Zwischen Zwetschgen zwitschern

Sie habe, sagt die Gattin dem Gatten, seinen Antrag damals angenommen, weil sie dachte: Er stottert so wunderschön, sie werden ihn in Ruhe lassen.“ Aber sie lassen ihn nicht in Ruhe. Sie machen den Stotterer zum König des Vereinigten Königreiches sowie zum Kaiser von Indien. Stottern ist nicht lustig, wenigstens nicht für den, der damit geplagt ist. Ein Volk, das mit einem stotternden König geplagt ist, wird das genießen, wenn es den König für entbehrlich hält. Und dennoch verdankt sich die Popularität der britischen Monarchie zu beträchtlichen Teilen jenem Stotterkönig. Georg VI., der die Krone 1936 von seinem Bruder übernahm, dem das offiziell sanktionierte Ehebett mit einer geschiedenen Amerikanerin wichtiger war als Englands Thron, war König der Briten während des 2. Weltkrieges und er blieb in London, als die deutschen Bomben fielen. Es mag dem Umstand dieser Popularität geschuldet sein, dass Tom Hoopers Film The King’s Speech (Die Rede des Königs und gleichzeitig die Sprechweise des Königs) vollkommen unpolitisch ist. Es ist ein Film über die Monarchie und die Macht im beginnenden Zeitalter der Medien, ein Film über eine Männerfreundschaft.

Und es ist vor allem ein Film zweier Schauspieler. Colin Firth und Geoffrey Rush duellieren sich hier in einem Kammerspiel, wie es das Kino nicht oft bietet. Colin Firth, der König, ist als bester Schauspieler für den Oscar nominiert, Geoffrey Rush, der Sprachlehrer, erhielt die Nominierung als bester Nebendarsteller, obgleich sie sich wenig nehmen. Aber das ist eine gute Entscheidung, denn so konkurrieren sie nicht miteinander und könnten beide gewinnen. Und das sollten sie wohl auch.

Mein Schloss, meine Regeln dekretiert Lionel Logue. Der Mann ist ein gescheiterter Schauspieler aus Australien, der einst traumatisierten Soldaten die Sprache wieder gab. Manchmal spricht er vor, bei kleinen Amateurtruppen. Aber sobald er sein Nun ward der Sommer unsres Mißvergnügens… geknödelt hat sagen sie Danke und schicken ihn nach Hause. Dort wartet seine größte Aufgabe auf ihn: Seine Königliche Hoheit. Der Herzog von York.

Mein Schloss, meine Regeln sagt der gescheiterte Gaukler zur Hoheit. Was heißt, hier wird nicht geraucht, hier wird nicht Hof gehalten. Was heißt, Seine Königliche Hoheit heißen hier schlicht Bertie. Und müssen Zwischen Zwetschgen zwitschern was deutlich schwerer ist als das Es grünt so grün vom Professor Higgins zu singen. Dafür ist Mr. Logue nicht einmal promoviert. Aber Hoheit können schon einmal singen, da kommen die Worte leichter. Und wenn gar nichts mehr geht, können Hoheit die Gosse in den königlichen Mund nehmen und so ist der Schauspieler aus Australien wohl der einzige Untertan des Commenwealth, der weiß, wie sich Ficken und Scheiße anhören im königlichen Munde.

Aber königlich sind beide, Colin Firth und Geoffrey Rush. Tom Hooper, der Regisseur weiß, was er an ihnen hat, dass diese beiden sein Kapital sind. Der Film um die beiden Schauspieler herum ist gediegen und gleichsam diskret, very british. Und er tritt, sozusagen, achtungsvoll zurück vor den beiden Hoheiten.

Der Herzog erzählt seinen Kindern, eines davon kennen wir als Elizabeth II., eine Gute-Nacht-Geschichte. Kein glänzender Erzähler, aber ein liebender Vater. Er konzentriert sich, stockt, setzt wieder an, es geht. Aber in der Öffentlichkeit nicht. Da kämpft und leidet er, schluckt und würgt die Worte aus dem Hals. Wenn Colin Firth spricht, dann scheint das Gesicht zu schwellen durch den Druck im Kopf, durch die Anstrengung des Sprechens. Stotterer auf der Bühne, und dieser Film bieter eher eine Bühne als eine Leinwand, Stotterer also sind häufig komische Erscheinungen. Colin Firth betreibt mit dieser Leistung nicht nur Sympathiewerbung für die Monarchie, er könnte damit auch für einen Verband der Sprachgeschädigten werben, so seriös, so ernsthaft, so subtil ist das. Und so sanft heiter zugleich.

Geoffrey Rush ist der Sprachlehrer, australische Rauheit vermengt mit britischer Skurrilität, ein Republikaner, der das Knie nicht beugt und doch nicht unbeeindruckt bleibt von diesem Herzog und König, dem er begegnet mit hagestolzen Respekt. Und dem er, um diesen Respekt vor sich zu legitimieren, immer mal wieder sagen muss, wie gleich sie doch sind. Hier klären gleichsam das selbstbewusste Bürgertum und die aufgeklärte Monarchie die Bedingungen ihres Auskommens. Das Partnerspiel, das immer auch eine Konfrontation ist, der beiden Schauspieler, das ist der Film. Wenn George VI. seine große Rede halten muss zum Ausbruch des Krieges, dann ist das inszeniert wie Showdown, wie der Gang zum Richtblock, wie der Weg des Boxers in den Ring. Geoffrey Rush dirigiert die Rede des Königs, gibt die Impulse, den Einsatz. Und der König hält die Rede nur für ihn, für den Freund.

Und dann sagt der König endlich Mein Freund zu dem verkrachten Schauspieler. Und der Republikaner nennt Bertie Eure Majestät.

So sind Männer


Text: Henryk Goldberg

Bild: The King’s Speech – Filmplakat, (© Central Film / Wild Bunch)

Text erschienen in Thüringer Allgemeine, 19.02.2011

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