Freiheit (Regie: Jan Speckenbach)

Sperrig, schräg, staubtrocken: der 47-jährige Autor und Regisseur Jan Speckenbach hat Mut. Er traut sich, das Publikum herauszufordern. Er setzt, das hat Seltenheitswert, in seinem neuen Spielfilm nicht auf eine lineare Erzählung. Zudem verzichtet er darauf, jede Situation, jeden Gedankengang, jedes Gefühl auszubuchstabieren. Ein Film voller Geheimnisse. Wunderbar. 2012 hat er im Kino debütiert, bis dahin war er vor allem als Videokünstler am Theater erfolgreich. Debütiert als Kino-Regisseur hat er mit der dystopischen Gesellschaftsparabel „Die Vermissten“. Der überaus gelungene Spielfilm wurde weithin als Versprechen eines außerordentlichen Talents gefeiert. Mit „Freiheit“ löst Speckenbach das Versprechen beeindruckend ein.

Die Story fesselt schon mal damit, dass nicht klar ist, was die Hauptfigur (Johanna Wokalek) antreibt. Nora heißt sie. Es ist sicher kein Zufall, dass sie den Namen der Protagonistin von Ibsens gleichnamigem berühmten Emanzipationsdrama trägt. Bei Speckenbach ist sie 40, verheiratet, Mutter. Scheinbar Hals über Kopf verlässt sie die Familie. Andernorts möchte sie sich selbst finden und ihr Dasein neu definieren. Doch das ist gar nicht einfach, und nicht nur, weil Nora, die sich in der Fremde einen anderen Namen zulegt, kaum Geld hat.

Jan Speckenbach präsentiert die Geschichte als ein Triptychon, beleuchtet das Geschehen aus drei Blickwinkeln, was den Zuschauern verschiedene Perspektiven ermöglicht. Das ist ausgesprochen spannend. Noras neue Existenz, die scheinbar nur dem Augenblick verpflichtet ist, wird in impressionistischen Momentaufnahmen gezeigt. Immer wieder – sei es bei einem Museumsbesuch, während einer Busfahrt, bei einem flüchtigen sexuellen Abenteuer – flüchtet sie. Nie kommt sie dort an, wo sie meint, bleiben zu können. Nur einmal flackert Hoffnung auf: Nora lernt in Bratislava eine patente junge Frau aus dem Rotlichtmilieu kennen, erlebt ein Familienleben, das auf den ersten Blick geradezu idyllisch anmutet. Doch auch hier hält sie es nicht aus. Und ihr Mann, der Jurist Philip (Hans-Jochen Wagner)? Auch er wird als Getriebener gezeigt. Wo sie  scheinbar irreal handelt, verharrt er in Routine, geht allenfalls in Gedanken, in zahllosen Reden, neue Wege. Sie in Taten umzusetzen, die Kraft hat er nicht.

Immer wieder setzt der Film auf Spiegelbilder, auch im übertragenen Sinn. Während sich Noras Welt etwa mehr und mehr weitet, wird die von Philip enger und enger. Wobei Beide in geistiger Leere gefangen bleiben. Hier erreicht der Film eine aufregende Dimension, wenn er, wie nebenbei, die Sinnlosigkeit eines Lebens geißelt, das ganz auf Äußerlichkeiten, auf Materielles, setzt. Der Sinn des Daseins? Nora und Philip finden ihn nicht. Was Speckenbach nicht mit Larmoyanz reflektiert. Er konstatiert nüchtern. Seine Protagonisten erscheinen typisch für die bürgerliche Ordnung: Alle Regeln sind festgezurrt, die Spielräume sind klein, die Phantasie bekommt kein Futter im durchorganisierten Alltagstrott. Subtil, ohne vordergründige Verweise, wird die Macht der ökonomischen Zwänge deutlich: Richte Dich ein und bescheide Dich, so die Botschaft des Kapitals. Du kannst es Dir einfach nicht leisten, auszubrechen. Da weitet sich der Film, wie schon Ibsens Stück “Nora” vor bald 150 Jahren, zum düsteres Bild unserer Gesellschaft.

Johanna Wokalek hat am Theater und im Film schon oft ihr großes Können bewiesen. Kinofans ist sie bestens in Erinnerung durch ihre subtilen Charakterporträts in Spielfilmen wie “Barfuss”, “Die Päpstin”, “Die kommenden Tage”. Hier nun hat sie die überaus schwierige Aufgabe, fassbar einen Charakter zu gestalten, der sich aller Fassbarkeit entziehen möchte, eine Frau zu verkörpern, die in keinerlei Schema passt. Johanna Wokalek spielt gleichzeitig wuchtig und fragil. Das ist äußerst reizvoll. Selbst wenn einem der Verstand sagt, dass die von ihr verkörperte Nora ins Leere rennen muss, geht man doch gern mit ihr mit. Und so wie sie, sitzt man am Ende da und fragt sich, was es eigentlich heißt, frei zu sein. Darauf gibt es viele Antworten. Nora findet keine einzige. Das Publikum ist aufgefordert, selbst nachzudenken. Noch einmal: wunderbar!

Peter Claus

Bilder: © 

Freiheit, von Jan Speckenbach (Deutschland 2017)

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