Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten (Rob Marshall)

Jack, ein Themenpark
Johnny Depp ist zurück in als Captain Jack Sparrow. Zum vierten Mal sticht der populärste aller Piraten in See

„War das alles?“ fragt die Lady, wir sind in London, nachdem Jack Sparrow sie geküsst hat und hernach Anstalten unternimmt, aus der Kutsche zu springen. Jack hat es eilig, die Garde des debilen Königs ist ihm auf der Spur, und die Lady hätte wohl gern einige Zeit mehr mit ihm verbracht. Wir dürfen das, indessen fragen wir uns später die nämliche Frage: War das alles?

Alles, was diesen Film motiviert, ist eine Zahl: 2,7 Milliarden Dollar. So viel erspielten die ersten drei Teile. Und alles, was diese Filme und ihren Erfolg ausgemacht hat, das ist der exzellente Johnny Depp mit der wunderbaren Erfindung Jack Sparrow. Aber genau dieser herrlichen Figur, die Johnny Depp immer spielt, als habe ein schwuler Friseur Daddys alte Woodstock-Klamotten angezogen, um auch ein bisschen Spaß zu haben, genau dieser Figur verweigert der Film den Raum. Wenn dieser vierte Teil der erste wäre, Captain Jack Sparrow wäre niemals diese Kultfigur geworden.

Rob Marshall und die Autoren haben die Personage ausgetauscht. Orlando Bloom und Keira Knightley sind nicht mehr dabei, dafür kam Penélope Cruz. Die ist des bösen Blackbeards Tochter – aber nicht des guten Jack Widerpart. Alle gemeinsam, der gute alte Barbossa ist natürlich auch dabei, sind dem Jungbrunnen auf der Spur, im Auftrag der britischen Krone, die Spanier sind eher dagegen, und irgendwann verzichtet der Betrachter darauf, in der Story eine innere Folgerichtigkeit entdecken zu wollen. Die benötigt solch ein Film in der Tat auch nicht wirklich. Was er aber benötigt, das sind Figuren und Situationen.

Und genau das können sie nicht. Penélope Cruz, der Piratin, werden weder mit ihrem Vater noch mit Jack Situationen und Konflikte gegönnt, an denen die Schauspieler, und also auch die Zuschauer, sich entzünden könnten. Der böse Blackbeard ist nur viel böse und kein bisschen komisch. Das ist alles so bieder, so langweilig, als sei die Story einem Themenpark von Disneyland abgeschrieben und daher kommt ja auch der ursprüngliche Impuls. Aber dieses Mal sieht man es. Nicht nur, dass wenig Fantasie und Kreativität für die Geschichte verwendet wurden, sie bietet vor allem dem großartigen Johnny Depp viel zu wenig Raum. Die Black Pearl, Jacks Schiff, ist hier als Buddel-Schiff in eine Flasche gesperrt. Als Jack sein Bonsai-Schiff melancholisch betrachtet, da springt das mikroskopisch kleine Totenäffchen wütend gegen den gläsernen Käfig. Und es ist, als hätten sie auch Jack Sparrow da eingesperrt, als zitiere sich Johnny Depp beständig selbst.

Das ist ein Film in 3D, er hätte allerdings nichts verloren, wenn es nicht so wäre. Anders als in dem innovativen Avatar kann Rob Marshall die Möglichkeiten dieser Technologie nicht zum ästhetischen Mehrwert führen.

Damit der Jungbrunnen seine Wirkung tut, benötigen sie die Träne einer Seejungfrau. Diese sind schöne, Menschenfleisch fressende Wesen, die gejagt werden wie wertvolle Fische. Eine von ihnen ist anders, die Romanze mit einem jungen Geistlichen ist der einzig gelungene Teil der Geschichte. Und der Anblick der jungen Frauen, wenn sie sich lockend über den Rand des kleinen Bootes legen, in betörender, tödlicher Schönheit, das sind die einzigen Momente, da der Film wirklich etwas zu zeigen hat.

„Es ist noch nicht vorbei“, sagt Johnny Depp am Ende. Der Berichterstatter fühlte Erleichterung, dass wenigstens dieser Teil nun doch vorbei war.

Text: Henryk Goldberg

Text erschienen in Thüringer Allgemeine, 20.05.2011

Bilder: Disney

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