Außer Atem

Ein sozial engagierter Videoclip

Das ist ein sehr merkwürdiger Film. Ein Film wie Pulp Fiction in den Farben eines engagierten Dokumentarfilmes. Es wird eben so beiläufig getötet und gestorben, nur, dass es nicht so lustig ist. Es ist die weltweit gefeierte Arbeit eines handwerklich versierten Werbefilmers, dessen Sujet hier eine der Favelas von Rio ist, das perspektivlose Leben der Straßenkinder darin. Und die Merkwürdigkeit dieses Filmes besteht womöglich darin, dass er selbst keine Perspektive hat. Quentin Tarantino hat den Pulp, den Schund selbst zum ironisch funkelnden Sujet erhoben, das ist eine Haltung. Fernando Meirelles hat, im künstlerischen Sinne, keine Haltung. Er tut, was ein Regisseur von Videoclips zu tun pflegt, er umgibt seinen Figuren mit möglichst eindrucksvollen Bildern auf der Höhe der technischen Standards. Aber er interessiert sich nicht für diese Figuren. Und deshalb lernen wir sie nie richtig kennen. Wir sehen nur ihre Umrisse. Die Figur Löckchen, die als Kind ein richtiger Gangster sein will und deshalb in einem Bordell grinsend die Huren und ihre Freier erschießt, und später, als die Figur Locke, selbst von Kindern erschossen wird. Die Figur Stecher, die ein friedlicher Schaffner ist, bis seine Freundin vergewaltigt wird und ein Rachefeldzug einsetzt, bis auch Stecher durch die Kugeln eines Kindes stirbt.

Am Anfang ist ein Huhn, das nicht geschlachtet werden will und aufgeregt durch die Stadt Gottes flattert, gejagt von einer Meute bewaffneter Kids. Dann gerät es zwischen die Räder eines Autos: So hoffnungslos ist es hier. Und Fernando Meirelles lässt nicht erkennen, dass ihn dieses Huhn, das ein sehr schöner Effekt ist, weniger interessieren könnte als das Kind aus der Zwergenbande, das von einem anderen Kind erschossen wird. In der Perspektive dieses Filmes sind sie alle Hühner. Und wir sehen sie rennen. Das meint selbstverständlich nicht, dass dem Regisseur diese Kinder gleichgültig seien, aber es meint schon, dass ein Spielfilm etwas anderes ist als ein in die Länge gestreckter Videoclip mit seinen Effekten, in denen die Darsteller nur ein Teil des mit Raffinement digital getunten Bildes sind. Und es meint, dass die Figuren eines Spielfilmes dem Zuschauer etwas näher kommen sollten als die eines Clips. City of God hat einen atemlosen, hechelden Rhythmus, aber so atemlos wie die Bilder scheint auch ihr Regisseur. Die viel gerühmte Authentizität dieses Filmes ist eine Qualität, aber eine nachgeordnete, wenn hinter ihr der Regisseur verschwindet. Der hat Bilder und Effekte, aber er hat keinen geistigen Entwurf für sie und seine Figuren. So ist Fernando Meirelles mit seinen Laiendarstellern die Erfindung des sozialen Videoclips gelungen.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben Oktober 2002

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

Bilder: Constantin Film

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