Die Beredsamkeit des Schweigens

Die Kraft der Stille

Ein Film zum Schwärmen. Und zum Staunen. Denn Regisseurin Sophie Heldmann, Absolventin der dffb, die auch am Drehbuch mitarbeitete, gibt hiermit ihr Spielfilmdebüt. Und das ist wahrlich glanzvoll.

Der Film lebt vom Spiel zweier Großer des deutschsprachigen Kinos, Senta Berger und Bruno Ganz. Beide sind seit rund einem halben Jahrhundert im Geschäft. Beide haben neben viel Durchschnittlichem (auch Stars müssen Miete zahlen!) immer wieder mit Herausragendem aufgewartet. Die Präsenz der Zwei ist enorm. Als Zuschauer lässt sich nicht entscheiden, wie viel davon der Inszenierung und wie viel dem Können der Schauspieler, vielleicht auch deren Erfahrung und Einfallsreichtum, zu danken ist. Letztlich ist das aber egal. Was zählt ist das Ergebnis. Und das begeistert.

Wie oft bei wirklich großen Spielfilmen ist die erzählte Geschichte relativ klein: Fred (Bruno Ganz) und Anita (Senta Berger) haben eine Tochter, einen Sohn und eine Enkelin. Materiell geht es ihnen gut. Es gab wohl mal Krisen, früher, doch man hat sich zusammengerauft. Die Zwei lieben sich, ganz einfach, ganz kompliziert. Die Krise kommt mit einer möglicherweise lebensbedrohlichen Krankheit Freds. Operation, ja oder nein? Anita ist fassungslos, dass er diese wichtige Frage allein beantworten will. Das Paar, seit Jahren in ruhigem Fahrwasser, gerät in einen heftigen Strudel von Nicht-Verstehen, Missachtung, Alleinsein-Müssen und Nicht-Können.

Senta Berger und Bruno Ganz beherrschen die Kunst, im Unausgesprochenen ungeheuer viel auszudrücken, mit geringstem körperlichen Einsatz in die Seelen der von ihnen verkörperten Figuren blicken zu lassen. Eine Wohltat! Allein die Blicke, die die Beiden tauschen, erzählen ganze Romane. Einmal etwa legt er ihr seine Pranke in den Nacken, als wolle er eine Katze kraulen oder vielleicht doch auch zur Räson bringen. Das leise Zucken, mit dem Senta Bergers Anita darauf reagiert, der Lidschlag, fährt einem als Zuschauer durch und durch.

Das Drehbuch von Sophie Heldman und Felix zu Knyphausen setzt auf die beiden Schauspieler und auf die Kraft der Bilder. Es gibt keine der hierzulande üblichen Dialogfluten. Wenn geredet wird, dann wird nichts erklärt, nichts gedeutet, dann sind die Worte absolut notwendig, um das Befinden der Protagonisten auszudrücken. Wunderbarerweise bleibt aber eben vieles ungesagt, unausgesprochen. Die Zuschauer werden ernst genommen, dürfen wirklich mitfühlen und mitdenken, dürfen sich ihre eigene Geschichte zusammenstellen.

Natürlich: Das ist nichts für Actionfans, auch nichts für Leute, die jede Nuance erklärt haben, jeden Konflikt gelöst haben müssen. Sie dürften sich in den langen Einstellungen und den vielen Großaufnahmen der Gesichter rettungslos verlieren. Erst recht dann im Ende der Geschichte, so wie der Film es aufblättert: Hier beweisen die Filmemacher einen verblüffenden Mut zur Irritation. Anspruchsvolle Kinobesucher, die in der Kunst immer auch eine anregende Reflexion der Wirklichkeit suchen, wird das beglücken.

Peter Claus

Satte Farben vor Schwarz, Sophie Heldman (Deutschland 2010)

Bilder: farbfilm

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