Matrix (Andy Wachowski, Lana Wachowski)

Die leblosen Tode

Matrix – Jesus „Keanu“ Christ trifft Batman und Lara Croft

„Ich denke“, sagt der Mann in der Uniform, und er lächelt ein wenig dabei,“mit einer Frau werden wir fertig“. „Nein Lieutenant“, sagt der Mann mit der Sonnenbrille, und er lächelt kein bisschen dabei, „ihre Männer sind bereits tot“. Das stimmt nicht ganz, denn dann hätten wir ihr Sterben nicht gesehen. Und sie sterben so chancenlos wie die Gegner von Lara Croft und die Frau kämpft so schwerelos wie diese, sie lebt außerhalb der bekannten Physik. Es ist wohl Lara Croft. Aber auch das stimmt nicht ganz, obschon sich die Frau in einer Computersimulation befindet. Und der Mann mit der Sonnenbrille ist kein Mann mit einer Sonnenbrille, er ist eine Maschine. Und diese Maschine ist unbesiegbar. Es sei denn, es käme einer, der so kalt wäre wie Wyatt Earp, so beweglich wie Batman und so erwählt wie Jesus Christus. Er kommt und Morpheus ist sein Prophet. Und dann werden die Maschinen wünschen, sie könnten sich noch einmal in ein warmes Ölbad kuscheln.

Dies ist ein spannender, hoch unterhaltsamer Film. Und es ist ein Film der die Fähigkeit der Trivialkultur belegt, sich zum Zwecke der Produktoptimierung als Gedanke auszugeben. Denn dieser Film benötigt ein apokalyptisches Szenario, um eine, denn darum handelt es sich, neue ästhetische Qualität zu etablieren: Die intellektuelle Begründung, um eine Geschichte nach den Maßgaben der Videospiele erzählen zu dürfen. Die Maschinen, so erzählen Andy und Larry Wachowski, haben sich ihre einstigen Schöpfer unterworfen und ernähren sich, nun ja, von deren Bioenergie, wir wollen den Umstand unerörtert zu lassen. Und um die humanen Energielieferanten bei Laune zu halten, gibt es die gigantische Software „Matrix“, die den bioenergetisch verwerteten Menschen-Kühen der Zukunft auf der zerstörten Erde das Leben des Jahres 1999 als Computersimulation imaginiert. Nur Morpheus und seine Crew wissen darum, sie sind, im Sinne des Wortes, ausgestiegen. Manchmal begeben sich die Rebellen in die Welt der Matrix, ihre biologischen Körper bleiben zurück, nur ihr Geist in einer virtuellen Kopie des Körpers geht nach draußen. Der Rückweg führt über eine Telefonleitung, irgendwie digital. Doch niemand hat eine wirkliche Chance gegen die drei Maschinen, die aussehen wie FBI-Agenten, die wie Mafiosi aussehen, die wie FBI-Agenten aussehen und im Übrigen einen eher subalternen als herrschenden Eindruck verbreiten. Sie sind nicht zu schlagen, es sei denn, es käme einer… usw.

Das ist, in einem professionellen Sinne, ein intelligenter Film des Action-Genres: Er schafft sich seinen eigenen Mythos, einen Rahmen, der das, wovon das Genre lebt, die Action, die Stunts, motiviert, begründet. Die Wachowskis plündern dazu kühl den Supermarkt der tradierten Kulturen. Keanu Reeves wird, fern jeder Ironie, erwartet und verkündet wie der Messias, seine Freundin heißt Trinity, die Heilige Dreifaltigkeit der Christen, sein Prophet Morpheus, der griechische Gott des Schlafes und sein Schiff Nebukadnezar wie der babylonische König des Alten Testamentes, der sich von Daniel die Träume deuten lässt. Der Erwählte folgt, wie Alice ins Wunderland, dem weißen Kaninchen, er wird geprüft vom antiken Orakel – das steht in der Küche und sagt „Bingo!“, er trägt den langen schwarzen Mantel der kalten Männer aus dem Westen und am Ende wird er fliegen wie Batman.

Das ist gutes Entertainment, es hat jedoch ein intellektuelles Problem und ein ästhetisches. Die intellektuelle Irritation ist nicht von dem Film zu verantworten, der ist nur ihr Indikator. Denn es darf einigermaßen verwirren, wenn halbwegs intelligente Menschen nun gelegentlich dieses Werkes anheben, in den Blättern Philosophie zu halluzinieren, die unerträgliche Virtualität des Seins und so. Wenn dies die Ebene ist, auf der Perspektiven der Menschheit erwogen werden, dann haben wir sie verdient, die Ebene wie die Perspektive. Der Gedanke ist so neu nicht, dass „Die Welt am Draht“ hinge. Neu sind nur die Konsequenzen daraus und das ist das eigentliche Problem. Unter der Voraussetzung, dass die Realität, in der die Kämpfe dieses Filmes stattfinden, eine Computersimulation ist, eben die „Matrix“-Gaukelei der Maschinen werden die Stunts in die Situation eines Computerspiels versetzt. Das ermöglicht ihnen unlimierte Effekte, die tatsächlich sehenswert sind und die den Fortschritt der Computeranimation belegen, aber es nimmt den Kämpfen, so zu sagen, auch ein Stück Leben, ein Stück Wirklichkeit. Denn die Vereinbarung des Kinos, zu vergessen, dass Leben und Sterben nur eine technische Illusion sind, ist so nicht mehr einzuhalten, sie wird ersetzt durch die Vereinbarung des Videospiels: Es ist spannend, es macht Spaß, aber es ist nicht wirklich. Vielleicht wirken die Stunts deshalb, bei aller noch ungesehenen Perfektion wie leblos, wie leblose Tode: Es trennt sie nur noch wenig von Batman und dem Trickfilm.

Ein spannender Film, ein Durchbruch in der technischen Manipulation menschlicher Darsteller. Und ein Film, der die Möglichkeit anzeigt, das Kino in ein monströses Videospiel zu verwandeln. Am Ende aber wird sich der Mensch als Konstituante der bewegten Bilder behaupten wie er sich auch als die der gemalten Bilder behauptet hat.

Ein Film, sagen manche, über die Zukunft der Menschheit. Ein Film, sagen wir, über die Notwendigkeit, die Telefonzellen zu pflegen. Sie sind der einzige Weg aus der Matrix.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 1999

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere