Das Versprechen (Margarethe von Trotta)

Die sensible Balance des Lebens

Margarethe von Trotta über die deutsche Mauer

Die Herren in der Tanzdiele tragen überwiegend Schlips, die Damen Cocktail, zwei tanzen eng, eine Nachspiel-Kapelle verspricht „Rock around the clock”. Aber nicht hier. „Es geht los” sagt ein Mädchen. Draußen auf der Straße heben sie einen Gullydeckel an und zwängen sich in die Kanalisation. Einer stolpert, bleibt zurück und schließt das Loch in der Straße. „Wolfgang, wo bist Du?” ruft das Mädchen. Im Osten. Als die übrigen drei sich wieder an die Luft nach oben ziehen, leuchtet einer vergewissernd ein Auto an, das Kennzeichen: “B- RD”.

Die Verschränkung der deutschen Love Story mit der deutschen Geschichte, im individuellen Schicksal immer auch die Bedeutung, die Symbolik zu behaupten – das ist das Problem der engagierten Regisseurin Margarethe von Trotta („Rosa Luxemburg”, „Schwestern oder Die Balance des Glücks”) und ihres Autoren Peter Schneider. Hier geht es mitunter andersherum, als hießen die Hauptrollen nicht „Sophie” und „Konrad” sondern „Die Mauer” und „Deutschland”. Manchmal inszeniert Trotta einen dialogisierten Katalog der Themen, die vorkommen sollen, und manchmal die Geschichte von Sophie und Konrad, und so ist der Film: Zu sehr eine Verpflichtung, um richtig gut zu sein, zu ernst wiederum, um nicht auch ernst genommen zu werden. Berührend hingegen, wirklich berührend, wird er selten. Jedoch, es gibt keinen anderen. Im Ausland wurde der Film erfolgreich verkauft, nun steht er dort für „Die deutsche Mauer” und womöglich steht er da durchaus am rechten Platze. Für Leute, deren Lebensgeschichte er betrifft indessen wird er dieses deutsche Trauma kaum repräsentieren.

Die Geschichte des jungen Konrad, der 1961 die Flucht in den Westen verpaßt und damit die große Liebe seines Lebens, ist eine durchaus deutsche. Er arrangiert sich, er macht Karierre als Physiker, er leistet seinen Tribut dafür an die Gesellschaft DDR, die Anpassungsfähigkeit zu schätzen und zu belohnen weiß. Das Leben im Wartestand, warten auf irgendetwas, warten auf ein Wunder, warten, daß die Sehnsüchte und die wirkliche Welt sich treffen, irgendwann. Margarethe von Trotta und Peter Schneider führen ihre Helden selten zusammen, Prag ’68 mit den Panzern, die durch die Träume rasseln, Westberlin, als Konrad sich den Reisekaderstatus verdient hat und Sophie mit einem anderen lebt, Konrads Sohn spricht französisch. Und wenn er deutsch spricht mit seiner Mutter, dann sagt er Sätze wie : „Weißt du, wie die Hamburger nennen? Grilletta”. Da erkennt unsereiner die „genaue Recherche” und lacht auch herzlich, indessen: Es bleibt bei Sätzen und Zitaten. Trotta und Schneider bieten die ganze Personage auf, den Zyniker von der Staasi, den resignierenden Professor, der den besseren Sozialismus will, den gnadenlosen Karrieristen, die evangelische Pfarrerin, ihren verzweifelnden Mann. Und merkwürdig, auf den personellen Nebenschauplätzen schlägt sich Trotta besser, sind die Figuren glaubwürdiger als in der Mitte: Weil sie an der Innensicht der DDR scheitert, an der Frage, wie einer beschaffen ist, der einmal in den Westen wollte und dann Karierre macht im Osten. Und weil dem Film diese intellektuell-psychologische Dimension fehlt, bleibt ihm auch die künstlerische Sinnlichkeit, die Vitalität der Bilder, verwehrt. Die physische Realität der Inszenierung gerät merkwürdig blaß, es bleiben Sätze, Thesen. Ausgenommen wenige Momente, da die Königskinder einander begegnen, da sind urmenschliche Gefühle zu spielen, jenseits einer sozial bestimmten Erfahrung.

Die Balance des Lebens, des Glücks, ist eine kompliziertere, sensiblere, als dieser Film weiß. Und doch ist er, trotz alledem, ein ernsthafter, seriöser Versuch, sich mit uns auseinanderzusetzten. Auch für den Zuschauer, der in diesem Film noch mehr Nachdenklichkeit finden wird, als in manch dynamischen Lichtspiel.

Am Ende, Tausend Statisten stürmen über die Bornholmer Brücke, schaut die wunderbare Corinna Harfouch nachdenklich in den Himmel über dem geteilten Land. Da ist eine Ahnung, wie es hätte sein können.

Autor: Henryk Goldberg

Text: veröffentlicht in filmspiegel

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