Hannibal (Ridley Scott)

Gier essen Seele auf

Hannibal oder Das Schnaufen der Schweine

Es ist nicht sehr klug, gegen diese Frau zu intrigieren. Denn Dr. Hannibal Lecter liebt Clarice sehr, auf seine Weise. Und er beschützt sie, auf seine Weise. So kommt es, dass der Mann, der Clarice zu des Teufels Großmutter schicken wollte nun in des Teufels Küche kam. Der schneidet Gemüse, er prüft den Wein, dann bereitet er den Hauptgang. Sorgfältig öffnet er den Schädel, und entnimmt ihm ein Stück Hirn, das Fett in der Pfanne spritzt. Es handele sich, erläutert der Liebhaber eher seltener Essgewohnheiten, um jenen Teil des Hirns, der für das gute Benehmen zuständig sei. Doch der Mann, dessen Hirn in der Pfanne schmurgelt, hat sein gutes Benehmen nicht verlernt, er lebt noch. Der Koch gibt ihn ein weniges zu essen. Das ist gut, sagt der Mann, als er sein eigens Hirn verspeist. Das Nämliche müssen auch die Produzenten dieses Filmes gedacht haben, als sie das Nämliche taten: Das eigene Hirn verspeisen. Das Hirn dieses Stoffes und, vor allem, seine Seele.Jodie Foster und Jonathan Demme sind kluge Leute. Als sie das Buch lasen für diesen Film ahnten sie wohl, dass sich ihr Erfolg nicht würde fortschreiben lassen. Foster mag sich daran gestört haben, dass ihre Figur aus der Mitte an den Rand geriet, das stört uns auch. Demme mag geglaubt haben, dass Das Schweigen der Lämmer psychologisch beredter sei als das Schnaufen der Schweine, das glauben wir auch.

Gesicht wäre das falsche Wort. Mason Verger hat kein Gesicht, er hat nur eine danteske Landschaft auf der vorderen Seite des Kopfes, die so nur Hannibal Lecter entworfen haben kann. Der Mann ohne Gesicht sitzt im Rollstuhl, der einzige Überlebende unter Lecters Opfern. Jetzt steht er oben an der Rampe und will sehen, wie der Fleischer zerfleischt wird von den Schweinen, die eigens gezüchtet wurden für diesen Augenblick, für den der Entstellte lebt seit Jahrzehnten. Da kommt etwas dazwischen, es ist Clarice Starling, und irgendein Idiot schiebt den hilflosen Mann im Rollstuhl unter die Schweine. Die tun dann ihren Job, 24 Zähne pro Tier. Als ob die Löwen einen Mann zerfleischten in der Arena.

Ridley Scott ist mit seinem Gladiator, was schon schlimm genug ist, im Rennen um den Oscar. Und wie in der Arena inszeniert er auf Straßen und in Küchen: Schöne, morbide Bilder, die immer den Eindruck zu erwecken suchen, als wäre in ihnen etwas Geheimnisvolles aufbewahrt. Einen Eindruck, den Männer als Hochstapelei offenbaren, die die Körper anderer Männer öffnen. Es droht nicht, es dröhnt.

Hannibal Lecter hat sich als Kurator eines Museums in Florenz niedergelassen. Florenz ist ein guter Ort für derlei Geschäfte, Michelangelos David, Borgias Lucrecia. Clarice Starling hat ein Problem beim FBI, Misserfolge, Intrigen. Mason Verger will Hannibal Lecter und Clarice Starling findet ihn. Ein florentinischer Inspektor auch, der will die Belohnung, er wird einige Meter über den Straßen von Florenz enden, einen Strick um den Hals und die Eingeweide vor dem Bauch. Das zunehmende Aufkommen an Blut kommt von der zunehmenden Dominanz des Massenmörders. Das liegt wohl in der Konsequenz der Branche, denn nach Demmes Erfolg 1991 war Hannibal Lecter eine eindrückliche Figur des Kinos. Und jetzt, indem sie ihn in die Mitte zerren, töten sie ihn: Sie nehmen ihn sein Geheimnis, sie machen ihn zu einer Art kultiviertem Freddy Krueger (Nightmare on Elm Street). Anthony Hopkins, der für seinen ersten Hannibal mit Recht einen Oscar erhielt, bewegt sich durch den Film mit seinen gediegenen Bildern wie ein degenerierter, melancholischer Gourmet, weshalb alle seine Opfer auch schlechte Menschen sind, die wir nicht bedauern, nicht wirklich. Am Ende des ersten Filmes sagte er der Agentin, er sei mit einem unsympathischen Menschen zum Essen verabredet. Am Ende dieses Filmes, die Agentin sitzt daneben, isst er. Und Gary Oldman in seiner entmenschlichten Maske wird zunehmend zur Albernheit. An ihn bewahrheitet sich das alte Wort, es sein einer so blöd, dass ihn die Schweine beissen. Und auch das, die Szene sollte ein Höhepunkt sein, ohne jede innere Dramatik. Julianne Moore, Fosters Nachfolgerin, hätte es gekonnt in ihrer etwas ätherischen Ausstrahlung: aber sie hat keine Rolle. Denn der Psychopath ist nun vom geheimnisvollen Gegner zum geheimnislosen Verbündeten geworden. Er ist kein Gegner und er hat keine wirklichen Gegnerund ohne Gegner wird die Geschichte plan, die Spannung reduziert sich auf die Geschmacks-Frage Brust oder Keule. Kein Geheimnis, nur Blut, keine Spannung, nur Fleisch. Es geht kein wirklicher Schauder von ihm aus, höchstens Ekel.

In ihrer Gier nach dem Erfolg haben sie die Substanz des Erfolges zerstört, sein Geheimnis. Gier essen Seele auf.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 2001

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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