In Zeiten des abnehmenden Lichts (Regie: Matti Geschonneck)

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Herbst der Patriarchen

Der Film erzählt souverän und eindrucksvoll den Zerfall einer Familie als den der DDR

Der Mann sieht so schwach aus, so zerbrechlich, so hilfesuchend in seiner Unterhose. Dann zieht er sich an, Hemd und Hose, Krawatte und Jackett. Und maskiert den alten Mann als Persönlichkeit. Und geht, sich dem Volk zu zeigen, das ihm heute huldigen soll und wird, es ist sein 90. Geburtstag. Bertolt Brecht ließ, als er das „Leben des Galilei“ erzählte, in der Ankleideszene einen Menschen so zum Papst werden, Stück um Stück hüllt der Mann sich in die Macht. Und die heitere, die triviale Variante davon erzählt „Cat Ballou“ wenn der Säufer so zum Revolvermann wird. Wolfgang Kohlhaase hat sich das ausgedacht, Matti Geschonneck hat es inszeniert und allein diese stumme Szene offenbart die Klasse des Drehbuchschreibers und des Regisseurs.

Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist eines der besten Bücher, die nach der DDR über die DDR geschrieben wurden, vergleichbar wohl nur Tellkamps „Turm“ und Seilers „Kruso“. Von einem Autor, der das Schicksal dieses Landes erlebte als Schicksal seiner Familie. Der Vater, ein deutscher Kommunist, überlebte in Stalins Gulag. Als er, Stalin war tot, in die DDR durfte wurde er ein führender Historiker und glaubte, die Dinge könnten sich wenden. Die Mutter, eine Russin, hatte den zweiten Weltkrieg als Sanitäterin überlebt. Die Großmutter, Vaters Mutter, war als Emigrantin in Mexiko, mit ihrem Mann, auch ein Kommunist, kehrte sie in die DDR zurück. Und der Sohn geht in den Westen. Die DDR zerfällt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, dem Herbst, und die Familie mit ihr. Zeitgeschichte als Familiengeschichte, das ist die Idee des Buches, eine durch die Zeiten springende komplexe Form ihre Struktur.

Und weil Film so komplex kaum erzählen kann, hat Wolfgang Kohlhaase, der vermutlich beste deutsche Filmautor, die Geschichte konzentriert auf ein Kammerspiel, auf den 90. Geburtstag des verdienten Genossen Wilhelm Powileit im Jahr des abnehmenden Lichts 1989. Indem er die Struktur des Romans verändert hat Kohlhaase seinen Geist bewahrt. Und Matti Geschonneck hat mit dem wunderbaren Ensemble eine Atmosphäre inszeniert, der sich wenig vergleichen kann im deutschen Film der letzten Jahre. Lauter Morbidität, lauter lautloser Verfall, lauter Kraftlosigkeit, die die Mechanik des Systems nur noch aus Gewohnheit funktionieren lässt, lauter Dämmerung, lauter Tschechow: Nichts geht mehr, aber alles bewegt sich noch, sie wissen nur nicht mehr: Warum und wohin. Sinnhaftigkeit und Hoffnung lassen sich nur noch von dünkelumflorter Ignoranz ausmachen. Der riesige Schreibtisch des alten Genossen behauptet Bedeutung – und erzählt doch das Fortschreiten des individuellen Verfalls: Da ist die Kassette, in die der Mann sorgfältig die offiziellen Grußadressen des Zentralkomitees aus dem „Neuen Deutschland“ ablegt, sie werden kleiner mit den Jahren.

Bruno Ganz ist die Mitte der Geschichte, er ist es als Figur und er behauptet diese Mitte als Schauspieler mit einer atemverschlagenden Souveränität. Wie er lacht, wenn er die Orden, nach denen es ihm doch verlangt, entgegennimmt mit dem Satz, er habe schon genügend „Blech im Karton“, es ist diese laute Selbstgewissheit eines Mannes, der weiß, dass alle einstimmen werden, wenn er lacht. Wie er jeden Blumenstrauß mit dem ewig gleichen Spruch „Bring das Gemüse zum Friedhof“ kommentiert, als behelligte ihm, was er doch braucht. Wie er leutselig-jovial den Gesang der Jungen Pioniere Freundlichkeit spendiert, die die „Partisanen vom Amur“ aufmarschieren lassen als ein leeres Ritual, ein Ritual, das den Alten leuchten lässt. Wie er die Ignoranz dieses Alten an der Grenze zur Senilität balanciert und ihm doch eine Art von Würde schenkt, der ein Hauch Tragik eingeschrieben ist. Was für ein Schauspieler.

Sylvester Groth, sein Sohn. Ein Mann wie aus Asche gemacht, so grau, so leer, er weiß, es gibt keinen Ausweg mehr und er kann nicht anders als scheitern, weil es in der Konsequenz seines Lebens liegt. Als der Student den alten Powileit fragt, warum er damals, nach dem Gulag, in die DDR ging, da sagt er leise „Wohin sonst?“. Vor einigen Jahren hätte er das wohl laut und selbstgewiss gesprochen, das war einmal eine Selbstverständlichkeit, jetzt klingt es wie eine Erklärung, wie eine Frage, es ist die Resignation zum Ende hin.

Evgenia Dodina, seine Frau. Sie hat alles ertragen, den Krieg, das Leben danach, sie hatte Gründe zum Leben. Jetzt hat sie ein zerfallendes Gesicht, das dabei ist, seine Konturen zu verlieren und seine Schönheit als Erinnerung bewahrt, jetzt ist sie hart und leer und trinkt, sie hat ihren Sohn verloren und das Leben. Jetzt hat sie keine Gründe mehr für das Leben.

Und Hildegard Schmahl, die alte Frau des alten Genossen. Klüger als er, souveräner. Und deshalb verzweifelt. Sie lebt die Erinnerung an das mexikanische Exil, eine Art von hochmütiger Grandezza. Auch sie verloren, auch sie am Ende. Mit welcher Sorgfalt sie das Haar bürstet, ein Rest von Würde. Im Bett liest sie „Anna Karenina“, das Buch, dessen erster Satz von Glück und Unglück der Familien handelt.

Und all die Geburtstagsgäste, hochklassige Statisterie mit heiteren Einschüben, wer sich erinnert.

Ein Film voller morbider Schwermut, ein Film vom inneren Zerfallen, vom leisen Zerbröseln des Landes DDR. Ich erinnere keinen besseren Film zu diesem Thema.

Henryk Goldberg

Bild: © X-Verleih


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