Der kindliche Kaiser

Spielbergs „A.I“- ein berührender Film über die Liebe

„Was ist Liebe?“ fragt der Professor. „Ich weite meine Augen ein bisschen und ich wärme meine Haut.“, entgegnet die junge Frau gleichmütig. Sie ist ein Roboter. Daran muss man arbeiten, bedeutet der Professor. Und auch Steven Spielberg arbeitet an der Beantwortung dieser Frage, schon immer. Und er will wohl sagen, dass Liebe etwas anderes ist als geweitete Augen und gewärmte Haut. Und wie einst E.T., der Außerirdische, ein Märchen über die Liebe war und die Sehnsucht, so ist es nun A.I. (Artificial Intelligence), der Roboter. Sie sind Brüder vom gleichen Geiste und wenn ihnen noch ein menschlicher Bruder hinzuzugesellen wäre, so könnte dies nur P.P. sein, Peter Pan. Lauter kleine Prinzen. Und seit Saint-Exupery hat die poetische Naivität kaum mehr Kraft gezeugt als bei Steven Spielberg. Seine Antwort lautet, es seien Liebe und Sehnen die einzige Kraft, die keinerlei Begrenzung kenne. Denn dieser Film handelt nicht von künstlicher Intelligenz, er handelt von menschlicher Liebe.

Monicas Sohn liegt im Tiefschlaf und vermutlich wird er nie mehr daraus erwachen. Ihr Mann hat ihr einen Mecha geschenkt, einen Roboter der neuesten Generation. Menschlich maskierte Schaltkreise, die fühlen können und ein Unterbewusstsein haben. Man muss den Roboter initialisieren, um dieses Emotionsprogramm zu starten, dann allerdings ist es nie mehr zu stoppen, nur zu zerstören wie die Liebe. Monica hat sich zögernd entschlossen, jetzt ist sie soweit. Sieben Worte muss sie sprechen, die magische Siebenzahl, dann wird es geschehen. Vor ihr steht dieser Roboter, der aussieht wie ein Kind, und der userfreundlich fragte Möchtet ihr, dass ich schlafen gehe? Dann spricht sie die sieben Worte und es ist ein magischer Moment: Es ist, ja doch, als wohnten wir der Entstehung des Lebens bei, als erlebten wir die Beseelung der Materie durch die Liebe. Was waren das für Worte Mami? Fragt David, der einmal eine Maschine war. Von nun an wird er Essen und Schlafen, er benötigt beides nicht, nicht spielen, weil er das Programm Kind ist, er wird es spielen als eine Sehnsucht, denn dann wäre er ein echter Junge. Ein Mensch.

Stanley Kubrick hat dieses Projekt lange mit sich getragen, Steven Spielberg hat es erfüllt als eine Art Vermächtnis, auf seine Weise. Es ist ein brillanter Film und es ist vielleicht sein bester. Ein Roboter-Kind, ein Roboter-Liebhaber, und ein mechanischer Teddybär flüchten durch einen apokalyptischen Wald, vor einer satanischen Messe, darin die Maschinen zu Tode zelebriert werden wie die Todgeweihten des Kolosseums und wir vergessen, welche Albernheit in diesem Vorgang liegt. Wir vergessen es, weil der große Peter Pan diesen Vorgang zu beseelen vermag. Natürlich ist dies, ungeachtet der aktuellen Debatten über den Menschen als Schöpfer, kein Film über die Fähigkeit, fühlende Maschinen zu entwickeln, nicht einmal über die Frage, ob wir unsere Geschöpfe zu lieben vermöchten. Wer mag, kann diesen philosophischen Gedanken, zu denen es im Augenblick wohl keine begründeten Antworten gibt, nachhängen, der Film wird ihn dabei nicht stören. Doch ist es ein Film über die Frage, was den Menschen zum Menschen macht.

David, er wurde ausgesetzt, nachdem Monicas Sohn aus dem Tiefschlaf erwachte, trifft sich selbst in dem Labor, darin er entwickelt wurde. Er sieht viele Davids an der Fertigungslinie und er spricht mit seinem Duplikat, dass David heißt. Ich bin David! schreit er und zerstört die David-Maschine: Es ist, erzählt Spielberg, das Bedürfnis nach Einzigartigkeit und also nach Liebe, was den Menschen zum Menschen macht.

Dieser Film verströmt eine emotionale Suggestion, die den großen Regisseur beglaubigt. Spielberg, mit zwei wunderbaren Schauspielern, kann die Kühle und die Unsicherheit in Monicas Haus erzählen, die satanischen Rituale der Maschinenstürmer, und er kann die Welt nach der Apokalypse. Wer diesen Film genießen will, benötigt allerdings die Bereitschaft, sich seiner naiven Poetik hinzugeben. Dass Spielberg Menschen, die den Kleinen Prinzen lieben, dafür alle Voraussetzungen bieten, zeigt, was für ein großer Regisseur er ist.

2 000 Jahre, so weit, wie wir von dem Erlöser entfernt sind, liegt David im Wasser, begraben unter der blauen Fee, die den Pinoccio aus Schaltkreisen beleben sollte. Dann bringt er die Erinnerung an die ausgestorbene Menschheit, an die Liebe, unter die Wesen aus Flüssigkristall. Doch sie können die Erlösung nicht annehmen. Seine Erinnerung an die Liebe macht ihn zum Fremden unter seinesgleichen. Und sie werden ihn respektieren als einen Fühlenden, indem sie ihm Schlaf schenken in Monicas Bett und in Monicas Haus. Dann hat sich sein Sehnen erfüllt, dann ist er zu Hause. Dort, heißt es, wo die Träume geboren werden. Dort also, wo Menschen zu Hause sind und P.P. und E.T. und A.I.

Und Steven Spielberg, der die unendliche Geschichte der Liebe und ihrer kleinen, tapferen Prinzen erzählt als des Kinos kindlicher Kaiser.

Autor: Henryk Goldberg

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