8 Frauen (François Ozon)

Schnee im Goldrahmen oder: Die wunderbare Schönheit des Zickenfaktors

Diese Schönheit. Ein traumhaftes altes Haus. Ein traumhaft reiner Schnee. Ein traumhaft schönes Reh. Und acht traumhaft gute Frauen. Es ist zu schön, um wahr zu sein, doch ist diese Künstlichkeit auch zu deutlich, um zu lügen: Sie will bemerkt und in ihrer eigenen Schönheit gewürdigt werden. Später, wenn wir im Inneren des Hauses sind, wird die Kamera immer wieder durch die Fenster nach außen blicken. Sie wird uns immer wieder den weißen Schnee zeigen, der durch die Fenster erscheint wie im Goldrahmen gefaßt. Und so wie den schönen Schnee präsentiert dieser Film auch seine wunderbaren Schauspielerinnen: Eine natürliche Schönheit gefaßt in einen artifiziellen, ironischen Rahmen. Das beläßt der Natur nicht nur ihre Schönheit, es ergänzt sie vielmehr um die Schönheit der Ironie, des Geistes.

Franois Ozon hat einen wunderbaren Film gemacht, der sollte der Sommerhit sein für Leute einer bestimmten Provience. Es sollten Leute sein, für die hochklassige Schauspielerei eine Sache ist, die auch um ihrer selbst betrieben werden kann. Und Leute, die verstehen, dass Schönheit bis zu einem gewissen Grade auch eine Frage der Intelligenz ist. Für solche Leute ist dieser Film ein solitäres Vergnügen.

Der einzige Gedanke des Theaterstückes von Robert Thomas in den späten Sechzigern auch in Erfurt inszeniert, ist der, dass es zu viele Schauspielerinnen für zu wenige Rollen gibt. Mit 8 Frauen konnte man an einem mittleren Haus das ganze weibliche Personal beschäftigen, das brachte Ruhe ins Ensemble. So ist dieses Stück, und damit der Film, der auf ihn basiert, schon durch seine bloße Existenz ein Beitrag über den Zickenfaktor in der weiblichen Schauspielerei.

Ist der Krach zu Ende? fragt Isabelle Huppert spitzmundig, da haben drei ihrer Kolleginnen gerade ein schönes Lied gesungen über den etwas altmodischen Papa. Der, so hören wir, wird ermordet, und eine der acht Mädchen muss es gewesen sein, Frau, Töchter, Schwiegermutter, Schwester, Schwägerin, Dienstmädchen, Köchin. Sie können das Haus nicht verlassen, die entscheidenden Kabel für Telefon und Auto sind zerschnitten. Indem die Huppert so auftritt, so mit dieser spitzmäusigen Zickigkeit, mit dieser sich sanft selbst ironisierenden Stutenbissigkeit, schlägt sie schon das eigentliche Thema an: der Wettbewerb der Mädels. Denn Franois Ozon weiß natürlich, dass die Story nichts als ein Vorwand ist, die nicht psychologisch grundiert werden muss. Die Damen brauchen etwa drei Minuten, dann ist der Tod des Mannes kein Drama mehr, sondern ein Grund zum Zicken. Der Regisseur hat, was unter anderen Umständen als suizidale Leichtfertigkeit gelten müßte, acht Schauspielerinnen zusammen getrieben, von denen jede einzelnde ein Star ist, der einen Film allein zu tragen vermag und dies auch schon tat: Ludivine Sagnier, Virgine Ledoyen, Catherine Deneuve, Danielle Darrieux, Isabelle Huppert, Firmine Richard und Emmanuelle Bart dazu Fanny Ardant. Die Damen werden beim Dreh manierlich miteinander umgegangen sein und sie werden einander bekämpft haben bis aufs Messer: mit den Mitteln der Schauspielerei. Die Lust daran ist ihnen anzusehen und es ist die Lust an diesem Film. Ozon hetzt seine Damen gegeneinander wie die Gladiatoren, aber er weiß, dass jede die gleiche Chance braucht. So bekommt jede ihren Auftritt und ihr Lied. Diese Lieder, naiv wie in den Musikfilmen der sechziger Jahre, sind, merkwürdig genug, nicht nur wunderbar sie sind auch das authentischste an diesem Film. Wenn die Deneuve ihr Lied singt von den Pelzen zu ihren Füßen, dann tanzt sie so vorsichtig, so tastend, so hilflos-ängstlich beinahe, als frage sie sich, was sich für die einstige Schöne des Tages noch schicken mag. Isabelle Huppert, die herrlichste, die wundermächtigste unter den Frauen singt ihr Lied am Klavier eben noch war sie die wunderbare Klavierspielerin. Emmanuelle Beart wirft die Beine etwas zu heftig, es ist, als karikiere sie ihre eigene Rolle als Verführerin. Die Schauspielerinnen veranstalten nicht nur ein fröhliches Filmeraten, sie zitieren sich selbst, mit einem Lächeln. Sie zelebrieren, das ist Regie, die schöne, gewollte Künstlichkeit dieses Filmes, sie halten etwa, wenn das Telefonkabel zerschnitten ist, dieses demonstrativ in die Höhe, als zeigten sie alle zerschnittenen Telefonkabel aller Who-done-it-Filme.

Der kunstvoll sensiblisierte Zickenfaktor ist die eigentliche Lust dieses Filmes. Es ist allerdings wie im Zirkus: Der Genuss an der gemischten Raubtiergruppe basiert auf der Verläßlichkeit des Gitters.

Autor: Henryk Goldberg

Bild: Constantin

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere