The Master (Paul Thomas Anderson)

Klappern gehört zum Geschäft. Paul Thomas Andersons Spielfilm „The Master“ geht der Ruf voraus, eine Abrechnung mit der Scientology-Sekte zu sein. Dem ist nicht so. Aber das verkauft sich natürlich großartig. Dabei hat der Film derlei Etikettenschwindel gar nicht nötig. Er ist auch so großartig. Denn „The Master“ zielt künstlerisch packend auf eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Unwesen jedweder fanatischen Gemeinschaft. Das lässt zahlreiche Assoziationen zu. Und der Film dürfte viele zu Nachdenken anregen.

Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Paul Thomas Anderson wurde nach seinem zweiten Spielfilm „Boogie Nights“ (1997), damals war er gerade mal 27, als Wunderkind Hollywoods gefeiert. Anders als andere Wunderkinder hielt er sich. In größeren Abständen folgte Film auf Film, drei bisher, drei weitere Meisterwerke. Zuletzt ging sein mit geradezu antiker Wucht fesselndes Öl-Drama „There Will Be Blood“ (2007), eine hoch spannende Anti-Kapitalismus-Parabel, um die Welt. Zwei Oscars und -zig andere Auszeichnungen, Kritikerjubel und Publikumszulauf zeugen vom Erfolg. Auch „The Master“ hat bereits Ehrungen bekommen: nach wichtigen Preisen anlässlich der Uraufführung auf dem letzten Filmfestival in Venedig hagelte es Auszeichnungen auf unzähligen Festivals und von Kritikerverbänden in den USA und England. Bei der anstehenden Oscar-Verleihung ist der Film mit drei Nominierungen für die Schauspieler Amy Adams, Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix im Rennen.

Es sind immer auch Schauspieler-Filme, die Anderson dreht. Die Akteure sind bei ihm stets außerordentlich gefordert. Und sie vollbringen in der Regel Außerordentliches. Denn er erzählt gern verzwickte, komplexe Geschichten über das Leben schwieriger, oft geradezu neurotischer Charaktere. Einen solchen, namens Freddie Quell, spielt hier Joaquin Phoenix. Er zieht das Publikum in die um 1950 beginnende Erzählung hinein. Mit ihm lernen die Zuschauer den Sekten-Chef Lancaster Dott (Philip Seymour Hoffman) und dessen Frau Peggy (Amy Adams) kennen. Ein wahrlich infernalisches Trio. Der durch einen Fronteinsatz im Zweiten Weltkrieg traumatisierte und dazu durch Drogen- und Alkoholmissbrauch zerstörte Freddie wird für Lancaster Dott so etwas wie ein Pitbull auf zwei Beinen. Wer seinem Chef in die Quere kommt, den macht Freddie fertig. Das hilft Lancaster, seine Position zu festigen und den Profit zu mehren. Kritiker werden durch seinen Wachhund mundtot gemacht, mindestens mundtot. Brillanter Redner und ausgefuchster Demagoge, der er ist, sammelt Lancaster Dott allerdings eine immer größer werdende Schar von Getreuen. Was sich auch Freddie als Erfolg anrechnen könnte. Doch psychisch angeschlagen, wie er ist, seinem „Meister“ bis zur Selbstaufgabe ergeben, nagt es an ihm, wenn andere scheinbar eine größere Gunst genießen als er selbst. Der Mann wird zur wandelnden Bombe, die jeden Moment hochgehen kann. Läuft das auf Mord und Totschlag hinaus?

Diese Frage sorgt für Nervenkitzel und hält den Episodenrausch zusammen. Eine geradlinige Geschichte wird nämlich nicht erzählt. Anderson beleuchtet das Thema mit einer großen Zahl von Miniaturen, in sich abgeschlossenen Mini-Dramen, die, aneinander gefügt, ein Episoden-Karussell ergeben…

 

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52 Filmkritiken, geschrieben und veröffentlicht in den Jahren 2010 bis 2013, bieten Einblicke und Ansichten, vermitteln Zusammenhänge und Perspektiven.
Das Thema der Filmkritik ist das Filmesehen. Und Filmesehen ist eine Kunst. Und Georg Seeßlen versteht davon eine ganze Menge. Seine kompetente Übersetzung des audiovisuellen Mediums Film in Sprache ist tiefgründig, vielschichtig und bezieht aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen mit ein.
Gehen Sie mit Georg Seeßlen auf eine Reise in die Filmgeschichte. Eine Reise in Zeit und Raum.

 

 

Bilder: Senator

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