Deutscher Filmpreis 2003

Baustellen

„Good bye Lenin!“ dominiert beim Deutschen Filmpreis

Alles andere wäre eine Sensation gewesen. Good bye, Lenin! war der große Dominator beim Deutschen Filmpreis, der gestern Abend in Berlin von der Branche gefeiert wurde. Neben dem Deutschen Filmpreis in Gold für den besten Spielfilm, dotiert mit 500 000 Euro, gab es zwei Publikumspreise sowie Lolas in sechs weitere Kategorien, darunter für Regisseur Wolfgang Becker, Hauptdarsteller Daniel Brühl und Nebendarsteller Florian Lukas. Diese Preisflut ist vollkommen berechtigt, denn anders als Der Schuh des Manitu, den heiter zu finden es einer bestimmten Gemütsart bedarf, kann Good bye, Lenin!, was Hollywood groß gemacht hat: ein ernsthaftes Sujet so erzählen, dass es eine Geschichte für Millionen wird. In diesem Falle sind es etwa 5,8 Millionen Zuschauer. Wer diese Zahl recht würdigen will, muss wissen, dass bereits 50 000 Zuschauer einen in der neuen Filmförderung verankerter Schwellenschwert bilden, der für die meisten deutschen Produktionen unerreichbar bleibt.

Die ausgezeichnete Hauptdarstellerin Katrin Saß blieb unbelohnt das ist vollkommen in Ordnung und bezeugt die künstlerische Sensibilität der Jury. Denn die alles überstrahlende Darstellerin war tatsächlich Hannelore Elsner. Nach ihrem Erfolg als Die Unberührbare im Jahre 2000 wurde sie nun geehrt für Mein letzter Film. Dieses filmische Monodrama von im Kino selten zu erlebender Intensität, wie sie in der Regel nur das Theater zu schenken vermag, ist ein kleiner, wunderbarer Film, der wohl Mühe hätte, die in der Filmförderung gesetzten Schwellen zu erreichen. Dass sich die Jury dennoch zu diesem Preis entschloss ist aller Ehren wert.

Die Filmpreise in Silber gingen an Lichter (Hans-Christian Schmid), Nackt (Doris Dörrie) und Das fliegende Klassenzimmer (Tomy Wiegand), Corinna Harfouch wurde beste Nebendarstellerin in Bibi Blocksberg.

Die Dominanz von Wolfgang Beckers Film scheint, so berechtigt sie ist, doch auch ein Problem. Sein erster großer Erfolg war Das Leben ist eine Baustelle. Auch die deutsche Einheit ist eine Baustelle, und Becker trieb die Arbeiten auf ihr auf heitere Weise ein ernsthaftes Stück voran. Doch auch die deutsche Filmlandschaft ist im Umbau begriffen, und das ist sehr notwendig. Denn die jeweils eine Saison überstrahlenden Erfolge wie der von Wolfgang Becker oder im vergangenen Jahr von Caroline Link mit Jenseits von Afrika verdecken, was hinter den Siegern kommt: nicht viel. Und die Hoffnung, dass auf der Baustelle Filmförderung mit soviel Fortune gearbeitet wird, wie es Becker auf der Baustelle Deutschland gelang, scheint eher gering.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben  2003

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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