Jud Süß – Film ohne Gewissen

Die Frau steht am dunklen Fenster, am Himmel die Bomber. „Nimm mich Jude“ fordert sie von dem Mann hinter ihr. Es geschieht. Es ist die beste Szene dieses Filmes – und sie beschreibt, warum er scheitert.

Jud Süss war der perfideste Film der nationalsozialistischen Propaganda und er war es, weil alle Beteiligten einen, wie man so sagt, erstklassigen Job machten. Keine primitive Propaganda, sondern eine antisemitische Hetzorgie auf hohem künstlerischen Niveau. Diese Kunst war tatsächlich Waffe, das war ihr Zweck und sie hat ihn erfüllt, besser als jeder andere Film. Der Regisseur Veit Harlan wurde nach dem Krieg rehabilitiert, den prominenten Schauspieler wenig nachgetragen. Nur Ferdinand Marian, der Darsteller des Süß Oppenheimer bleibt gleichsam der ewige Jude der Filmgeschichte, denn er gab dieser Gestalt sein Gesicht und sein Talent. Dass er 1946 bei einem Autounfall ums Leben kam, trug wohl dazu bei, die Erinnerung an ihn auf dem damaligen Stand einzufrieren.

Im Dort und Damals will ihn Oskar Roehler für uns abholen. Und scheitert, weil er einen spannenden Film machen wollte, ein Melodram. Und weil ihn auch an dieser Figur interessiert, was ihn immer interessiert, die sexuellen Obsessionen des Menschen und die Macht, die diese über ihn gewinnen.

In der eingangs beschriebenen Szene will die Frau eines Lagerkommandanten eine Situation aus Jud Süss nachspielen, nachempfinden. Sie will, dass der Darsteller des Juden ihr den Juden macht, sie will unterworfen werden, will die Lust, die Gewalt. Auch Marians Frau (Martina Gedeck), sonst zurückhaltend und kühl, präsentiert sich einmal in transparenter schwarzer Wäsche und fordert Sex – nachdem ihr Mann im Ghetto war, wo sie sich mit jüdischen Komparsen versorgten: Als wolle Roehler auch das Publikum der Verstrickung von Sexualität und Gewalt aussetzen. Das ist eine Psychologie mit vielen Facetten, das sind die Szenen mit der stärksten Energie, weil Roehler hier ganz bei sich ist, weil die Situationen stimmig gedacht und gespielt sind. Aber es ist nicht das Thema.

Das Thema, das eigentliche Thema eines Filmes über Ferdinand Marian formuliert Goebbels: „Ich will einen künstlerischen Film.“ – und er bekam ihn. Das Thema wäre also die Verführung durch Erfolg, durch das Angebot, Talent ausleben zu können. Roehler aber erzählt einen Schauspieler, der beinahe nichts dazu kann. Er schenkt seinem Marian, um die Figur zu retten, eine Vierteljüdin zur Frau, er lässt ihn einen jüdischen Kollegen verstecken, vom dem er später angeklagt wird – und wir sollen empfinden, wie ungerecht das ist.

Selbst wenn man respektiert, dass ein Spielfilm erfinden darf, so bleibt doch die Geschichte eines Mannes, die wenig erzählt, außer ihrer eigenen Melodramatik: Ein Mann tut, was er eigentlich nicht will, um seine Frau zu schützen, zu retten vor dem Schicksal einer Jüdin in Nazideutschland. Zu einer solchen Konstellation kann man nur einverständig nicken.

Roehler konzentriert auf das Duell von Ferdinand Marian und Joseph Goebbels, zwei Männer, in denen sich Macht und Sexualität verbindet, das ist sein heimliches Thema. Tobias Moretti spielt Marian als ängstlichen, getriebenen Mittelklasse-Umleger, der sich um seinen Status sorgt. Moritz Bleibtreu ist als Goebbels eine handwerklich erstklassige Knallcharge, die viel Spaß macht – und nicht einen Moment Ernsthaftigkeit erzeugt. Das ist gleichsam die Übersetzung der historischen Figur in unsere Perspektive – aber da sich diese Kunstfigur in einer realen Handlung behaupten muss, ertrinkt sie in belangloser Heiterkeit.

Oskar Roehler wollte seinem alten Affen Angst neuen Zucker geben. Das kann man durchaus verstehen: Aber es ist der falsche Stoff dafür.

Text: Henryk Goldberg

Bild: Jud Süß – Film ohne Gewissen,  © Concorde Filmverleih GmbH



© Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz


Information:
(via Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern, ein Projekt des Deutschen Historischen Instituts, Washington, DC)

Der antisemitische Spielfilm Jud Süß wurde 1939 von Joseph Goebbels persönlich in Auftrag gegeben und dessen Produktion von ihm überwacht. Das Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Roman Lion Feuchtwangers von 1925, verfälscht den Romanstoff allerdings zu rassistischem Propagandamaterial. Die Handlung beruht auf historischen Tatsachen, nämlich der Geschichte Joseph Süß Oppenheimers (1692-1738), des jüdischen Finanzberaters des Herzogs von Württemberg, der zunächst am Hof aufstieg, nach dem Tod seines Gönners jedoch in Verruf geriet und hingerichtet wurde. In der Filmversion wird die Figur Oppenheimers zur Verkörperung aller antisemitischen Stereotype wie Habgier, Hinterlist und Feigheit stilisiert, er versucht, sich an „arischen“ Frauen zu vergehen und wird als Teil der „jüdischen Weltverschwörung“ dargestellt. Regie führte Veit Harlan (1899-1964), der sich bereits zuvor als Regisseur regimetreuer Propagandafilme bei den Nationalsozialisten angedient hatte. Bekannte deutsche Schauspieler wie Heinrich George, Ferdinand Marian und Harlans Frau Kristina Söderbaum spielten die Hauptrollen. Auf dem hier gezeigten Szenenfoto ist Ferdinand Marian als diabolisch inszenierte Titelfigur zu sehen. Im September 1940 wurde der Film bei den Festspielen in Venedig vor begeistertem Publikum uraufgeführt, bevor er am 24. September des Jahres in die deutschen Kinos kam. Der Film war ein großer Publikumserfolg, der die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten mit Unterhaltungswert vermittelte. Für die gesamte SS und Polizei wurde er zum Pflichtprogramm erklärt, ebenso wie für die nicht jüdische Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten im Osten, um diesen die Notwendigkeit der fortlaufenden Deportationen von Juden zu vergegenwärtigen.

Veit Harlan musste sich nach dem Krieg wiederholt vor Gericht für seine Propagandafilme verantworten, wurde jedoch letztlich von allen Anklagepunkten freigesprochen und konnte weiterhin als Regisseur arbeiten.

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