Lost in Translation (Sofia Coppola)

Ein Schweben, leise und schön

Bob Harris hört zu. Bob Harris ist ein Schauspieler, er hat ein Whisky-Glas in der Hand und so eine sanfte Resignation im Gesicht, so eine Das-ist-seit-Tausend-Jahren-so-aber-wer-kann-es-ändern-Resignation, eine Resignation, die zu tief ist, als dass sie noch etwas anderes hervorbringen würde als dieses Gesicht.

Und Bob Harris hört immer noch zu, denn die Rede ist lang und Bob Harris versteht nichts. Der Set ist in Japan, der Regisseur ist ein Japaner und seine Sprache ist japanisch. Er erklärt dem Schauspieler die Szene mit der Emphase dessen, der gerade entdeckt hat, dass Hamlet die Mutter des dritten Richard ist. Sie drehen aber einen Werbespot für Whisky. Dann ist der Regisseur doch ein wenig erschöpft von seinen Ausführungen und die Dolmetscherin übersetzt, was er sagte, so: „Er möchte, dass Sie sich drehen“.

„Lost in Translation“ heißt der zweite Film von Sofia Coppola, verloren oder Verluste in der Übersetzung. Das ist nicht nur komisch, obgleich das ein sehr komischer Film ist. Es hat damit zu tun, dass Beziehungen und Worte manchmal ihre authentische Bedeutung nur in ihrer authentischen, ursprünglichen Gestalt bewahren. Und die Tochter eines großen Regisseurs hat womöglich bei Zeiten realisiert, dass auch von bedeutenden Regieanweisungen, wenn man sie auf ihren Informationswert reduziert, manchmal nur das „mehr rechts bitte“ bleibt. Doch wenn sie in das Medium übersetzt werden, für das sie gedacht sind, dann fügen sich lauter Banalitäten zur Kunst, dann wird aus „mehr Licht“ und „bitte mehr Bewegung“ etwas Berührendes. Zum Beispiel ein Film wie „Lost in Translation“.

Bob langweilt sich nämlich in Tokio, während er den Werbespot dreht, und Charlotte langweilt sich auch, und auch im gleichen Hotel, während ihr Mann eine Band fotografiert. Bob hat ungefähr geheiratet, als Charlotte geboren wurde, vielleicht auch früher, für Charlotte ist das Gefühl, sich zu langweilen noch etwas ungewohnter. Die beiden tun lange nichts, außer sich zu langweilen und sich zu wundern. Zu Wundern über dieses merkwürdige Land mit seiner merkwürdigen Sprache und anderen Dingen, die sie auch nicht verstehen. Die Prostituierte zum Beispiel, die sich in Bobs Zimmers wälzt und ihn auffordert, „Lupf meine Stlümpfe“, das Fitnessgerät, das Bob nicht nur einen Ausblick über das moderne Tokio gewährt, sondern sich rasend verselbstständigt wie die Maschinen in „Modern Times“. Und die leichte Irritation, wenn etwas, ein Unsichtbares, am Morgen die Jalousie vor dem Fenster öffnet. Es ist der Sound und das Licht von Tokio, das Sofia Coppola hier mit heiteren, nicht arroganten, Impressionen zum Sujet des Filmes macht, und mitunter scheint es, als gäbe sie sich diesen Impressionen mit einer launigen Zufälligkeit hin. Das ist nicht nur hoch komisch, so erfahren Bob und Charlotte auch in der Fremde ihre eigene Fremdheit, indem sich das Gefühl der Einsamkeit verstärkt durch das Empfinden, nicht Teil von etwas Größerem zu sein, indem sie vor diesem fremden Leben stehen wie vor einem Schaufenster, wie in einer riesigen Peepshow. Das ist die eine unübliche Haltung, die der Film vermittelt: Es ist vielleicht auch nicht notwendig, alles Fremde zu verstehen, es mag genügen, es in seiner Fremdheit zu respektieren.

Die andere, auch unübliche, Haltung besagt ungefähr, es könne unter Umständen eine lange Beziehung mit all ihren Abnutzungserscheinungen, ihrem Verschleiß und ihrem Spannungsverlust vielleicht ein höheres Gut sein als eine Affäre mit einer Zwanzigjährigen. Denn Charlotte (Scarlett Johansson besteht neben Bill Murray), legt einmal ihren Kopf an Bobs Schulter, Bob berührt einmal Charlottes nackten Fuß und am Ende wird er ihr etwas ins Ohr flüstern- und wir werden nie erfahren, was es war. Kann sein, wir hätten es ohnehin nicht verstanden, wegen der Übersetzung. Kann sein, es bleibt unübersetzbar für Dritte, was zwischen zwei Menschen geschieht.

Vielleicht, dass dieser Film deshalb eine so hauchzarte wunderschöne Geschichte ist, weil sie nie richtig beginnt und also nie richtig aufhören muss. Es ist wie ein Schweben, das nie wirklich aufsetzen muss, wie ein Traum, der sich nicht selbst zerstören will, indem er auf Wirklichkeit besteht: so ist dieser Film lustig und melancholisch zugleich, traurig und optimistisch.

Das erste Bild dieses Filmes zeigt einen rosa Damenschlüpfer am Ort seiner Bestimmung. So erzählt Sofia Coppola vom Leben: Man sieht schon, worum es geht, doch man sieht auch immer: ein Lächeln.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben Januar 2004

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

Bildquelle: Constantin Film

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