Jackie – Wer braucht schon eine Mutter? (Antoinette Beumer)

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Road Movies haben genau zwei große Probleme: Den Anfang und das Ende. Wenn man erst einmal unterwegs ist, läuft es in diesem Genre, eine gewisse Liebe für die Figuren, die Landschaft und die Bewegung vorausgesetzt, meistens wie von allein. Auch in „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“, einem female road movie par excellence, sieht man eine viertel Stunde dabei zu, wie eine Maschine in Gang gesetzt wird. Sie stottert ein bisschen.

Denn zuerst muss ja immer erklärt werden, wer, warum und wohin unterwegs sein wird.

Wer? Das sind die Zwillingsschwestern Sofie und Dann, gespielt von den realen Schwestern Carice und Jelka van Houten, die bei einem schwulen Paar aufgewachsen sind, herzallerliebste Männer, wenn auch mit wenig Sinn für das Abenteuer. Sofie und Daan sind so verschieden voneinander geworden, wie man es sich (im Kino) nur vorstellen kann: Sofie eine ehrgeizige, taffe Karriere-Journalistin, für die Sex vor allem ein Mittel des Machtkampfes ist, und Daan eine verpeilte Ehefrau, deren Kinderwunsch sich nicht erfüllen will. Da besteht ganz gewiss der Lebenskorrekturbedarf, für den das Genre unter anderem geschaffen wurde.

Warum? Die Leihmutter – „Gebärmutter“ sagt Sofie – der beiden war ein amerikanisches Hippiemädchen, das nach der Geburt nie wieder etwas von sich hat hören lassen. Nun aber ist Jackie (Holly Hunter) nach einem komplizierten Knochenbruch in einem Krankenhaus in Amerika und muss dringend zu einer Reha nach New Mexico. Da es andere Verwandte nicht gibt,  und bei Jackie nur Kinderfotos und die Adressen von Sofie und Daan gefunden wurden, erhält Sofie den fatalen Anruf, der alles ins Rollen bringt. Wohin die Reise geht? Jedenfalls nicht dahin, wohin sie ursprünglich zu gehen schien.

Das alles wirkt ein klein wenig wie auf dem Reißbrett entworfen, und um die Sache schneller hinter sich zu bringen, greift die Regisseurin auch noch zum Trick der Off-Narration, die dann während der Reise selber nicht mehr benötigt wird. Sofie und Dann, ihre Väter und ihre Männer, erscheinen als wären sie überzeichneter Vorwand, man hätte möglicherweise gern etwas mehr gesehen als solch grobe Typen-Skizzen…

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52 Filmkritiken, geschrieben und veröffentlicht in den Jahren 2010 bis 2013, bieten Einblicke und Ansichten, vermitteln Zusammenhänge und Perspektiven.
Das Thema der Filmkritik ist das Filmesehen. Und Filmesehen ist eine Kunst. Und Georg Seeßlen versteht davon eine ganze Menge. Seine kompetente Übersetzung des audiovisuellen Mediums Film in Sprache ist tiefgründig, vielschichtig und bezieht aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen mit ein.
Gehen Sie mit Georg Seeßlen auf eine Reise in die Filmgeschichte. Eine Reise in Zeit und Raum.

 

 

 

Bilder: © Schwarz-Weiss

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