sind und wie tief sie deshalb sitzen
    müssen.

    3 Das Märchen enthält als zweites Motiv das „singende Knöchlein“,
    Märchentyp 780.

     

    e.. The Golden Apple Tree and the Nine Peahens (Serbien)1
    Der goldene Apfelbaum und die neun Pfauinnen.

    Es war einmal ein Kaiser2, der hatte drei Söhne und vor seinem Palaste
    einen goldenen Apfelbaum, der jede Nacht blühte und Früchte trug, die aber
    immer gleich gepflückt wurden, ohne daß man je hätte erfahren können, von
    wem.

    Einst hub nun der Kaiser sich mit seinen Söhnen in folgender Weise zu
    besprechen an: »Wo nur die Frucht unseres Baumes hinkommen mag!« worauf der
    älteste Sohn sagte: »Ich will den Baum diese Nacht hüten, um zu sehen, wer
    sie pflückt.« Und als es dunkel ward, ging er hin und legte sich unter den
    Apfelbaum, um ihn zu hüten, aber als die Äpfel schon anfingen zu reifen,
    schlief er ein, und als er mit dem Morgenrot erwachte, waren die Äpfel
    gepflückt. Da ging er hin zum Vater und sagte ihm alles getreulich. Nun
    erbot sich der zweite Sohn, den Apfelbaum zu hüten, aber auch ihm erging es
    wie dem Ersten, auch er schlief unter dem Baum ein, und als er mit dem
    Frührot erwachte, waren die Äpfel weg. Nun kam die Reihe den Baum zu hüten
    an den jüngsten der Söhne, der schon darauf vorbereitet war und gleich zu
    dem Baum hinab ging, sich unter demselben ein Lager zurecht machte und sich
    schlafen legte. Gegen Mitternacht erwachte er, schaute zum Baume auf, und
    sieh! Da begannen die Äpfel eben zu reifen und das ganze Schloß erglänzte
    von ihrer Pracht. In dem Augenblicke kamen neun goldene Pfauinnen durch die
    Luft geflogen, acht ließen sich auf dem Baume nieder, die Neunte aber auf
    des Prinzen Lager, wo sie sich alsbald in ein Mädchen verwandelte, wie kein
    schöneres im ganzen Kaisertume zu sehen war. Auch ihm gefiel sie über alle
    Maßen, und sie küssten sich und kosten zusammen bis nach Mitternacht, dann
    aber erhob sich das Mädchen, dem Prinzen dankend für die Äpfel, die ihre
    Schwestern indessen gepflückt; er aber bittet es, ihm doch wenigstens einen
    zu lassen. Da gab das Mädchen ihm deren zwei, einen möge er für sich
    behalten, und den zweiten seinem Vater bringen, worauf es sich wieder in
    eine Pfauin verwandelte und mit den andern entschwebte.

    So wie der Tag anbrach, stand der Prinz auf und brachte dem Vater die
    beiden Äpfel. Der Vater war darüber hoch erfreut und belobte seinen jüngsten
    Sohn. Den nächsten Abend hielt sich des Kaisers jüngster Sohn abermals
    bereit bei dem Baume zu wachen, hütete ihn auf gleiche Weise wie die erste
    Nacht, und brachte am Morgen dem Vater wieder zwei goldene Äpfel. Nachdem er
    dies einige Nächte nach einander ausgeführt, fingen die Brüder an, ihm feind
    zu sein, weil es ihnen nicht gelungen war, den Baum mit Erfolg zu hüten,
    während dies ihm nun jede Nacht gelang. Und es fand sich eine verdammte
    Alte, die sich mit ihnen verabredete und sich erbot, es listig auszuspähen
    und zu erfahren, auf welche Weise der Prinz den Apfelbaum hüte. Und als es
    Abend ward, stahl sich die Alte unter den Baum, kroch hinter das Lager und
    verbarg sich daselbst. Bald nach ihr kam auch des Kaisers jüngster Sohn und
    legte sich wie früher nieder, um zu schlafen. Gegen Mitternacht, sieh, da
    kamen die acht Pfauinnen auf den Baum geflogen, die Neunte aber ließ sich
    auf des Prinzen Bette nieder, wo sie sich alsbald in ein Mädchen
    verwandelte. Da erfaßte die Alte leise eine von des Mädchens Haarflechten,
    die vom Bette niederhingen und schnitt sie ab. In dem Augenblick sprang das
    Mädchen vom Lager empor, verwandelte sich in eine Pfauin und flog weg, die
    übrigen Pfauinnen, welche auf dem Baume saßen, ihr nach, und flugs waren
    alle verschwunden. Da springt auch der Prinz auf und ruft: »Was soll das?«
    Und als er um sich blickte, gewahrte er die Alte unter dem Bette, welche er
    alsbald ergriff und hervorzog, und wie der Tag anbrach, befahl er, sie
    scheuen Pferden an die Schweife zu binden, und von ihnen zerreißen zu
    lassen. Die Pfauinnen aber kamen fortan nicht mehr auf den Apfelbaum,
    worüber der Prinz nicht aufhörte zu klagen und zu weinen. Zuletzt beschloß
    er, in die Welt zu gehen und seine Pfauin zu suchen, und nicht eher
    heimzukommen, bis er sie gefunden hätte, ging hin zum Vater und teilte ihm
    seinen Entschluß mit. Der Vater gab sich alle Mühe, ihn davon abzubringen,
    er möge sich diese Sache aus dem Sinne schlagen, er sei bereit ihm jedes
    andere Mädchen zu freien, welches er nur immer wolle in seinem ganzen
    Reiche. Doch das war alles vergeblich, der Königssohn rüstete sich und zog
    von einem Diener begleitet in die Welt, seine Pfauin zu suchen.

    Nachdem sie nun lange durch die Welt gegangen waren, kamen sie einmal zu
    einem See, woran ein großes, prächtiges Schloß stand, in welchem eine Alte,
    die eine Kaiserin war, und ein Mädchen, der alten Kaiserin Tochter, lebte.
    Diese Alte frug der Prinz: »Bei Gott! Mütterlein, wüßtest du mir nicht Kunde
    zu geben von neun Pfauinnen?« worauf ihm die Alte antwortete: »Ja, mein
    Söhnlein, ich weiß von ihnen; jeden Mittag kommen sie sich hier in diesem
    See zu baden, aber schlag‘ dir die Pfauinnen aus dem Sinne und nimm dir
    meine Tochter, sie ist ein schönes Mädchen, und soll dir mit all den
    Schätzen angehören.« Doch der Prinz in seiner Ungeduld die Pfauinnen zu
    sehen, hörte kaum, was die Alte von ihrer Tochter sprach. So wie der Morgen
    anbrach, stand er auf und ging hinaus an den See die Pfauinnen zu erwarten,
    aber die Alte bestach seinen Diener, und gab ihm ein Blasebälglein, mit dem
    man das Feuer anfacht, indem sie ihm sagte: »Sieh hier dieses Blasebälglein;
    wie ihr an den See hinaus geht, so blase deinem Herrn unbemerkt ein wenig
    von hinten in den Hals, da wird er alsbald einschlafen, und nicht mit den
    Pfauinnen sprechen können.« Der elende Diener tat dies wirklich; als sie
    hinaus kamen an den See, fand er einen passenden Augenblick, seinem Herrn
    aus jenem Blasebälglein in den Hals zu blasen, und alsbald fiel dieser in
    einen todähnlichen Schlaf. Kaum aber war er eingeschlafen, sieh, da kamen
    die neun Pfauinnen, und wie sie kamen, senkten sich acht auf den See, die
    Neunte aber ließ sich auf des Prinzen Pferd nieder, und fing ihn zu
    liebkosen und zu wecken an, indem sie sprach: »Erwache Labsal mein! Erwache
    Herzelein! Erwache Seelchen.« Doch er hörte nicht, als wäre er tot; und
    nachdem sich die Pfauinnen gebadet hatten, flogen sie mitsammen wieder weg.
    In dem Augenblicke erwachte auch der Prinz und frug seinen Diener: »Was gibt
    es? Sind sie da gewesen?« Und der Diener erzählte ihm, wie sie gekommen
    seien, und wie achte von ihnen sich auf den See gesenkt, die Neunte aber
    sich zu ihm aufs Pferd niedergelassen, und wie sie ihn geliebkost und zu
    wecken sich bemüht habe. Und als dies der arme Kaisersohn hörte, da hätte er
    sich töten mögen. Am Morgen des zweiten Tages bereitete er sich wieder mit
    seinem Diener, bestieg sein Pferd und ritt auf und ab den See entlang. Aber
    von neuem fand der Diener Gelegenheit ihm mit dem Blasebälglein in den Hals
    zu blasen, daß er wieder in Schlaf versank als wäre er tot. So wie er aber
    eingeschlafen war, sieh, da sind auch schon die neun Pfauinnen. Acht lassen
    sich nieder in den See, die Neunte aber setzt sich zu ihm aufs Pferd, und
    fängt ihn zu liebkosen und zu wecken an, indem sie spricht: »Erwache Labsal
    mein! Erwache Herzelein, erwache Seelchen!« Doch umsonst, er schläft wie
    tot. Da sagte sie zum Diener: »Sage deinem Herrn, morgen noch könne er uns
    hier erwarten, dann aber werde er uns nimmer hier sehen.« Und damit flogen
    sie wieder weg. In demselben Augenblicke erwachte auch wieder der Prinz und
    frug den Diener: »Sind sie gekommen?« und der Diener antwortet ihm: »Ja, sie
    waren da, und lassen dir sagen, morgen noch könntest du sie hier erwarten,
    dann aber werden sie nimmer hierher kommen.« Wie dies der ärmste hört, weiß
    er nicht was, mit sich selbst beginnen, und rauft sich das Haar aus Schmerz
    und Trauer. Als der dritte Tag graute, bereitete er sich wieder nach dem See
    zu gehen, bestieg sein Pferd und ritt den See entlang, aber diesmal wollte
    er nicht das Pferd im Schritte gehen lassen, sondern ritt beständig im
    Galopp, damit er nur nicht einschlafe. Aber auch diesmal findet der Diener
    eine Gelegenheit ihm mit dem Blasebälglein in den Hals zu blasen, und
    augenblicklich sinkt er auf den Hals des Pferdes nieder und schläft. So wie
    er eingeschlafen war, sieh, da kamen noch einmal die neun Pfauinnen, und wie
    sie kamen, senkten sich acht auf den See, die Neunte aber ließ sich auf sein
    Pferd nieder, liebkoste ihn und bemühte sich ihn zu wecken, indem sie
    sprach: »Erwache Labsal mein! Erwache Herzelein! Erwache Seelchen!« Aber
    vergeblich, er schläft wie tot. Da sagt die Pfauin dem Diener: »Wenn dein
    Gebieter aufwacht, so sage ihm, er möge den oberen Nagel auf den unteren
    schlagen, dann werde er mich finden.« Und somit flogen alle neun Pfauinnen
    weg. Sobald sie weggeflogen waren, erwachte auch der Prinz und frug wieder
    den Diener: »Waren sie da?« Und der Diener antwortete: »Ja, sie waren da,
    und die sich auf dein Pferd niedergelassen hatte, trug mir auf dir zu sagen,
    du mögest den oberen Nagel auf den unteren schlagen, dann werdest du sie
    finden.« Wie der Prinz dies hörte, riß er den Säbel aus der Scheide und
    schlug dem Diener den Kopf ab. Dann fing er an, allein durch die Welt zu
    reisen, und wie er so wanderte, gelangte er in ein Gebirge, übernachtete
    dort bei einem Einsiedler, und frug auch diesen ob er ihm nicht etwas von
    den neun Pfauinnen zu sagen wüßte. Worauf der Einsiedler ihm
    antwortete: »Ei, mein Söhnlein! Du bist glücklich, und Gott selbst hat dich
    auf den rechten Weg geleitet. Von hier bis zu ihnen ist nicht mehr als einen
    halben Tag Weges, geh nur immer gerade aus, so wirst du an ein großes
    Gittertor kommen, und wenn du an diesem vorüber bist, so halte dich rechts,
    und du wirst gerade in ihre Stadt kommen, dort sind auch ihre Höfe.«

    So wie der Morgen graute, erhob sich der Kaisersohn, machte sich
    reisefertig, dankte dem Einsiedler und trat den Weg an, den dieser ihm
    bezeichnete hatte. Und immer fort gehend, gelangte er wirklich an ein großes
    Gittertor, und an diesem vorbei hielt er sich gleich rechts, und gegen
    Mittag sah er zu seiner großen Freude die Stadt erglänzen, und als er in die
    Stadt hineinkam, erfrug er auch das Schloß der goldenen Pfauinnen. Am Tor
    aber wurde er von der Wache angehalten und gefragt, wer er sei, und woher er
    komme, und nachdem er ihnen Bescheid gegeben hatte, gingen sie hin und
    meldeten es der Kaiserin; doch kaum erfuhr diese, wer vor dem Tore stehe,
    als sie wie von Sinnen in Gestalt jenes Mädchens, das zu suchen er die Welt
    durchzog, zu ihm eilte, ihn bei der Hand fasste und in das Schloß führte. Da
    war nun große Freude, und nach einigen Tagen vermählten sich die beiden, und
    der Prinz beschloß bei seiner Neuvermählten zu bleiben und da zu leben. Nach
    einiger Zeit ging die Kaiserin spazieren, während der Prinz im Schlosse
    zurückblieb. Beim Weggehen übergab ihm die Kaiserin die Schlüssel von zwölf
    Kellern, indem sie zu ihm sprach: »In alle Keller kannst du gehen, nur in
    den zwölften geh um keinen Preis, nicht einmal öffnen sollst du ihn, sonst
    gilt es dir den Kopf, und mit dem soll man nicht Scherz treiben.« Und damit
    ging sie weg.

    Der Kaisersohn, der allein im Schlosse blieb, fing alsbald an bei sich
    zu denken: »Was könnte denn nur in dem zwölften Keller sein?« Und dann fing
    er an, die Keller der Reihe nach zu öffnen. Als er zu dem zwölften kam, da
    zögerte er im Anfange ihn zu öffnen, aber die Neugierde, was wohl in diesem
    Keller sein könne, stachelte ihn so sehr, daß er zuletzt auch diesen
    aufschloß. Wie er hineintrat, sah er in der Mitte des Kellers ein großes Faß
    mit eisernen Reifen beschlagen, und eine Stimme dringt aus demselben
    hervor: »Um Gottes Willen, Bruder! Bitte ich dich, gib mir ein Glas Wasser,
    ich sterbe vor Durst,« da nimmt der Prinz ein Glas Wasser und gießt es in
    das Faß, aber so wie er es hineingießt, springt am Fasse ein Reif. Hierauf
    ertönt abermals die Stimme aus dem Fasse: »Um Gottes Willen, Bruder, ich
    sterbe vor Durst, gib mir noch ein Glas Wasser.« Der Prinz gießt wieder ein
    Glas Wasser hinein, und wieder springt am Fasse ein Reif. Und zum dritten
    Male ertönt die Stimme aus dem Innern des Fasses: »Bei Gott, Bruder! Ich
    sterbe vor Durst, gib mir nur noch ein Glas Wasser.« Der Prinz gießt noch
    ein Glas Wasser hinein, da springt der dritte Reif, das Faß fällt
    auseinander, und aus demselben flog ein Drache heraus, der die draußen
    lustwandelnde Kaiserin packte und von dannen trug. Bald eilten die
    erschrockenen Dienerinnen herbei, und erzählten dem Prinzen was sich
    zugetragen, und auf welche Weise; und er, der Arme, wußte nicht was er
    beginnen sollte in seinem Jammer, bis er zuletzt beschloß, abermals in die
    Welt zu gehen und seine Frau zu suchen. Nachdem er die Welt lange Zeit
    durchreist hatte, kam er an ein Wasser, und wie er so das Wasser entlang
    ging, bemerkte er in einer kleinen Lache ein Fischchen, das ängstlich
    zappelte. Als das Fischchen den Prinzen erblickte, fing es an ihn zu
    bitten: »Sei um Gottes Willen mir ein Bruder, und wirf mich ins Wasser, ich
    werde dir einmal sehr nützen können, nur mußt du dir eine von meinen
    Schuppen nehmen, und wenn du mich brauchst, sie ein wenig zwischen den
    Fingern reiben.« Der Prinz packte das Fischchen und warf es in das Wasser,
    nachdem er vorher von ihm eine Schuppe genommen, und diese sorgsam in ein
    Tuch gewickelt hatte. Und als er weiter zog durch die Welt, da traf er nach
    einiger Zeit unter Weges einen Fuchs, der sich in einer Falle gefangen
    hatte. So wie der Fuchs des Prinzen ansichtig ward, rief er ihn an: »Sei mir
    bei Gott ein Bruder, und befreie mich aus diesem Eisen, ich werde dir einmal
    sehr nützen können, nur mußt du dir von mir ein Haar nehmen, und wenn du
    mich brauchst, es ein wenig zwischen den Fingern reiben.« Der Prinz befreite
    den Fuchs, und nahm sich von ihm ein Haar. Und weiter gehend über ein
    Gebirge traf er auch einen Wolf, der in eine Falle geraten war. Und auch der
    Wolf, ihn erblickend, rief ihm zu: »Sei Gott zu Lieb ein Bruder mir, und
    befreie mich, ich werde dir beistehen, wenn du in Not bist, nimm nur eines
    meiner Haare, und wenn du mich benötigst, dann reib es ein wenig zwischen
    den Fingern.« Da nahm der Prinz auch ein Haar vom Wolf und ließ ihn frei.
    Nachdem er noch sehr lange Zeit darauf herumgereist war, begegnete er einem
    Mann, und diesen fragte er: »Bei Gott, Bruder! Hast du wohl je gehört, wo
    die Höfe des Drachenkaisers sind?« Der Mann wußte ihm Bescheid zu erteilen,
    und nachdem er ihn zurecht gewiesen hatte, sagte er ihm auch, wie viel Zeit
    er noch brauche um dahin zu kommen. Da dankte ihm der Prinz und ging weiter
    ohne Rast, bis er am Abende die Stadt des Drachenkaisers erreichte. Als er
    in die Drachenhöfe eintrat, da fand er auch seine Geliebte, und beide
    freuten sich des Wiedersehens, und fingen alsbald an sich zu beraten, was
    nun zu tun sei, und wie sie sich am besten retten könnten. Zuletzt
    beschlossen sie zu fliehen. So schnell wie möglich machten sie sich
    reisefertig, bestiegen Pferde und flohen. Kaum aber waren sie aus dem
    Schlosse entwichen, als der Drache heimgeritten kam, und als er das Schloß
    betrat, und die Kaiserin nicht mehr daselbst fand, da fing er mit seinem
    Rosse, welches reden konnte, zu sprechen an: »Was sollen wir tun? Sollen wir
    nun essen und trinken, oder zur Verfolgung aufbrechen?« Worauf das Roß ihm
    antwortete: »Iß und trink und sei unbesorgt, wir werden sie schon
    einholen.« Da aß der Drache zu Mittag, und nachdem er gegessen hatte,
    bestieg er sein Roß und verfolgte die Flüchtigen, und in Kürze hatte er sie
    eingeholt. Und wie er sie erreicht hatte, nahm er dem Prinzen sein Liebchen
    weg und sprach zu ihm: »Du geh mit Gott! Dies Mal will ich dir vergeben, um
    jenes Wassers willen, das du mir im Keller gereicht hast, aber kehre nie
    mehr wieder, so dir dein Leben lieb ist.« Betrübt ging der Arme ein
    Stückchen Weges weiter, aber dem Drange seines Herzens nachgebend, kehrte er
    wieder um, und ging den nächsten Tag abermals nach dem Drachenschlosse, wo
    er die Kaiserin antraf, wie sie allein im Schlosse saß und weinte. Und wie
    sie sich wieder sahen, da fingen sie abermals an sich zu beraten, wie sie
    wohl entfliehen könnten. Und der Prinz sprach zu seiner Geliebten: »Wenn der
    Drache heim kommt, sollst du ihn fragen, wo er das treffliche Pferd bekommen
    hat, und es mir dann sagen, damit auch ich ein solches suche, vielleicht
    können wir dann entkommen.« Und mit diesen Worten verließ er das Schloß. So
    wie der Drache nach Hause kam, fing die Kaiserin an, sich ihm schmeichelnd
    zu nähern, und von Verschiedenem mit ihm zu sprechen an, und bis sie zuletzt
    sagte: »Aber du hast ein schönes Pferd! Sage mir doch, wo du es her hast, so
    wahr du an Gott glaubst!« Worauf er ihr antwortete: »Ja, wo ich es her habe,
    da kann es nicht Jeder herbekommen. In diesem und diesem Gebirge lebt eine
    Alte, die hat zwölf so schöne Pferde an blanken Krippen stehen, dass es dir
    schwer würde zu sagen, welches wohl das schönste sei. Und in einem Winkel
    des Stalles hat sie ein Pferd, das sieht ganz räudig und erbärmlich aus,
    aber gerade dieses ist das allerbeste; es ist der Bruder meines Pferdes, wer
    das bekommt, der kann sich mit ihm bis in die Wolken erheben. Allein wer
    dies Pferd haben wollte, muss der Alten drei Tage dienen. Sie hat nämlich
    eine Stute mit einem Füllen, die soll man ihr drei Nächte hüten, und wer
    Stute und Füllen durch drei Nächte lang gut hütet, dem gibt die Alte eines
    ihrer Pferde, das er sich selber wählen kann. Wer aber sich bei der Alten
    verdingt, und Stute und Füllen durch drei Nächte nicht gut zu hüten im
    Stande ist, um dessen Kopf ist es geschehen.«

    Den nächsten Tag, als der Drache von Hause wegging, kam der Prinz und da
    teilte ihm die Kaiserin alles mit, was sie vom Drachen erfahren hatte. Da
    machte er sich auf, zu jener Alten ins Gebirge zu gehen, und als er hinkam
    sprach er zu ihr: »Gott helfe dir, Mütterlein!« Und sie erwiderte ihm den
    Gruß: »Möge Gott auch dir helfen, Söhnlein; doch was hast du vor?« worauf er
    sagte: »Bei dir wollt ich gerne dienen.« Und sie antwortete ihm: »Gut mein
    Söhnlein. Wenn du mir durch drei Tage meine Stute gut hütest, will ich dir
    ein Pferd geben, welches du nur immer willst, hütest du sie aber nicht gut,
    dann nehme ich dir den Kopf.« Dann führte sie ihn hinaus in den Hof, welcher
    ringsum von Pfählen umgeben war, und auf jedem Pfahle stak ein Menschenkopf,
    nur ein einziger Pfahl war leer, und dieser rief in einem fort: »Alte, gib
    mir auch einen Kopf.« Alles dies zeigte ihm die Alte und sprach dann: »Sieh,
    alle diese hatten sich bei mir verdungen, und keiner war im Stande die Stute
    zu hüten.« Doch den Prinzen schreckte es nicht, er blieb dort um der Alten
    zu dienen.

    Als es Abend ward, bestieg er die Stute, und ritt hinaus auf das Feld
    und das Füllen lief hinterdrein. Und er blieb in einem fort auf der Stute
    sitzen, doch gegen Mitternacht überkam ihn der Schlaf, und er schlief ein,
    und als er wieder aufwachte, saß er auf einem Klotze und hielt den Halfter
    in den Händen. Wie er dies gewahrt, erschrickt er und springt auf, die Stute
    zu suchen. Und sie suchend kommt er an ein Wasser. Wie er dessen ansichtig
    wird, erinnert er sich mit einem Male des Fischchens, das er aus der Lache
    in den Fluß geworfen hatte. Da holt er schnell aus dem Tuche jene Schuppe
    hervor, und kaum hat er sie zwischen den Fingern ein wenig gerieben, so läßt
    sich auch schon das Fischlein aus dem Wasser vernehmen: »Was gibt es mein
    Bundesbruder?« Worauf er antwortet: »Mir ist die Stute der Alten entwischt,
    und nun weiß ich nicht, wo sie ist.« Da sagt ihm das Fischlein: »Sie ist
    hier unter uns, sie hat sich in einen Fisch verwandelt, und das Füllen in
    ein Fischchen; schlage du nun mit dem Halfter ins Wasser und sprich: ›Halt,
    Stute der Alten!‹« Da schlug er mit dem Halfter ins Wasser und sprach
    dabei: »Halt, Stute der Alten!« Und alsbald war sie wieder eine Stute wie
    sie früher war, und kam mit dem Füllen ans Ufer. Da legte er ihr den Halfter
    um, setzte sich auf und ritt heim, und das Füllen lief hintendrein. Wie er
    heim kam, gab ihm die Alte zu essen, die Stute aber führte sie in den
    Pferdestall, schlug sie dort mit einer Ofenstange und rief dabei: »Unter die
    Fische hättest du gehen sollen, Elende!« und die Stute antwortet: »Ich war
    unter den Fischen, aber die Fische sind seine Freunde, und haben mich
    verraten.« Da sagte ihr die Alte: »So geh unter die Füchse!« So wie die
    Nacht nahte, besteigt der Prinz wieder die Stute und reitet hinaus ins Feld,
    und das Füllen läuft hinten drein. Wieder blieb er auf der Stute sitzen,
    doch gegen Mitternacht überkommt ihn abermals ein Schlaf, dessen er sich
    nicht erwehren kann, und als er aufwacht, sitzt er rittlings auf dem Klotze
    und hält den Halfter in den Händen. Wie er dies gewahrt, erschrickt er und
    springt auf, die Stute zu suchen. Plötzlich erinnert er sich, was die Alte
    zur Stute gesprochen, und schnell zieht er aus seinem Tuche jenes Fuchshaar
    hervor, reibt es und im Augenblicke steht auch der Fuchs vor ihm und fragt,
    was gibt es Bundesbruder? »Mir ist die Stute der Alten weggelaufen, und nun
    weiß ich sie nicht zu finden,« antwortete er. Worauf der Fuchs ihm
    sagt: »Hier ist sie unter uns, sie hat sich in eine Füchsin verwandelt und
    das Füllen in ein Füchslein, aber schlage nur mit dem Halfter auf die Erde
    und sprich dabei: ›Halt, Stute der Alten!‹« Da schlug er mit dem Halfter auf
    die Erde und sprach: »Halt, Stute der Alten!« Und alsbald ward die Füchsin
    eine Stute wie sie früher war, und stand plötzlich mit dem Füllen vor ihm.
    Da legt er ihr den Halfter um, setzte sich auf und ritt heim, und das Füllen
    lief hinten drein. Als sie heim kamen trug die Alte das Essen auf, die Stute
    aber führte sie gleich in den Stall, schlug sie daselbst wieder mit einer
    Ofenstange, indem sie schrie: »Unter die Füchse hättest du gehen sollen,
    Elende!« worauf die Stute wieder antwortet: »Ich war ja unter den Füchsen,
    aber die Füchse sind seine Freunde, die haben mich verraten.« Da sagt ihr
    die Alte: »So geh unter die Wölfe.« Als zum dritten Male die Nacht anbrach,
    besteigt der Prinz abermals die Stute und reitet hinaus aufs Feld, und das
    Füllen läuft hinten drein. Wie früher blieb er auch diesmal fort auf der
    Stute sitzen; doch gegen Mitternacht übermannte ihn der Schlaf auch diesmal,
    und als er aufwachte, saß er wieder rittlings auf einem Klotze und hielt den
    Halfter in den Händen. Wie er dies gewahrt, erschrickt er und springt empor
    die Stute zu suchen, und sich besinnend was die Alte zur Stute gesprochen,
    holt er aus seinem Tuche jenes Wolfshaar hervor, und kaum hat er es ein
    wenig gerieben, da steht auch schon der Wolf vor ihm und fragt: »Was gibt es
    Bundesbruder?« »Ach! Mir ist die Stute der Alten weggelaufen,« antwortet der
    Prinz, »und nun weiß ich sie nicht zu finden.« Da sagt ihm der Wolf: »Hier
    ist sie unter uns, sie hat sich in eine Wölfin verwandelt, und das Füllen in
    ein Wölflein; schlage du nur mit dem Halfter auf die Erde, und
    sprich: ›Halt, Stute der Alten!‹« Und er schlägt mit dem Halfter zur Erde
    und spricht: »Halt, Stute der Alten!« Und die Wölfin ward wieder eine Stute
    wie sie ehedem gewesen und stand mit einem Male samt dem Füllen vor ihm. Da
    legt ihr der Prinz den Halfter an, sitzt auf und reitet heim, und das Füllen
    läuft hinten drein. Als er heim kam, gab die Alte ihm zu essen, die Stute
    aber führt sie in den Stall, und sie wieder mit der Ofenstange schlagend,
    spricht sie: »Unter die Wölfe hättest du gehen sollen, Elende!« Und wieder
    antwortet ihr die Stute: »Ich war ja unter den Wölfen, aber die Wölfe sind
    seine Freunde und haben mich verraten.« Da geht die Alte hinaus, und der
    Prinz spricht zu ihr: »He, Alte, ich habe dir redlich gedient, nun gib mir
    auch, wofür ich mich verdungen habe.« »Was wir ausgemacht haben, soll dir
    auch werden,« antwortete die Alte. »Sieh hier, von diesen zwölf Pferden
    kannst du dir wählen, welches Du nur willst.« Er aber erwiderte: »Was soll
    ich viel wählen, gib du mir aus jenem Winkel dort das schäbige Pferd, für
    mich passen die schönen nicht.« Doch die Alte aber wollt‘ ihn davon
    abbringen, und sprach: »Ei, wie magst du ein so schäbiges Pferd nehmen, wenn
    du die Wahl unter so prächtigen hast.« Er jedoch blieb dabei und
    sprach: »Gib du mir nur, was ich will, denn so haben wir es ausgemacht.« –
    Die Alte wußte keinen Ausweg, und gab ihm das schäbige Pferd. Da nahm er
    Abschied von ihr und ging fort sein Pferd am Halfter führend. Als er mit ihm
    in einen Wald kam, reinigte er es, und nachdem er es sauber abgewischt
    hatte, da glänzte es als hätt‘ es goldenes Haar. Dann erst setzte er sich
    auf und trieb es an, und es flog dahin gleich einem Vogel, und brachte ihn
    in wenigen Augenblicken vor das Drachenschloß. So wie der Prinz eintrat,
    sprach er zur Kaiserin: »Mach dich fertig so schnell als möglich.« Und als
    sie bereit waren, bestiegen sie beide jenes Pferd und machten sich mit Gott
    auf den Weg. Nach einer Weile kommt der Drache heim, und als er sieht, daß
    die Kaiserin fort ist, spricht er zu seinem Pferde: »Was sollen wir tun?
    Sollen wir essen und trinken, oder sollen wir die Flüchtigen verfolgen?« Und
    das Pferd antwortete ihm: »Essen oder nicht essen, trinken oder nicht
    trinken, sie verfolgen oder nicht verfolgen ist einerlei, du wirst sie doch
    nicht mehr erreichen.« Wie dies der Drache hört, da sitzt er ungesäumt auf
    und jagt ihnen nach. Und als die Flüchtigen den Drachen hinter sich
    erblickten, wie er sie verfolgte, erschraken sie und trieben das Pferd an,
    noch schneller zu laufen, doch das Pferd sprach zu ihnen: »Fürchtet euch
    nicht, wir brauchen nicht zu fliehen.« Und als der Drache sie beinah
    erreicht hatte, rief mit einem Male sein Pferd dem, das die Flüchtigen trug,
    zu: »Um Gottes Willen, Bruder, warte ein wenig, ich geh zu Grunde, wenn ich
    dir noch weiter nachjagen soll.« Doch des Prinzen Pferd erwiderte
    ihm: »Warum bist du so närrisch und trägst dieses Ungeheuer. Bäume dich,
    schleudere es herab auf die Steine und komm mit uns.« Wie dies das Pferd des
    Drachen hörte, schüttelt es sich mit aller Kraft, schnellt mit den Füßen in
    die Höhe, schleudert den Drachen auf die Steine, daß er in viele Stücke
    barst, und gesellte sich zu seinem Bruder. Hierauf bestieg es die Kaiserin
    und so gelangten Beide glücklich zurück in ihr Reich, und herrschten dort
    bis an ihr Ende.

    1 Quelle: Csedomille Mijatovies, Serbian Folk-Lore: Popular Tales
    (London: W.Isbister and Company, 1874) Auch dieses Märchen musste ich nicht
    übersetzen, denn es gab schon eine deutsche Quelle: Karadzic, Vuk
    Stephanovic: Volksmärchen der Serben. Gesammelt und aufgezeichnet von Wuk
    Stephanowitsch Karadschitsch. Ins Deutsche übersetzt von Wilhelmine
    Karadschitsch. Berlin: Reimer, 1854, S. 23-40.

    Permalink: http://www.zeno.org/nid/20007912420

    2 In der englischen Übersetzung ist von einem „king“ die Rede, in der
    deutschen vom „Kaiser“ — gemeint ist der russische „Zar“: Der Baum mit den
    goldenen Äpfeln, die Pfauenmädchen und der Zarensohn finden sich auch im
    Ballett „Der Feuervogel“, dessen Libretto aus unterschiedlichen russischen
    Märchenmotiven zusammengesetzt ist.

    In einem anderen — russischen — Märchen, das nicht auf der genannten
    Website zu finden ist, werden gleich Aschenputtel, Froschprinzessin und
    Schwanenmädchen miteinander verbunden:

    Die Froschprinzessin

    aus Wassilissa, die Wunderschöne und andere russische Märchen, Frankfurt
    am Main 1974 (1979) SS. 42 – 56

    Der jüngste Zarensohn erringt die Froschprinzessin wie im Märchen aus
    Tausendundeiner Nacht Prinz Achmed seine Péri (Fee) Banu durch einen
    Bogenschießwettbewerb: Sein Pfeil wird am weitesten getragen, eben bis zur
    Froschprinzessin, die sich als die wunderschöne Wassilissa entpuppt. Aus
    Unwissenheit verbrennt der Zarewitsch die Froschhaut seiner Frau, woraufhin
    sie sich in einen Schwan verwandelt, den der Prinz erst aus der Gewalt des
    Zauberers Koschtschej, den wir aus dem Ballett „Der Feuervogel“ kennen,
    befreien muss.

    Bild und Name der wunderschönen Wassilissa selbst entstammen einem
    Märchen, das die Grimmsche Aschenputtel-Geschichte erzählt.

    Diesem Aschenputtel wiederum entspricht in den osteuropäischen Märchen
    ein Ashboy, ein dummer Iwan, dem es aber gelingt, den Feuervogel einzufangen
    und mit dessen Hilfe die in einen Pfau verwandelte Prinzessin (manchmal
    vertreten Pfauen, auch Tauben die Schwanengestalt) zu erringen und gar zum
    Zaren aufzusteigen, wie im Ballett „Das bucklige Pferdchen“ geschildert
    wird.

    Die russischen Märchen scheinen bei ihrer Aufzeichnung noch in einer
    sehr lebendigen und kreativen Erzähltradition gestanden zu haben, denn sie
    verbinden sehr oft mehrere Märchenmotive miteinander, so dass es durchaus
    legitim erscheint, wenn Tschaikowsky mit Lebedinoje osero ein solches
    Element isoliert: das in einen Schwan verwandelte schöne Mädchen, das die
    Liebe eines Prinzen erringt. Dieser Prinz könnte nach den Gesetzen der
    Märchenerzählungen das Schwanenmädchen durch Unachtsamkeit, Unwissen oder
    aufgrund der List eines Zauberers verlieren, müsste ihn dann aber überwinden
    und die Schöne wiedergewinnen: Alles wird gut, wie Tschaikowskys Musik es
    nahelegt, die in einer Apotheose endet.

     

    f.. Das Federkleid (Japan)1
    An der Küste von Suruga, zu Miwo, wohnte einst ein Fischer Namens
    Hakurioo. Als dieser eines Tages im Sonnenschein am Gestade von seiner
    Arbeit ausruhte, sah er ein hellglänzendes, weißes Gewand vor sich liegen,
    zart und durchscheinend und ganz aus Federn zusammengewoben. An den Stellen,
    wo die Schultern sich befinden mußten, hingen zwei Flügel an dem
    Wunderkleide. Begierig nahm er es zu sich und wollte es nach Hause nehmen
    und sorgfältig verwahren, als ein wunderschönes Mädchen vor ihm erschien und
    laut jammernd ihr Gewand von ihm zurückforderte. Hakurioo war Anfangs gar
    nicht gewillt, seine Beute fahren zu lassen; doch das Mädchen sagte unter
    fortwährenden Klagen und Tränen, sie sei eine Himmelsgöttin, müsse aber
    elendiglich auf Erden weilen, so lange sie ihr Federkleid nicht habe, das
    sie beim Baden abgelegt, und das auf diese Weise wid

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