Operation Walküre (Bryan Singer)

Dieser Eine

Ein normaler, ein sehenswerter, ein spektakelfreier Film

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„Gott versprach Abraham,” sagt General Olbricht, „Sodom nicht zu vernichten, wenn er zehn Gerechte findet.” In Deutschland reicht vielleicht einer. Von diesem Einen handelt dieser Film und dieser Eine hat tatsächlich diese Funktion. Und niemand leistet so viel für die Popularisierung der Gerechten wie Hollywood.

Die verbreitete Beschäftigung mit dem Holocaust wurde in den USA und der Bundesrepublik wesentlich stimuliert durch den amerikanischen Fernsehfilm. Die Wahrnehmung von Homosexualität und Aids wurde wesentlich durch den amerikanischen Film „Philadelphia” bestimmt. Der Name und die Tat, und in der Folge ähnliche Taten, von Oskar Schindler wurden erst durch den amerikanischen Film weltweit bekannt. Und der Name Stauffenberg wird, mindestens in den USA, erst verbreitet bekannt werden durch diesen amerikanischen Film.

Tatsächlich trägt Claus Schenk Graf von Stauffenberg diese Funktion von Abrahams Gerechten für Deutschland vor der Geschichte. Er ist den Nachlebenden das Symbol des Heiligen Deutschland. Natürlich war er es nicht allein, der Widerstand war ein komplexes Netzwerk. Aber Geschichte, die Wahrnehmung von Geschichte, benötigt Symbole, so wie Luther an der Kirchentür zu Wittenberg. Und diese eine Szene des anderen Deutschland, das ist die explodierende Bombe, nicht die ihr vorausgehenden Debatten. Auch Stauffenberg selbst und seine Mitverschwörer sahen sich in dieser Funktion, dieser Aufgabe: Ehre einzulegen für das Land, dem sie dienten. Und dieser Film von Bryan Singer stellt sich ganz in den Dienst dieser Aufgabe und in gewisser Weise wird er sie vollenden: Er wird Zeugnis ablegen von diesem anderen Deutschland, er wird, mindestens in den USA, den Gestapo-Kellern und Konzentrationslagern ein weiteres Bild an die Seite stellen: das Bild eines deutschen Offiziers mit einer Augenklappe und drei Fingern, der sein Leben in die Schanze warf, um Adolf Hitler zu töten. Und niemand von den Millionen, die den Namen und das Bild Stauffenbergs künftig erinnern, wird fragen, ob der eine oder andere der Verschwörer eine kleine historische Unschärfe aufweist.

Bryan Singer, im Verein mit seinen vorzüglichen Autoren, erzählt einen Thriller, über weite Strecken hinweg spannend und nie so amerikanisiert, so trivialisiert, dass man den deutschen Alarm auszurufen hätte. Singer setzt den Heiligen Eid des deutschen Soldaten auf Hitler an den Anfang, denn der ist für die Soldaten, mehr als die Todesangst, das eigentliche Hindernis, das sie in sich selbst zu überwinden haben. Dann folgt eine Niederschrift über die Verbrechen der SS und die befleckte Ehre der Wehrmacht: Stauffenbergs Entwicklung wird gesetzt, nicht erzählt. Wir sehen hier den Mann, der sagt „Ich werde handeln.”, nachdem ihn die zögernden Politiker einmal daran gehindert haben. Gewiss, hier ist alles nach dem Maß von Dramaturgie und Symbolik bemessen: Carl Friedrich Goerdeler wird in seiner Bedeutung reduziert, weil er den Gegenspieler Stauffenbergs geben muss, das ist Dramaturgie. Nach dem Attentat treten alle im Bendlerblock an vor Stauffenberg, halten ihre Ausweise hoch und einer meldet “Wir melden uns zum Dienst, Oberst Stauffenberg.” Das andere Deutschland meldet sich zum Dienst an der Geschichte, das ist Symbolik.  Doch ist die unbefangene Hemdsärmeligkeit der Amerikaner hier dienlicher als die wägende Korrektheit der Deutschen. Denn mit aller Spannung, mit aller Symbolik wird dieser Film nie unseriös, überschreitet er nie die von Geschichte und Respekt gesetzten Grenzen einer gleichsam historischen Schicklichkeit.

Und ist doch auch ein spannender Film. Am spannendsten nach dem Attentat im Bendlerblock, der Zentrale der Verschwörer. Beinahe hoffen wir, es könnte gut gehen, beinahe schmerzhaft empfinden wir die Zögerlichkeit, den Zeitverlust. Einmal sitzen die Frauen am Fernschreiber, und eine nach der anderen hebt die Hand, um etwas Wichtiges zu signalisieren: Der Führer ist tot. So hätte es sein können.

Und Tom Cruise. Der ist der Star, der das Projekt trägt. Sehr respektvoll ist zu sagen, man sieht ihm seinen Status nicht an: Noch nie hat dieser Schauspieler sich derart zurückgenommen, sich beinahe ängstlich hinter seine Figur zurückgezogen. Tom Cruise, sieht man, hielt Graf Schenk von Stauffenberg für wichtiger als Tom Cruise. So erweist er seinen Respekt für diesen Einen aus Deutschland.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben März 2009

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

Bild: 20th Century Fox

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