Onkel Toms Hüte

»O Brother, where art thou?« der Coen-Brüder: Die heißeste Band seit den »Commitments«

Der schwarze Tramper Tom, den die drei Jungens, die nichts zu verlieren haben als ihre Ketten, am Straßenrand auflesen, musste gestern um Mitternacht an dieser entlegenen Kreuzung stehen, um ein Tauschgeschäft mit dem Teufel abzuwickeln, arme Seele gegen perfektes Gitarrenspiel. Dieser Umstand führt die Jungens zu einem blinden Mann, der ihnen Geld dafür gibt, dass sie in eine Dose singen, komische Arbeit das. Sie fragen dann einen anderen »Was für ’ner Arbeit gehen sie eigentlich nach, George?«, da feuert George Babyface Nelson gerade mit der Maschinenpistole auf die Bullen und auf die Kühe. Irgendwann werden sie auch die Kuh auf dem Dach sehen, die der blinde Seher ihnen prophezeit hat, aber das ist schon nach der großen Flut, in der sehr viel Gel der Marke »Dapper Dan« schwimmen wird. Da wurde ihr Freund Peter bereits von den Sirenen in einen Frosch verwandelt und von dem einäugigen Bibelverkäufer zerquetscht, wofür dieser mit der Kraft und dem Feuer des Kreuzes bestraft wird. Nun haben die entflohenen Sträflinge Hausverbot bei Woolworth und die Polizei des Staates Mississippi auf dem Hals. Doch fügt sich alles noch zum Guten, denn der Wahlkampfgegner von Gouverneur Pappy O‘Daniel hat einen Zwerg engagiert. Und Onkel Tom, der doch nicht aufgehängt wird, trägt die schönsten Hüte im Mississippi-Delta.

Das Thema dieses Filmes, weil Filme doch nun einmal ein Thema haben müssen, von Joel und Ethan Coen ist das Kino und dass es schöner ist als das richtige Leben, denn dieser Film handelt von anderen Filmen und Büchern. Die wundersamen Brüder zitieren Preston Sturges‘ »Sullivans Reisen«, dem sie den Titel entnehmen, sie zitieren den Stummfilm-Slapstick und sie zitieren gar Homer, von dem niemand weiss, ob es ihn je gab. So heisst der Sträfling, der mit seinen Kumpels flüchtet, um die Hochzeit seiner Frau zu verhindern, Ulysses, die Gattin Penelope und der Freier, es ist nur einer hier, wird mit der Kraft der Lyra statt der des Bogens bezwungen. Es gibt den blinden Seher, er fährt Drasine, es gibt die Verwandlung eines Freundes in einen Frosch und der Zyklop, das Schwein, verkauft Bibeln. Und was in dieser Südstaaten-Odyssee blieb von Onkel Toms Hütte, das sind Onkel Toms Hüte.

Und es gibt, vor allem, den skurilen, intelligenten Humor, der sich selbst genügt, der nichts erzählt als sich selbst und vielleicht ist das der Grund, dass dieser Film ein wenig schwächer scheint als die übrigen der Coens. George Clooney, schön wie Clark Gable, schmiert sich unter wahnwitzigen Umständen Gel ins Haar und streift den Kamm sorgfältig ab am Hamburger. Flankiert wird er von zwei ausgesucht blöden Gesichern, John Turturro (der einst »Barton Fink« war) und Tim Blake Nelson. Wenn die Burschen auf der Bühne stehen, angefeuert von diesem wunderbar fetten, wunderbar fiesen Gouverneur, wenn sie so da stehen wie die Karl-Stülpner-Combo aus Trusetal, dann sind sie die heißeste Band seit den »Commitments«. So heiß, dass selbst Holly Hunter zum Groupy wird, schließlich hat sie seit dem Piano etwas übrig für Musiker.

Das eigentliche Thema dieses Filmes aber ist das Geheimnis des Kinos. Denn dies ist ein sehr schöner Film, obschon er von Nichts handelt.

Die drei Jungens stimmen ab, wer ihr Boß sein soll. »Ich bin für meine Wenigkeit«, sagt einer, der andere ist auch für sich. Da schauen sie den Dritten an. Er überlegt und sagt dann sehr entschlossen: »Ich bin dafür«.

Das ist der intelligenteste Satz über diesen Film, denn mehr ist nicht zu sagen.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 2000

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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