Der Soldat James Ryan (Steven Spielberg)

Im Westen was Neues

Steven Spielbergs Film wird nicht Geschichte machen, nur Eindruck

Der alte Mann kniet vor dem weißen Kreuz. Es ist eines von Tausenden, und es steht für einen, den er kannte. Dann fragt der Alte, Tränen in den Augen, seine Frau „War ich ein guter Mann?“. Ihre Antwort wird ihm sagen, ob das alles einen Sinn hatte, damals. Captain Miller, es war an der Brücke, hatte es ihm gesagt: „Machen Sie was draus“. Und Winston Churchill schickte ein Telegramm an Josef Stalin: „Alles hat gut begonnen“. Der alte Mann weiß es besser, er war dabei.

Das Boot geht schwer in der Dünung. Die Männer starren nach vorn, einige beten. Vorn ist die Küste. Und es kommt nicht darauf an, ob einer ein guter Soldat ist oder nicht, heute spielt der Tod Roulette. Sie stehen auf der Verlustliste und sie wissen es: Sie sind die erste Welle. „Dreißig Sekunden“, sagte einer, und „Gott mit euch“. Dann kommt der Strand.

Die Ersten fallen noch im Boot, und das Sterben hat einen Ton, wenn die Kugeln sich in die Körper saugen. Die Anderen suchen Schutz im Meer. Langsam vollenden die Geschosse ihre Bahn im Wasser, wenn sie lautlos die sinkenden Menschen einholen, deren Blut sich mit dem Meer vermischt. Einige pressen sich, Säuglinge, die die Mutter suchen, gegen die schmale Deckung der Panzersperren, als wollten sie eins werden mit ihnen, als wollten sie unkenntlich werden für das heranjaulende Metall. Aber wer den Strand erreicht stirbt vielleicht, wer hier bleibt, gewiss. Und wer die Minute überlebt, ist ein glücklicher Mann. Der, der brüllend seine aufquellenden Gedärme sieht, nicht. Der vielleicht, der mit gläubigem Staunen seinen Helm abnimmt, an dem eben ein Schuß abprallte mit klingendem Geräusch. „Glück gehabt“, sagt einer, wärend der Glückliche seinen Helm betrachtet, es muß wohl ein Gott sein da oben. Die nächste Kugel trifft wieder den Kopf. „Sei nicht fern von mir, mein Herr“ betet einer, dann schießt er auf die Feinde am MG dort oben. „Nicht schießen, laßt sie verbrennen!“ ruft ein anderer, als die zappelnden Fackeln aus dem MG-Nest herabstürzen.

Ein tiefes Schweigen ist über dem Inferno explodiert. Die Wellen, die noch immer gegen den Strand brechen, bewegen gleichgültig Männer und Fische. „Dock one is open“ meldet Captain Miller. Einer sammelt Erde in eine kleine Blechschachtel, „France“ steht darauf. Es ist Dienstag, der 6. Juni 1944 und in dem Telegramm, das der Premierminister Seiner Majestät an diesem Tag an den Vorsitzenden des Rates der Volkskomissare senden wird, heißt es: „Die Minen und Hindernisse sind weitgehend überwunden“. Im Westen was Neues.

Diese zwanzig, dreißig Minuten, das ist es. So hat Krieg noch nicht erlebt, wer ihn nicht erlebte. Die Kamera von Janusz Kaminski taumelt wie im hallzunierenden Delirium. Sie stürzt mit den Männern ins Wasser, sie drückt sich mit ihnen in die Deckung, sie stürmt mit ihnen das Ufer, sie hechelt und sie kotzt und sie krepiert mit ihnen. Doch wenn sie fällt, steht sie wieder auf, sie ist ein überlebender, ein Zeuge. Glänzend geführt aus der Hand, verwischt, verrissen, das Material technisch manipuliert. Eine kunstvoll erzeugte Aura von dokumentarer Authentizität, verstärkt durch eine herausragende Tonspur: sicherer, unzweifelhafter als für Ton und Kamera kann ein Oscar nicht sein. Und näher an den Krieg, an die Trance zwischen Leben und Tod kamen wohl kaum noch Bilder. Die Grenze, die da noch bleibt, ist die zwischen der Imagination eines Zustandes und dem Zustand selbst. Es ist der Unterschied zwischen dem Tod der anderen und dem eigenen Sterben. Es ist der zwischen einem Kriegsfilm und einem Krieg.

Seit „Schindlers Liste“ will Steven Spielberg nicht mehr der geniale Spiellümmel sein. Er ist ein erwachsener Mann und befasst sich mit ernsthaften Dingen, dem Holocaust folgte (Amistad) die amerikanische Sklaverei, und nun der Weltkrieg. Die Ernsthaftigkeit seines moralischen Impulses ist wohl nicht zu bezweifeln, und doch, scheint es, hat er nicht die Haltung der Philosophen des Kinos, sondern das seiner Handwerker, deren bester er vielleicht ist. Und vielleicht war die Geschichte des Oskar Schindler ein singulärer Glücksfall für den Regisseur, der kein Philosoph ist. Er hat einen Stoff und macht einen perfekten Job. Das gibt hier Bilder vom Sterben, die man noch nicht sah, und es gibt, für den Rest, einen perfekten Kriegsfilm. Es gibt aber schon perfekte Kriegsfilme (Platoon, Full Metal Jacket) und es gibt eigentlich keinen wirklichen, inneren Grund, für weitere. Andere Gründe schon: Die Firma will Geld verdienen, der Regisseur will Kino-Weltmeister bleiben. Der Krieg, wie ihn nur ein Champion kann.

Und da Steven Spielberg das ist, erzählt er, mit Tom Hanks und Matt Damon, wie eine amerikannische Mutter an einem Tag drei Söhne an den Krieg verliert und wie ein General beschliesst, ihr den vierten zu retten und einen Suchtrupp befiehlt. Darüber – wie viele  Männer darf man opfern für den einen? – kommt die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Opfer in den Film. Indessen, er sagt, was man weiss, er zeigt, was man kennt, auf hohem Niveau.

Dieser Film wird nicht Geschichte machen, nur Aufsehen. Und hinterlassen wird er die Demonstration perfekten Handwerks, nicht Gedanken.

Es gibt eine Sequenz, die ist leise und eindringlich. Nach dem Sterben am Omaha Beach sitzen ein Dutzend Frauen vor ihren Schreibmaschinen. Sie könnten Geschäftsbriefe tippen, es sind aber die Todesbriefe an die Hinterbliebenen: Das ist es, was bleibt, Briefe, Filme. Dieses Bild markiert die Grenze, an der jeder „Anti-Kriegsfilm“ scheitern muss, und das um so entschiedener, je ernsthafter er an seinen moralischen Impuls glaubt.

Am Ende, es hat sich gelohnt, hat der alte Mann, der einmal Private Ryan war, ein gutes Gefühl, und wir mit ihm. Ein Antikriegsfilm, an dessem Ende ein melancholisches Behagen bleibt, muß einen Fehler haben.

Im Westen was Neues. Von Steven Spielberg.

Autor: Henryk Goldberg

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