Der Himmel über dem Reißbrett

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„Wenn du nicht bald anfängst mich auszuziehen“, sagt Cristina, die Amerikanerin, die ein bisschen fotografiert, zu Juan Antonio, dem Spanier, der richtig malt, „dann wird das hier eine Podiumsdiskussion“. Und wir fragen uns, wie weit die Selbstironie von Woody Allen geht. Denn es ist tatsächlich eine Podiumsdiskussion.

Manchmal sind auch Titel Nachrichten. „Vicky Cristina Barcelona“ das sind die Koordinaten eines Versuchsprogramms, das Woody Allen hier durchrechnet wie auf dem Reißbrett. Wobei natürlich zu denken ist, dass die Berechnungen eines Mannes wie Allen noch immer amüsanter sind als die Phantasien anderer Leute. Es ist, als würde Allen hier einen Satz von William Faulkner diskutieren wollen: „Zwischen dem Schmerz und der Leere wähle ich den Schmerz“. Den Schmerz, den sucht Cristina (Scarlett Johansson), wie uns der milde Erzähler gleich zu Beginn der Lektion wissen lässt, und die Sicherheit Vicky (Rebecca Hall). Die heiratet in Barcelona ihren Verlobten, der ist so heiß wie die Erläuterungen eines Vogelfreundes über die Morgenhygiene des Buntspechtes. Am Ende wird sie in eine Zukunft fliegen, wie sie für die ältere Judy seit Jahrzehnten schon Gegenwart ist: Die liebt ihren netten, wohlmeinenden Mann nicht wirklich, aber trennen kann sie sich auch nicht, das kann sie ihm nicht antun. So hält sie es aus, das Leben.

Vor der Rückkehr ins wirkliche Leben aber begegnen Vicky und Cristina Juan Antonio. Der ist Spanier und Maler. Manchmal fliegt er ein kleines Flugzeug, manchmal fährt er ein rotes Auto und manchmal trägt er ein rotes Hemd. Manchmal schläft er mit Vicky, die das nie wollte, und manchmal mit Cristina, die das gleich wollte. Manchmal auch mit Elena, seiner früheren Frau und manchmal schläft auch Cristina mit Elena. Nur Vicky muss mit ihrem Mann schlafen. Und manchmal liest der Intellektuelle Allen vielleicht auch Goethes „Stella“ und träumt einen Traum vom vorurteilsfreien Leben. Aber weil schöne Träume schöne Träume sind und kein wirkliches Leben, muss Scarlett Johansson, der man das keinen Augenblick glaubt, den schönen Dreierbund aufkündigen und Rebecca Hall, der man das sofort glaubt, mit ihrem Mann in Judys Leben fliegen.

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Woody Allen, der in seinen Filmen immer irgendwie vorkommt, erscheint hier als zweigeteilte Persönlichkeit und es wird kein Zufall sein, dass er sich auf die beiden besten Darsteller verteilt. Javier Bardem, der in „No Country for Old Man“ den psychopathischen Mörder gab, ist hier der intellektuelle Womanizer, spanisch, poetisch, erotisch. Er ist so, wie ein Mann sein würde, wenn ein Mann sein könnte, wie ein Mann sich wünschte, wie ein Mann sein müsste. Oder doch wenigstens so, wie ein Mann glaubt, was eine Frau sich wünschen würde, wenn sie sich wünschen dürfte, wie ein Mann sein sollte.

Also eine reine Konstruktion. Und seine Neurosen projiziert Allen auf Penelope Cruz, die das gesamte Ensemble vital an die Wand spielt und dennoch nie einen Hauch Wahrhaftigkeit besitzt. Also eine reine Konstruktion. Ihre Elena ist die Frau, von der ein Mann träumt, er könne sie aushalten. Das ist alles nett anzuschauen, Allen ist ein

Regisseur, für den seine Schauspieler Kopfstand machen. Vicky und Cristina werden, wie man so sagt, in Barcelona aufgerissen, und der Film auf dem Reißbrett. Doch der Himmel über dem Reißbrett ist nicht sehr hoch.

Ein Revolver kommt auch vor.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben März 2009

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

Bild: Concorde Home Entertainment

 

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