Der Hobbit: Eine unerwartete Reise (Peter Jackson)

Bilbo und die dreizehn Zwerge

Ein Mann, er heißt Bilbo Beutlin, unterschreibt, sehr zögerlich, einen Arbeitsvertrag. Reisekosten, Arbeitszeit, Begräbniskosten. Und der Headhunter, der ihn den Job besorgt hat, er heißt Gandalf, wird später die bezweifelte Kompetenz des Arbeitsnehmers erklären: „Ich finde“, sagt er, „Taten aus Güte und Liebe halten das Böse auf Abstand.“

Darum geht es. Und um Mittelerde und um dreistellige Millionenbeträge.

Die zu erwartende Rendite ist das einzige Motiv, aus J.R.R. Tolkiens wirklich kleinem Kinderbuch „Der kleine Hobbit“ drei Filme zu pressen. Bedeutung erlangt die kleine, kindlich-geradlinige Geschichte von Bilbo, den dreizehn Zwergen und dem vom Drachen Smaug geraubten Schatz erst im Rückblick, als Vorgeschichte des „Herrn der Ringe“, einem Monument der Fantasy-Literatur.

Aber davon weiß „Der kleine Hobbit“ noch nichts. Mit eben dieser Skepsis ging der Beobachter in den ersten Teil der Trilogie. Und sah: einen sehenswerten Film.

Wer Peter Jacksons „Herr der Ringe“ mochte, der wird, der muss beinahe auch „Der Hobbit – eine unerwartete Reise“ mögen. „Mein lieber Frodo“ geht der erste Satz und er meint: Erinnert euch! Es ist die Wiederbegegnung mit Jacksons Überwältigungsästhetik und auch mit einigen bekannten Figuren – auch solchen, die in diesem Buch eigentlich gar nicht vorkommen.

Denn natürlich muss Jackson die dünne Story, die als solche gerade einen Film getragen hätte, ausweiten und aufwerten.

Wir begegnen dem jungen Frodo, der, anders als wir, nicht ahnt, was ihm noch bevorsteht; wir treffen natürlich Gandalf und den Superstar Gollum, eine der besten Erfindungen des Kinos. Aber wir sehen auch Saruman und Galadriel und Herrn Elrond auch.

Peter Jackson hat nach seinen drei wunderbaren Filmen ein Gespür für Tolkiens Welt, für die Welt von Mittelerde. Und weiß also, dass er nicht einfach, wie es „Der kleine Hobbit“ tut, eine Abenteuergeschichte erzählen kann. In dieser Welt, so wie ihre Fans sie kennen und lieben, muss das Böse grummeln, da muss ein dunkles, mehr geahntes als gewusstes Drohen über allem liegen.

So sehen wir Gandalf, Galadriel – schön und groß gegen die Berge fotografiert  – und Saruman besorgten Kriegsrat halten. So sehen wir, wie dieser in jeder Hinsicht fantastische Gollum den Ring, den Ring(!), verliert. Der Ring, der in dieser Geschichte eigentlich nur die Gabe der Unsichtbarkeit verleiht, doch wir wissen, was es auf sich hat mit ihm – und wir wollen, dass auch der Film das weiß. Auch die Zwerge sind deutlich aufgewertet: Sie suchen hier mehr die verlorene Heimat als das Gold, sie sind mehr heimatlos als goldgierig.

So wird das Geschehen im Grunde aus der Retrospektive betrachtet bewertet, aufgewertet aus einer Perspektive, die schon um die Bedeutung der Dinge weiß, die sie in ihrer Gegenwart noch nicht haben. Dennoch, ganz das dunkle Lauern, ganz das tiefe Grummeln, ganz die innere Energie und Spannung des „Herrn der Ringe“ erreicht „Der Hobbit“ nicht. Das ist keine Frage der filmischen Ästhetik, es ist eine der erzählerischen Substanz, denn Jackson erzählt die kleine Geschichte mit den großen Mitteln. Aber Spaß macht es schon.

Die Zwerge sind eine lustige Truppe, deren Tischsitten im Exil allerdings gelitten haben, Schneewittchen würde man aus erzieherischen Gründen ungern hier sehen. Und vermutlich haben sie, kein Geld, keine Heimat, im Zirkus getingelt: beim Abräumen des Geschirrs zeigen sie sich als begnadete Jongleure. Balin ist der mit der komischen Würde und Thorin Eichenschild, der entrechtete Erbe des Königs, könnte gut ein naher Verwandter von Aragorn sein, so ist er wohl auch konzipiert. Und da ihnen außer dem etwas kleineren Bilbo und dem etwas größeren Gandalf lauter Wesen – mit dem wunderbaren Gollum an der Spitze – begegnen, fällt ihre Zwergenhaftigkeit kaum auf.

Jackson inszeniert mit seiner überwältigenden Monumentalästhetik. Monster, eines schöner als das andere, Kämpfe über Abgründen, die unendlich tief scheinen, das kann nur der dreidimensionale Film. Die Debatte um die veränderte Bildfrequenz, 48 statt 24 Bilder pro Sekunde, hingegen scheint eher akademisch, ohne die Diskussion darüber wäre das wohl mehrheitlich unbemerkt geblieben.

Und der Film hat Witz. Ehe, im Rückblick, der Drachen angreift sehen wir Kinderdrachen und fragen uns irritiert, ob es das sein soll. Und dann zeigt Jackson, sozusagen, wie Drachen heute geht.

„Alle guten Geschichten“, sagt Gandalf, „verdienen es, ausgeschmückt zu werden“.

Und ungefähr das ist die Konzeption des Zauberers Peter Jackson.

Henryk Goldberg, (Thüringer Allgemeine)

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