American Beauty (Sam Mendes)

Die Schönheit von Laub

Alan Ball, ein Mann, der noch nie ein Script für einen Kinofilm geschrieben hatte, ging mit seinem Drehbuch zu den Produzenten. Die engagierten mit Sam Mendes einen erfolgreichen Theaterregisseur, der noch nie einen Film inszeniert hatte. Dann gingen sie zu DreamWorks, zu Steven Spielberg also. Und gemeinsam warfen sie die Maschinerie in Gang:

Wenn Ricky Fitts nicht gerade Drogen verkauft oder von seinem Vater verprügelt wird, dann dreht er Videos. „Willkommen im schrägsten Homevideo Amerikas“ murmelt er einmal, da filmt er Lester Burnham (Kevin Spacey), der hinterm Fenster Hanteln stemmt, weil er mit der Freundin seiner Tochter schlafen will.

„American Beauty“, das ist auch eine Rosensorte. Sie strömen aus Angelas T-Shirt, wenigstens in Lesters sexuellen Halluzinationen, die dieses Mädchen auf und unter Rosen betten, so träumt er Schönheit. Angela („Wenn fremde Männer mich ficken wollen, heißt das, ich habe eine echte Chance, Model zu werden“) ist eine kleine Schlampe, die das Leben kennt. Und also sofort begreift, dass der Vater ihrer Freundin lang nicht mehr mit seiner Frau geschlafen hat. Carolyn, die Gattin, benutzt eine Gartenschere, deren Griff eine Farbe aufweist, die mit der ihrer Clocks harmoniert. Wenn Lester mit ihr schlafen will, weil ihn die morgendliche Masturbation unter der Dusche nicht mehr genügt, dann sagt Carolyn „Lester, gleich verschüttest du das Bier auf der Couch“.

Das Bemerkenswerteste an diesem Streifen ist, wie Mendes beinahe schon dreist alle Klischees der weißen amerikanischen Vororte versammelt und daraus einen guten, unterhaltenden Film zu fertigen vermag. Der abgeschlaffte Vierziger, der mit der Freundin seiner schulpflichtigen Tochter schlafen will, und es schließlich doch nicht tut, weil er ein anständiger Kerl ist; die frustrierte Gattin, die sich zu dem erfolgreichen Schönling legt, die pubertierende Tochter, die das alles anödet; die kleine Schlampe, die eigentlich nur einsam ist und Jungfrau obendrein; der militante Schwulenhasser, die Schwulen, die das einzige normale Paar sind – alles verschlissene Klischees, alles verbrauchte Muster.

Und dann dieser Film. Es liegt wohl daran, dass alle statistisch bemerkenswerten Verhaltensmuster in der Abstraktion zum Klischee erstarren. Und dann muss einer kommen und diese Klischees, die sich am Leben ausgebildet haben, wieder, gleichsam in umgekehrter Richtung, mit Leben auffüllen. Sam Mendes ist so ein Regisseur, Annette Bening und Kevin Spacey sind solche Schauspieler.

Sam Mandes inszeniert in sorgfältig auf das Wesentliche reduzierten Bildern, in langen, gelassenen Einstellungen, die seinen Schauspielern für Momente die Konzentration des Theaters gönnen. Natürlich ist dies auch, trotz alledem, ein versöhnlicher, ein harmonischer, ein unterhaltender Film. Lester, lautet die Botschaft, ist ein Arsch wie du und ich. Aber du kannst es schaffen. Du mußt ja nicht gleich sterben.

Autor: Henryk Goldberg
Text: erschienen in Filmspiegel

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