Dear Wendy (Thomas Vinterberg)

Gangs of  Dogville

Die „Dogma“-Erfinder verabschieden sich mit Lust von ihren eigenen Regeln

Sebastian hatte Geburtstag und damit fing alles an. Denn Clarabell wollte, dass Dick ein Geschenk kauft für die Pfeife. So fand er Wendy bei Susan. Susan nahm dann Lee & Grant zum Partner, woraufhin ihre Brüste endlich wuchsen. Und Stevie nahm Bad Steel, der war schon bei El Alamein dabei. Sie haben alle einen Schuss. Und viel Munition dazu, denn sie werden armiert von Lars von Trier und Thomas Vinterberg. Die Erfinder des dänischen Dogma-Kinos gönnen sich einen extraordinären Spaß. Denn sie tun so, als wäre dies ein Amerika-kritischer Film und wer es braucht, der mag es glauben. Im Eigentlichen aber schicken sie zehn Jahre nach ihrer Dogma-Erfindung alle ihre strengen Regeln zum Teufel und das mit der Lust der Konvertiten.

Das ist, so gesehen, ein Gymnasiasten- und Cineastenspaß auf hohem Niveau. Denn als Ästhetik verstößt der Filme gegen so gute wie jede der Regeln und als Geschichte erzählt er genau das: wie die besten Regeln irgendwann nicht mehr taugen, sie haben ihre Zeit gehabt. Denn Dick und seine Freunde lieben ihre Waffen, die liebe Wendy, der er einen Brief zum Abschied schreibt, und den unzuverlässigen Bad Steel über alles, sie mystifizieren sie, sie zelebrieren alle Rituale, die Amerika je erdachte. Und sind doch überzeugte Pazifisten, das ist die goldene Regel. Die verborgenen Waffen geben den Underdogs Selbstwertgefühl. Bis Sebastian kommt. Der ist das Leben und sagt ihnen, dass dies ein Schmierentheater ist. Nein sagt Dick und will es beweisen. So wollen sie Sebastians Grandma zu Cynthia bringen und nie haben Pazifisten so viel Munition verschossen für solch absurden Zweck. Es endet mit mehr Toten als Hamlet aber richtig traurig ist es nicht. Denn Lars von Trier hat das Buch geschrieben in der Manier seines Dogville, also extrem stilisiert. Und Thomas Vinterberg erzählt die Geschichte der Gang von Dogville dann auf seine Art, also etwas weniger artifiziell, er gönnt seinem Freund Lars die gezeichneten Dogville-Zitate und sich die Zeitlupen aus Privat Ryan. So ist es, als seien ein paar Dekorationen auf die Bühne von Dogville gebaut, eine Mixtur aus quasi-dokumentarem Erzählen ein Erzähler im Off , und stilisiertem Drama; eine surreale Geschichte in den Farben des Realen. Das ist wie Abenteuer in Bamsdorf, wenn sie damals schon Sex & Drugs & Rock‘n‘Roll gekannt hätten.

Huey, der Junge ohne Beine, läuft stolz einige Schritte, hinein in den Kugelhagel, wie er bei Bonnie & Clyde nicht dichter war. So ist dies auch ein Film über die Ambivalenz: Niemand vermag zu sagen, ob dieses rituelle Sterben eine Parodie ist oder eine Reverenz. Es ist wohl beides und es ist der Abschied von der Sicherheit der Regeln.

Autor: Henryk Goldberg

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere