Gollums Gott

Der Junge träumt. Er träumt, wie ein alter Mann den Tunnel der Zeiten, wie ihn Thomas Mann beschrieben hat, hinabstürzt. Mit seinem Schwert, und mit seiner Seele wohl auch, ist der Mann mit einem Wesen verstrickt, das ein rotierendes Feuer ist. Der Junge träumt einen Film, den es schon gibt. Vielleicht dass er sich die Zeit vertreiben wollte, ehe es weiter geht. Nun wacht er auf, nach einem Jahr. Es ist Frodo, der Hobbit, der Ringträger. Er geht eilig, denn er wird Gollum treffen. Da kann man sich schon mal beeilen. So wie sich Millionen beeilen werden ab heute. In Mittelerde ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.

Auch im Anfang war das Wort. Jenes Wort, von dem der Bibelübersetzer Faust meint, er könne es so hoch unmöglich schätzen. Jedoch schätzte J.R.R. Tolkien (1892/1973) nichts so hoch wie eben das Wort. So erfand er sich unbekannte Wörter und band sie durch erfundene, gleichwohl nun real existierende, wenn auch ungesprochene Sprachen. Es war in diesem linguistischen Kosmos, wie im Buch Genesis geschrieben steht: Und die Erde war wüst und leer, es war finster und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. So schuf Gott Tolkien, die Erde war schon besetzt, Mittelerde, so wurde er der Schöpfer von Völkern und Kulturen, damit seine Sprachen nicht so im Ungebundenen vagabundierten. Und weil mit dem Wort allein kein Staat zu bilden ist, so hielt er es dann doch mit Faust und stiftete seinen Völkern Taten. Taten und Helden, die seither in der kleineren, unromantischeren und unerhabeneren Welt Erde mit leuchtenden Augen erzählt werden. So leuchtender wohl, so unromantischer, so unerhabener das Leben wird.

Es liegt eine gewisse Verführung darin, Tolkien zu interpretieren, als er das Hauptwerk schrieb, schlug man die Schlacht um England. Doch in der Substanz ist Mittelerde eher schlicht, ein duales System von Gut und Böse. Doch diese Schlichtheit des Denkens wird aufgewogen durch eine Erhabenheit des Tones und eine Entgrenztheit der Fantasie. Es ist, zu Recht, darauf verzichtet worden, nach dem Zusammenbruch des Twin Tower in New York, den Titel Die zwei Türme, zu ändern. Denn seine Erhabenheit enthebt den Stoff der zeitgebundenen Assoziation. Und der Mensch jeden Alters ist gut beraten, sich ohne weitere Erörterungen diesem Überwältigungskino hinzugeben.

Denn was dem Neuseeländer Peter Jackson hier gelang, das ist womöglich noch eindrucksvoller als der Auftakt vor Jahresfrist. Das liegt womöglich an zwei Gründen. Zum einen bedarf er hier des heimelig-gartenzwergigen Prologes der Auenwald-Oase nicht mehr, und kann sie, für Kenner, durch die Monumentalschlacht um Helms Klamm ersetzen ein Ork-Schlachtfest ist allemale eindrucksvoller als ein Hobbit-Gartenfest. Und zum anderen, das Wichtigste gleich mitzuteilen, präsentiert dieser Film die bislang eindrucksvollste, überwältigendste digitale Schöpfung der Filmgeschichte. Gewiss wird auch das nur ein Punkt auf dem Weg zu neuen Wundern, doch erleben Menschen ihre Wunder ja immer zeitgebunden. Gollum, das Wesen vom Fluss, das im Showdown, in einem Jahr, noch eine tragende Rolle spielen wird. Dieses digitale Geschöpf, so grotesk das klingen mag, ist die einzige gebrochene, gespaltene Persönlichkeit des Filmes. Ein Wesen wie ein Fötus, eine feuchte Haut, die sein Herkommen vom Fluss bezeugt, ein Fötus und ein alter Mann zugleich. Die Summe aller Aliens, der geschundene Vetter des E.T. Die Haut wie gemasert, schmutzig und dennoch kostbar, ledern und dennoch verletzlich. Was im Gesicht dieses vollkommen synthetischen Wesens vorgeht, das ist das eigentliche Wunder dieses Filmes. Und ein Wunder wäre, wenn das kein Oscar wird.

Das Drehbuch verschränkt die drei Handlungsstränge Frodo und Sam; Aragorn, Legolas und Gimli; Merry und Pippin , stärker als Tolkien und gewinnt so einen treibenderen Erzählrythmus. Die Bilder haben eine mitunter faszinierende Tiefe, sie übersetzen den hohen Ton des Buches, so weit das überhaupt möglich ist, in Atmosphäre. Der Kampf um Helms Klamm, wenn die Orks wie Panzer schimmern, ist ein großes Fressen. Na ja, wer die Orks kennt weiß, es ist kein Schade.

Schade ist es, für Fans, um Baumbart, den Ent. Der ist hier einfach ein großer, sprechender Baum ohne die mythische, naturphilosophische Anmut des Buches. Und, noch ein wenig zu nörgeln, die magische, zauberstabgestützte Alzheimer-Heilung von König Theoden ist auch weniger interessant als die Psychosache, mit der ihm Gandalf im Buch therapiert.

Aufs Ganze besehen aber ist dies ein Film, der selbst der Fantasy eher reserviert begegnende Menschen, wie den beindruckten Berichterstatter, auf das Beste zu unterhalten vermag.

Nach dem dritten Teil wird Trauer herrschen. Einmal, weil es keinen vierten gibt, vor allem aber, weil es barbarisch ist, ein Wesen wie Gollum in einen Berg stürzen zu lassen. Aber vielleicht, dass ja Gandalf unten wartet. Und dann besuchen sie E.T., wo sie zu Hause sind: Dort, wo beider Gott wohnt, der Herr der Träume. Denn am Ende bleiben die Bilder.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 2002

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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