Ein schöner Wohlfühl-Film
Hüseyin wird Deutscher, nach 45 Jahren Deutschland. Das, erklärt ihn der Beamte, stellt Anforderungen: Zweimal die Woche Schwein, jeden Sonntag „Tatort“, alle zwei Jahre Urlaub auf Malle. Und immer im Schützenverein.

Nein, so ist es nicht. Der alte Türke, der Deutscher werden soll, hatte nur einen Albtraum. Das ist nur ein Trick. Der Film der beiden deutsch-türkischen Schwestern Yasemin und Nesrin Sambereli hat noch einen anderen, wunderbaren Trick: Die Türken, wenn sie ins Land kommen, verstehen Deutsch so wie die Deutschen Türkisch: Als unverständliche Ansammlung sehr merkwürdiger Laute, denen kein kultivierter Mensch einen Sinn zu unterlegen vermag. Das klingt so wie Chaplins Hynkel-Hitler und es ist nicht nur ziemlich lustig, es vermittelt unangestrengt die Perspektive.

Der allergrößte Trick des Filmes aber ist eben diese Heiterkeit. Das ist ein Alles-wird-gut-Film über ein Thema, die Integration der Türken in Deutschland, bei dem in absehbarer Zeit keineswegs alles gut sein wird. Aber in einer Situation, in der diese Fragen als Tragödien verhandelt werden, darf es auch einmal den Gegenentwurf geben, die Glückspilze. Und es gibt wohl auch so etwas wie eine Sehnsucht nach diesem Gegenentwurf. So sollte „Almanya – Willkommen in Deutschland“ wirklich willkommen sein in Deutschland und ein erster Anwärter auf den nationalen Filmpreis. Das wäre dann der Kompromiss aus gesellschaftlichem Kontext und filmischer Qualität.

Denn der Film ist wirklich lustig, auch wenn er seinen aufklärerischen Impuls nicht verleugnen kann. Der Enkel, die dritte Generation in Deutschland, wird auf dem Schulhof weder in das deutsche noch in das türkische Team gewählt, er sei schließlich nichts so richtig. Und also erzählt ihm seine Cousine die Geschichte der türkischen Arbeitsimigration. Das hat etwas von kreativ gestalteter gymnasialer Aufklärung, alle notwendigen Punkte werden abgearbeitet. Dann aber kommt die Geschichte in Gang, die Großfamilie fährt in die Türkei, die eben nur noch ein Stück der Heimat ist. Dort haben sie den Jungen einst gewarnt, in Deutschland würden sie Schweine essen, – und Menschen. Ihr Ziel sei ein toter Mann am Kreuz „und am Sonntag treffen sie sich in der Kirche und essen von ihm.“

Der Film ist nicht nur lustig, er hat, bei aller flotten Sprüchmacherei, auch einen wirklichen Sinn: Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Türken, erzählt, dass man Deutscher werden und zugleich Türke bleiben kann. Dass eine schlafen kann mit wem sie will und dennoch ein gutes türkisches Mädchen bleiben darf. Dass dies hier so fröhlich einfach scheint, das ist auch ein Teil des Erfolges.

Text: Henryk Goldberg

Text erschienen in Thüringer Allgemeine, 15.03.2011

Almanya – Willkommen in Deutschland, Yasemin und Nesri Samderelis (Deutschland 2011)

Bilder: Concorde

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