Hetzjagd

„Barrabas kam auf dem Seeweg in die Familie“, geht der erste Satz des Buches und der letzte auch. Zwischen den beiden Sätzen hat Isabel Allende bald sieben Jahrzehnte erzählt. Diesen Satz schreibt die kleine wundersame Clara in ihr Heft, am Ende wird ihn die Enkelin in den Aufzeichnungen der verstorbenen Großmutter lesen. Im Film von Bille August ist es die Tochter. Das merkt wohl nicht, wer das Buch nicht kennt. Was er hört, ist die geisternde Stimme aus dem Off „Im Laufe der folgenden zwanzig Jahre…“. Das ist eine gediegene Arbeit mit schönen Bildern – aber ihnen fehlt, was den Roman auszeichnet: das Geheimnis. Bille August hat, was bleibt ihm übrig, mit einem erbarmungslosen Zeitraffer gearbeitet, er musste die tragenden Handlungsmotive erhalten. Der Verlust sind die Fugen zwischen den Erzählblöcken, die der Roman mit Atmosphäre füllt. So entsteht eine gediegene Hetzjagd durch die Zeit. Meryl Streep ist die einzige Figur, deren Geheimnis der Film nicht zerstört, sie vermag gleichsam sanft ins Jenseitige zu lächeln. Es gibt Romane, die sind nicht zu verfilmen, nicht auf ihrem Niveau. „Das Geisterhaus“ gehört wohl dazu.

Text: Henryk Goldberg

Bilder: Constantin Film

Das Geisterhaus (D, DK, P 1993)

Regie: Bille August

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